So arbeitet Hagen

Mehr als nur denken: Wie Hagener Wissenschaftlerin arbeitet

Dr. Franka Schäfer vor dem Bücherregal  in ihrem Büro an der Fernuni Hagen. Die Soziologin arbeitet  derzeit an ihrer Habilitation.

Dr. Franka Schäfer vor dem Bücherregal in ihrem Büro an der Fernuni Hagen. Die Soziologin arbeitet derzeit an ihrer Habilitation.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Wie funktioniert die Gesellschaft? Franka Schäfer erforscht das an der Fernuni Hagen. Sie ist Wissenschaftlerin, obwohl ihr Abi schlecht war.

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Kann das passen? Freies Denken, forschen und dann ein fester Arbeitstag mit vielen Pflichten? Dr. Franka Schäfer versucht diesen Spagat Tag für Tag. Sie ist akademische Rätin am Institut für Soziologie der Fernuniversität Hagen. Und sie gehört damit zu einer großen Berufsgruppe in Hagen, die der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an vier Hochschulen in der Stadt arbeiten, deren Alltag aber für viele Bürgerinnen und Bürger ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Dabei erscheinen die Rahmenbedingungen zunächst einmal klassisch: Für wissenschaftliches Personal wie Franka Schäfer gilt auf dem Papier eine 40-Stunden-Woche. Und sie sagt über sich selbst: „Ich bin eine Büro-Arbeiterin.“ Von Dienstag bis Donnerstag ist sie in der Regel in ihrem eher kleinen Büro tätig. Montag und Freitag sind Home-Office-Tage.

Und mindestens zwei Tage in der Woche sind es auch ganz klassische Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr, wenn die Kolloquien mit den anderen Kolleginnen und Kollegen aus dem Soziologie-Institut stattfinden, wenn über die wissenschaftlichen Texte diskutiert wird, die Ergebnisse der Forschung schon einmal intern auf den Prüfstand gestellt werden. Die Kolloquien sind ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Betriebs, der im Alltag so gar nicht dem Klischee entspricht, dass hinter verschlossenen Türen vor sich hin sinniert wird, um dann mit einer neuen Weisheit ans Tageslicht zu treten.

Sie betreut bis zu 120 Studierende

Für Franka Schäfer ist das schon allein deshalb nicht möglich, weil die Betreuung der Studierenden einen großen Teil ihrer Arbeit einnimmt. „Ich sitze hier und beantworte Mails“, erklärt die 38-Jährige ihren Alltag, der sich dann doch an einer Fernuniversität deutlich von dem an einer Präsenzuni unterscheidet. „Die Studierenden sind ja in aller Regel nicht hier vor Ort, sondern leben irgendwo in ganz Deutschland oder auch im Ausland“, sagt Franka Schäfer. Sie gibt daher per Mail, im virtuellen Klassenzimmer oder per Telefon Feedback zu deren Arbeiten, stellt Aufgaben und beantwortet Fragen.

Bis zu 120 Studierende betreut sie, und das macht viel Arbeit. Eine Arbeit, die sie gerne erledigt. „Mir macht das Spaß“, sagt Franka Schäfer. „Insbesondere, weil wir ja hier an der Fernuni eine besondere Studierendenschaft haben. Die meisten stehen mit eigener Familie mitten im Leben, haben schon einen anderen Beruf erlernt oder sind auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen. Das ist anders als an einer klassischen Präsenz-Uni.“

50 Prozent soll die Forschung ausmachen

Die Arbeit in universitären Gremien, die den wissenschaftlichen Bereich, die Selbstverwaltung an einer Hochschule organisieren, ist eine weitere Säule ihres Arbeitsalltags. Und bei all dem soll die Forschung nicht zu kurz kommen, die laut Arbeitsvertrag 50 Prozent ihrer Tätigkeit ausmachen soll. Franka Schäfer arbeitet gerade an ihrer Habilitation, damit sie Professorin werden kann. „Praktiken im Diskursgewimmel“ ist das Forschungsobjekt überschrieben. Es geht dabei um soziologische Theorien, um Forschungen zu gesellschaftlichen Protestbewegungen, um das Verhältnis von Praxis und Diskursen.

Es ist ein sehr spezielles, auf den ersten Blick sehr wissenschaftliches und alltagsfernes Thema. Wobei Franka Schäfer immer wieder Wert darauf legt, dass es eben nicht zu theoretisch wird, dass der Praxisbezug nicht zu kurz kommt. „Ich gehe gerne raus, mache Interviews mit Menschen für die empirische Forschung“, sagt die 38-Jährige. Sie hat es genossen, die Ausstellung zur Hagener Musikszene „Komm nach Hagen, werde Popstar mach Dein Glück“ wissenschaftlich zu begleiten. Hier ging es eben nicht nur um Neue Deutsche Welle, sondern um die Ergebnisse einer spannenden gesellschaftlichen Entwicklung.

Protest in der Gesellschaft erklären

Und spannend bleibt es auch weiter für Franka Schäfer und auch ihre Kolleginnen und Kollegen am Soziologie-Institut der Fernuni Hagen. Nicht erst seit „Fridays for Future“ schreit es nach Erklärungen, wie die Gesellschaft mit der existentiellen Bedrohung des Klimawandels umgehen kann, wie gesellschaftliche Protestbewegungen funktionieren und welchen Einfluss sie haben. Fragen, wofür man die Soziologie denn überhaupt braucht, werden auf einmal ganz leise.

Franka Schäfer selbst ist eher durch Zufall zur Soziologie gekommen, ihr Weg in die Wissenschaft war keinesfalls generalstabsmäßig geplant. „Mein Abi-Schnitt war schlecht“, lacht die gebürtige Würzburgerin. Sozialarbeit wollte sie erst studieren, der Numerus Clausus war aber hoch. Dann eben etwas, das vom Wort her so ähnlich klingt, dachte sie sich. Aus dem Herantasten an ein Fach ist eine Leidenschaft geworden. Auch wenn sie sich im Studium durch Statistik durchkämpfen musste.

Voller Sympathie für Hagen

In Würzburg und Münster hat sie studiert und „ihren Doktor gemacht“. Im Jahr 2012 ist sie schließlich nach Hagen gekommen. Nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Leben . Sie wohnt am Remberg fährt mit dem Fahrrad zur Fernuni. Und wenn sie über ihre neue Stadt spricht, dann tut sie dies voller Sympathie: „Hier wirst Du jeden Tag mit dem Leben konfrontiert, hier sagen’s Dir die Menschen direkt ins Gesicht. Das alles ist sympathischer als in einer bildungsbürgerlichen Stadt wie Münster.“

Ein Paradies für eine Soziologin, eine Gesellschaftsforscherin. Aber sie wird nicht mehr allzu lange bleiben können. Wenn ihre Habilitation fertig ist, dann wird sie zu einer anderen Hochschule wechseln müssen. So verlangt es der wissenschaftliche Betrieb alle paar Jahre von seinem „Nachwuchs“, der man ohne Professur auch jenseits der 40 bleibt. Und bis man es auf eine der wenigen Professuren schafft – nur vier Prozent derer, die eine Karriere an der Uni starten, kommen in den Genuss – hangelt man sich zu Ungunsten von Zukunfts- und Familienplanung von einem Zeitvertrag zum anderen. Auch eine Facette der Arbeit in der Wissenschaft.

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