Bauhaus-Jubiläum

Hagener Osthaus macht Bauhaus-Gründer Gropius groß

Dr. Birgit Schulte und Prof. Dr. Reinhold Happel geben den umfangreichen Briefwechsel zwischen Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius heraus. Sie beleuchten die Rolle von Osthaus für das Bauhaus.

Dr. Birgit Schulte und Prof. Dr. Reinhold Happel geben den umfangreichen Briefwechsel zwischen Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius heraus. Sie beleuchten die Rolle von Osthaus für das Bauhaus.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  So funktioniert Karriereplanung: Kunst-Pionier Karl Ernst Osthaus baut für Walter Gropius ein Netzwerk aus Unternehmern und Kulturschaffenden

Es sind die Unternehmer, welche um die Jahrhundertwende die Fürsten ablösen. Fabriken werden zu neuen Schlössern. Doch wie baut man sie? Um diese Frage gibt es erbitterte Konflikte. Der Streit wird zu einem Motor der Industriekultur. Der Weg dafür wird in Hagen bereitet. Ohne Hagen kein Bauhaus. Auf diese Formel lassen sich die Forschungsergebnisse von Dr. Birgit Schulte und Prof. Dr. Reinhold Happel bringen. Die Kustodin des Osthaus-Museums und der Kunsthistoriker haben erstmals die Korrespondenz zwischen dem Hagener Kunst-Mäzen Karl Ernst Osthaus und dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius ausgewertet. Die Erschließung der 400 Briefe macht deutlich, wie systematisch Osthaus Gropius 12 Jahre lang fördert, ideell, materiell und organisatorisch - und wie konsequent Gropius diese Chance für seine Karriereplanung nutzt.

Als beide Männer sich im Frühjahr 1908 in Madrid kennenlernen, ist Osthaus ein reicher Erbe und Gropius ein abgebrochener Architekturstudent. Osthaus erteilt dem neun Jahre Jüngeren den Auftrag, Fliesen für ihn zu sammeln, die heute im Hagener Hohenhof zu sehen sind. Kurze Zeit später bringt er Gropius im Büro von Peter Behrens unter, dem führenden modernen Architekten der Zeit. Behrens baut gerade die Villen Schröder und Cuno in Hagen. Auch Mies van der Rohe und Le Corbusier arbeiten in seinem Büro. „Ich preise das Geschick, das mich in den Kreis ihres Kulturschaffens geführt hat“, schreibt Gropius nach Hagen, und zu dieser Dankbarkeit hat er allen Grund. Denn jetzt wird das weitreichendste Kunst-Netzwerk des 20. Jahrhunderts geknüpft.

Exklusiver Bund

Osthaus verschafft Gropius die Mitgliedschaft im Deutschen Werkbund, einer exklusiven Vereinigung von Künstlern, Architekten und Unternehmern. Bewerben kann man sich nicht, die Aufnahme erfolgt nur auf Einladung. 1911 hält Gropius dann in Hagen einen wegweisenden Vortrag über Industriearchitektur, der Osthaus endgültig von seinem Potenzial überzeugt. Als Folge darf er die Wander-Ausstellung „Vorbildliche Industriebauten“ konzipieren.

Geheime Pläne

1919 vermittelt der Hagener Gropius als Nachfolger von Henry van de Velde an die Kunstgewerbeschule in Weimar. „Ich bin dabei, etwas ganz anderes ins Werk zu setzen, was mir schon lange Jahre im Kopfe spukt – eine Bauhütte! mit einigen wesensverwandten Künstlern“, weiht Gropius ihn kurz darauf in seine geheimen Pläne ein.

„Er war oft zu Besuch in Hagen“, schildert Birgit Schulte. „Dann hat er im Hohenhof gewohnt. Einmal haben beide aus Versehen ihre Spazierstöcke vertauscht, ein andermal hat er seine Gitarre vergessen. Er war auch deshalb oft in Hagen, weil Frau Cuno dauernd etwas Neues an der Villa haben wollte.“

Umzug nach Hagen

Mehrfach kommt ein Umzug des Architekten von Berlin nach Hagen zur Sprache, denn Osthaus bringt ihn für die Gartenvorstadt Emst und den Weiterbau der Künstlerkolonie Hohenhagen am Stirnband in Stellung. Die Pläne zerschlagen sich durch den Ersten Weltkrieg.

Doch warum ist das Thema Industriebauten so umstritten? „Man war der Auffassung, dass die Industriellen und die Künstler die Elite der Gesellschaft bilden. Die Zukunft der Gesellschaft liegt demnach nicht nur ökonomisch bei den Industriellen, sondern auch kulturell. Man erhofft sich vom Industriebau nichts weniger als den neuen Stil der Moderne“, erläutert Reinhold Happel.

Streit um die Fabriken

Dagegen ziehen die – ebenfalls neuen – Heimatschutzvereine ins Feld. Das wilhelminische Bildungsbürgertum entwickelt als Antwort auf die rasanten Veränderungen durch die Industrialisierung eine antimodernistische Ästhetik, die Flucht in eine idealisierte Vergangenheit. Fabriken und Zechen werden wie mittelalterliche Burgen und Kirchen gebaut. „Es gibt großen Streit darüber, was eigentlich gute Industriearchitektur ist“, resümiert Birgit Schulte. „Osthaus und der Werkbund regen sich darüber auf, dass man nach außen so tun will, als wäre ein Gebäude ein Schlösschen und nach innen ist es eine Fabrik. Das Krematorium in Delstern sollte anfangs als Burgruine gebaut werden, um den Schornstein zu verstecken. Die Vertreter der Moderne waren der Auffassung, dass man für neue Funktionen auch neue Lösungen finden muss.“

Der einzige Duz-Freund

Walter Gropius ist der einzige Künstler, dem Karl Ernst Osthaus je das Du anbietet, brieflich, mitten im Ersten Weltkrieg. „Gropius war die ganze Kriegszeit an der Front, er kehrte schwer traumatisiert zurück, er konnte zeitlebens keine Nacht mehr richtig schlafen, weil er zwei Tage lang verschüttet war“, so Birgit Schulte. Nach 1918 will die Avantgarde nicht nur neue Häuser bauen, sondern auch den neuen Menschen bilden. Osthaus erlebt das nicht mehr, er stirbt 1921 an den Folgen einer Kriegsverletzung. Gropius’ Beziehung zu Hagen endet erst 1928. Damals lehnt der Hagener Stadtrat die Bewerbung des Architekten um den Neubau der Ingenieurschule ab.

www.osthausmuseum.de

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