Musik

Hagens ältestem Chor gehen so langsam die Sänger aus

Immer donnerstags wird geprobt: Der MGV 1846 Rheingold Hagen-Eppenhausen besteht noch aus aktiven 18 Sängern.

Immer donnerstags wird geprobt: Der MGV 1846 Rheingold Hagen-Eppenhausen besteht noch aus aktiven 18 Sängern.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  Der MGV 1846 Rheingold Hagen-Eppenhausen ist der älteste Hagener Chor. Weil Sänger fehlen, will er keine eigenen Konzerte mehr geben.

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Braucht noch einer den Weihnachtsfrieden...? Mal abgesehen davon, dass wir ihn doch eigentlich alle benötigen – hier geht es um Notenblätter, die die Herren im besten Alter gerade herumreichen. Dann ist kurz Ruhe in jenem Saal, in dem eine Frau eine Handvoll Männer dirigiert. Hinten nimmt noch einer ein kleines Schlückchen Veltins-Pils aus der Pulle, Stimme ölen. Der Fuß wippt, und dann geht es auch schon weihnachtlich in die Vollen.

An einem Abend, an dem der Jüngste des Männergesangsvereins 1846 Rheingold Hagen-Eppenhausen kurzfristig absagen musste. Der Gute ist 65 Jahre alt. Und das zeigt das Dilemma, das dieser Chor mit so vielen anderen teilt: Es fehlt an Nachwuchs.

MGV will keine eigenen Konzerte mehr geben

Also haben die Herren des ältesten Hagener Chores einen Entschluss gefasst, der da lautet: keine eigenen Konzerte mehr. Der letzte große Auftritt der verbliebenen Sänger, er war am 22. September. Und wenn der Vorsitzende Paul Dieter Baumann an jenen Spätnachmittag in der Dreifaltigkeitskirche unter dem Motto „Ein Lied für dich“ zurückdenkt, dann klingt ein wenig Wehmut in seiner Stimme: „Die Kirche war noch einmal so richtig voll. Wir hatten uns das so sehr gewünscht – ein letztes Konzert, bei dem die Menschen sagen: Schade, dass sie aufhören. Und nicht: Gut, dass sie endlich ruhig sind. Das hat funktioniert.“

Wunsch also erfüllt. Und so ganz ruhig sind sie ja noch nicht. Immer donnerstagabends wird weiter gesungen. „Für Gastauftritte oder gemeinsame Auftritte mit anderen Chören sind wir noch immer zu haben“, sagt Paul Dieter Baumann, „wir wollen ja nicht nur für Nüsse proben. Wir brauchen ein Ziel vor Augen.“

Mehr als 180 Sänger nach dem Ersten Weltkrieg

So wie jene Männer, die sich vor mehr als 100 Jahren immer wieder zusammenfanden. „Nach dem ersten Weltkrieg – da hatte der MGV Rheingold mal 180 Sänger“, sagt Paul Dieter Baumann, „das war damals der größte Chor in der ganzen Stadt.“

1863 wurde der Chor unter dem Namen MGV Germania gegründet. Weil nach diversen Fusionen (zum Beispiel 1921 mit Harmonie 1899) schließlich im Februar 1992 auch noch die Mitglieder des MGV Hagen beitraten, rückte die Jahreszahl 1846 in den offiziellen Namen des Vereins.

Der zweite Bass ist nur noch dünn besetzt

Diese goldenen Zeiten sind allerdings lange vorbei. „Wir sind ja mittlerweile alle friedhofsblond“, sagt Paul Dieter Baumann, der selbst seit Januar 1975 Vorsitzender des MGV ist. „Die Vereine, die Chöre – sie schrumpfen zunehmend. Klassische Männerchöre brechen weg.“

Nur noch wenige Mitglieder – das hat auch musikalische Folgen: „Im zweiten Bass haben wir nur noch zwei Stimmen“, sagt Nicole Dienstuhl, die den MGV Rheingold Hagen-Eppenhausen leitet, „wenn da dann noch mal jemand ausfällt – dann kriegen wir keinen Chorklang mehr hin. Das hört sich dann einfach nicht mehr gut an.“

An diesem Probenabend singen sie mit angezogener Handbremse – ganz ohne zweiten Bass. „Mal gucken, wie sich das dann anhört“, sagt Nicole Dienstuhl. „Stille Nacht“ ist das nächste Lied. Niemand benötigt für diesen Klassiker ein Notenblatt.

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