Oper von Hindemith

Kunst-Terrorist am Theater Hagen mordet bei Flötenmusik

Thomas Berau singt den Cardillac (hier mit dem Chor des Theaters Hagen).

Thomas Berau singt den Cardillac (hier mit dem Chor des Theaters Hagen).

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen

Hagen.  Erneut führt Jochen Biganzoli Regie am Theater Hagen. Nach dem Tristan-Erfolg erhofft sich das Haus nun ähnlich gute Kritiken mit Paul Hindemith.

Das Bauhaus-Jahr 2019 wird in Hagen auch musikalisch erlebbar. Am kommenden Samstag feiert die Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith im Theater Premiere. Sie entstand 1926, zur Zeit von Bauhaus und „neuer Sachlichkeit“, und die Musik des Komponisten wurde seinerzeit auch schon mal als Bauhaus-Barock bezeichnet.

Tatsächlich fühlte sich Hindemith der Kunstschule in Weimar und Dessau verbunden, Musik von ihn wurde schon 1921 auf der ersten Leistungsschau des Bauhauses aufgeführt, und für das Bühnenbild eines seiner Frühwerke wählte er keinen geringeren als Oskar Schlemmer. „Als Intendant fand ich diese ästhetische Parallele zwischen Bauhaus-Stil und Hindemith ausgesprochen interessant“, erläutert Francis Hüsers, warum er die eher unbekannte Oper in das Repertoire des Hagener Hauses aufgenommen hat.

Man darf gespannt sein, wie das Hagener Publikum die Musik Hindemiths (1895 bis 1963) aufnimmt. Schon zu Lebzeiten galt sie als rigoros und harsch, suchte der Komponist den sinfonischen Sog eines Richard Wagner bewusst zu vermeiden, distanzierte sich aber auch von der Zwölftontechnik eines Arnold Schönberg. „Hindemith hat keinen radikalen Bruch vollzogen, seine Klänge haben viel Kraft, aber es gibt auch wunderbare, lyrische Arien“, sagt Generalmusikdirektor Joseph Trafton, der die Oper dirigiert.

Zum Mord ein Flötenduett

Dass sich das Hagener Haus einen ähnlich großen Erfolg erhofft wie bei der hochgelobten Tristan-Aufführung aus der vergangenen Spielzeit, liegt daran, dass Hüsers, der selbst als Dramaturg in die Aufführung eingebunden ist, mit Jochen Biganzoli wieder jenen Regisseur für die Inszenierung gewinnen konnte, der mit dem Wagner-Drama deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hatte.

„Cardillac“ beruht auf der Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann und handelt von einem Goldschmied, der die Käufer seines Schmucks ermordet, weil er von den von ihm geschaffenen Dingen nicht mehr lassen kann. „Die Musik Hindemiths passt eigentlich gar nicht zu so einem Psychodrama“, verweist Biganzoli darauf, dass ein Mord etwa zu den Klängen eines Flötenduetts vor sich geht.

Die totale Vermarktung

Also hat er, wie das schon Zeitgenossen Hindemiths durchschaut haben, zum Künstlerdrama uminterpretiert. Cardillac wird demnach zum Kunstterroristen, weil er die Gesellschaft, in der er lebt, nicht mehr für würdig hält, seine Werke zu begreifen. Er wendet sich gegen die totale Vermarktung der Kunst oder, wie Biganzoli es ebenso treffend wie maliziös formuliert: „Früher ging man zu Bach und Mozart, heute geht man zur Netrebko.“

Hört sich alles ein bisschen abgehoben an, wie auch Francis Hüsers zugeben muss. Doch keine Bange, die 95-minütige Produktion (drei Akte ohne Pause) sei im Gegenteil sehr berührend. Und sie entspreche seinem Ideal als Intendant: „In sinnlicher Art und Weise eine intellektuelle Auseinandersetzung zu führen.“

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