Weihnachtskrippe

Hagen zeigt außergewöhnliche Krippe von Emil Schumacher

Der hagener Maler Emil Schumacher hat 1947 eine Krippe gestaltet.

Der hagener Maler Emil Schumacher hat 1947 eine Krippe gestaltet.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  Diese Krippe ist rein privat und sonst nirgends zu sehen: Hagen zeigt die Künstlerkrippe des Malers Emil Schumacher

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Diese Figuren sind Überlebende, man sieht ihnen an, dass sie eine Geschichte, ein Schicksal haben. Der Hagener Maler Emil Schumacher hat im Jahr 1947 eine Krippe geschaffen, ein ungewöhnlich persönliches Werk. Nur fünf Güsse gibt es, die sich sämtlich im Besitz Hagener Familien befinden. Bis zum 5. Januar wird diese Darstellung der Geburt Christi im Hagener Emil-Schumacher-Museum ausgestellt. Die Krippe ist als Auftragswerk möglicherweise für die ev. Kirche in Breckerfeld-Zurstraße entstanden. Als der damalige Pfarrer das Ensemble sah, soll er enttäuscht bemerkt haben: „So haben wir uns das aber nicht vorgestellt.“

Die Heilige Familie bleibt also bei Schumachers in Hagen. Heute weiß man, wie außergewöhnlich die Skulpturen sind. Emil Schumacher nähert sich der Thematik mit einem hohen Grad an theologischer Durchdringung. Es gibt nur wenige vergleichbare Künstlerkrippen. Sie alle sind für den privaten Gebrauch geschaffen worden und in Museen oder auf dem Kunstmarkt nicht präsent.

Ein besonderes Kunstwerk aus Hagen

Warum ist die Weihnachtskrippe von Emil Schumacher derart besonders? Eine Analyse liefert die Antworten.

Das Material der Krippe

Emil Schumacher hat die Krippe in Hagen aus einer Mischung von Sand und Zement gegossen. Das Material verleiht den Figuren eine überzeitliche Aura, sie wirken wie archäologische Fundstücke aus einer Höhle in Bethlehem. Diese archaische Anmutung ist bei Schumacher allerdings mehr als ein Brückenschlag in die Tiefen der Geschichte. Sie ist gleichzeitig Ausdruck eines Bedürfnisses nach expressionistischer Reduktion. Schumacher ist 35 Jahre alt, selbst junger Vater und ein noch unbekannter Maler, der mit seiner Kunst zum Kern der Dinge durchdringen will. Was könnte wesentlicher sein als das Urmotiv eines Paares, das ein Kind bekommt, aber kein Zuhause dafür hat, ein Paar, das kurz nach der Niederkunft fliehen muss?

1947 sind die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch sehr präsent, und Schumachers Heimatstadt Hagen ist überfüllt mit Ausgebombten, Flüchtlingen und Vertriebenen, Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren haben. Ihnen setzt er mit seiner Krippe ein Denkmal. Die Figuren sind versehrt, aber sie sind auch lebendig, sie sind noch zusammen, eine Familie. Und sie haben einen Engel bei sich.

Die Farben der Figuren

Auf den ersten Blick wirkt Emil Schumachers Krippe außergewöhnlich modern. Beschäftigt man sich jedoch mit den Details, stellt man fest, dass der Künstler sich in eine lange Kunsttradition einreiht. Motive der Weihnachtsgeschichte zählen zu den frühesten Malereien des Abendlandes, und dabei gelten Regeln, zum Beispiel eine Farbsymbolik. Seit dem Konzil von Ephesus 431 rückt Maria in den Rang einer herrschaftlichen Gottesmutter auf. Also beginnen die Maler jetzt, sie in kaiserlichem Purpur darzustellen. Purpur wird aus den Drüsen der Purpurschnecken gewonnen. Die Farbe ist so kostbar, dass mit ihr gefärbte Kleidung nur die Kardinäle und der Papst tragen dürfen. Etwa 8000 Schnecken sind nötig, um ein Gramm Purpur herzustellen.

Im Verlauf des Mittelalters ändert sich die Farbsymbolik. Nun wird das Blau zur Farbe des Himmels, und die Himmelskönigin Maria erhält einen blauen Mantel.

Der Stab des Josef

Trotz der bewusst abstrakten Gestaltung der Figuren ist zu erkennen, dass die sitzende Maria blutjung sein muss. Den Josef stellt Emil Schumacher ebenfalls in der Überlieferung der Anbetungs-Szenen seit dem Mittelalter als älteren Mann mit Bart dar. Er trägt das praktische, preiswerte Graugrün der Handwerker und arbeitenden Leute. Den Stab braucht er nicht nur, um sich darauf abzustützen, er dient ihm auch zur Verteidigung gegen die möglichen Gefahren der Flucht. Er wacht als Beschützer über seine kleine Familie.

Was macht der Engel?

Emil Schumachers Engel erstrahlt in Goldgelb, neben Purpur die teuerste und am schwierigsten herzustellende Farbe. Dafür braucht man Färberdisteln und Safran, die müssen importiert werden, ebenso das Alaun, das als Beize benötigt wird. Goldgelb ist daher die Farbe der Sonne und des Göttlichen und nur dem kirchlichen Stand vorbehalten. Da der christliche Ursprung des Christfestes mehr und mehr verloren geht, mögen sich viele Kunstfreunde fragen, was der Engel überhaupt bei der Geburt zu suchen hat? Ohne Engel gibt es kein Weihnachten. Er verkündet den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft, deshalb heißt er Verkündigungsengel. Und er steht dafür, dass der Mensch sogar in seiner existenziellen Not vom Göttlichen berührt bleibt.

Wie liegt das Kind?

Bei der Darstellung des Kindes hat Emil Schumacher kein Detail dem Zufall überlassen. Das Stroh, auf das Christus gebettet ist, stammt in der Ausstellung noch original von 1947, und jeder Halm ist vom Künstler eigenhändig arrangiert worden. Hält man sich wiederum mittelalterliche Altarbilder vor Augen, stellt man fest, dass Jesu Körper meist von einer Aureole umgeben ist, einem Strahlenkranz, der aussagt: Der Heiland bringt das Licht in die Welt. Schumachers Anordnung der Halme imitiert einen gemalten Strahlenkranz.

Gleichzeitig sind die Halme in Kreuzesform verlegt. Und auch das Kind liegt in einer Haltung auf dem Stroh, wie sie später der Gekreuzigte einnehmen wird. Emil Schumacher denkt also in der Freude über die Geburt den Karfreitag schon mit. Der Heiland blickt übrigens nicht zu seinen Eltern, sondern zum Betrachter. Die Botschaft ist klar: Dieses Kind geht uns alle an. Es ist der Menschensohn.

Die Krippe ist bis zum 5. Januar im Emil-Schumacher-Museum in Hagen zu sehen.

www.esmh.de

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