Ausbeutung

Menschenhandel: In Hagen suchen immer mehr Frauen Hilfe

Von Menschenhandel betroffene Frauen landen oft in der Prostitution – hier ein Symbolbild. Die Beratungsstelle in Hagen schlägt Alarm.

Von Menschenhandel betroffene Frauen landen oft in der Prostitution – hier ein Symbolbild. Die Beratungsstelle in Hagen schlägt Alarm.

Foto: Tom Thöne / Tom Thöne / WAZ FotoPool

Hagen.  Immer mehr Frauen suchen in Hagen Hilfe, weil sie Opfer von Menschenhändlern geworden sind. Oftmals werden sie zur Prostitution gezwungen.

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In Hagen gibt es eine Anlaufstelle für all die Frauen, die oft mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und dann ausgenutzt und missbraucht werden. Und diese Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel, die die Diakonie Mark Ruhr betreibt, hat mehr zu tun. Das zeigen aktuelle Zahlen.

Während 2018 bereits 37 Frauen mit 27 Kindern Schutz und Beratung bei den Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle in Hagen bekommen haben, waren es in diesem Jahr in dem Zeitraum von Januar bis Oktober 2019 schon 61 Frauen mit insgesamt 37 Kindern. „Darunter waren auch minderjährige Mädchen die Opfer der Lover-Boy-Masche wurden“, so Margarete Kummer. Die geht so: Meist spielen die Männer jungen Frauen große Romantik vor, machen sie emotional abhängig. Wenn sie von Eltern und Freunden isoliert sind, werden die Frauen unter Lügen (etwa: der Freund stecke in Geldnot) zu Prostitution gezwungen.

Die meisten Frauen kommen aus Ost- und Südeuropa

Auf Fälle wie diese macht die spezialisierte Hagener Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel auch anlässlich des Europäischen Tags gegen Menschenhandel am 18. Oktober aufmerksam. „Menschenhandel ist ein Verbrechen. Es ist sexualisierte Gewalt zumeist an Frauen und Mädchen und ein Straftatbestand im Sinne des Strafgesetzbuches“, stellt Margarete Kummer. „Opfer von Menschenhandel sind auch bei uns in Hagen in erster Linie Frauen und Mädchen aus Ost- und Südeuropa, aber auch aus Afrika, Asien und Lateinamerika.“

Sie würden mit falschen Versprechungen auf Arbeit oder Ehe nach Deutschland gelockt. Sie könnten die deutsche Sprache nicht und seien damit im fremden Land hilflos. Im Bewusstsein, die Existenz ihrer Familien in den Herkunftsländern zu unterstützen, würden sie in Deutschland mit erheblichem psychischen Druck und physischer Gewalt zur Prostitution gezwungen oder daran gehindert, aus der Prostitution auszusteigen. Sie würden in Bordelle, bordellähnliche Einrichtungen, Wohnungen oder auf den Straßenstrich gebracht.

Fachberatung fordert Schutz für Zeuginnen

Menschenhandel sei ein „lukratives Geschäft“ für die Täter und eine schwere Menschenrechtsverletzung; für die Verurteilung der Täter würden Zeuginnen benötigt. „Eine Aussage bedeutet für die von Menschenhandel betroffene Frau, dass sie sowohl dem Druck und der möglichen Gewalt durch den Täter gegen ihre eigene Person als auch gegen ihre Familien in den Herkunftsländern standhalten müssen. Aus diesem Grund sind nur wenige Frauen bereit, eine Strafanzeige zu stellen.“

Fachdienstleitung Heike Spielmann stellt fest: „In den Fällen in denen es zu anschließenden Strafprozessen kommt, werden die Frauen einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Nicht nur die Tatsache, dem Täter erneut begegnen zu müssen, ist sehr belastend, sondern auch die Länge der Strafprozesse.“ Erst vor einigen Tagen sei ein Strafprozess gegen Menschenhändler zu Ende gegangen. Dieser habe 22 Monate gedauert. „In dieser Zeit mussten die Opferzeuginnen immer wieder psychologisch betreut und stabilisiert werden. Diese Situation ist nicht nur für die betroffenen Frauen, sondern für die Mitarbeiterinnen unserer Beratungsstelleeine Herausforderung.“

Forderung der Fachberatungsstelle

Um auch weiterhin erfolgreich Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, helfen zu können, ist aus Sicht der Diakonie Mark-Ruhr Folgendes notwendig:

Entkriminalisierung von Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Dies schließe ein, dass Frauen nicht als Täterinnen behandelt würden, weil sie gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen.

Gewährleistung eines gesicherten Aufenthaltstitels für Betroffene von Menschenhandel, unabhängig von ihrer Kooperationsbereitschaft mit den Ermittlungsbehörden und ihrer Zeuginnen-Eigenschaft, auch nach Abschluss des Verfahrens.

Zeugnisverweigerungsrecht für Beraterinnen von Opfern von Menschenhandel und damit die entsprechende Erweiterung des Paragarfen 53 der Strafprozessordnung (Zeugnisverweigerungsrecht aus beruflichen Gründen).

Ob neben den Beratungszahlen auch die Zahl der Strafverfahren wegen Menschenhandels in Hagen gestiegen sind, konnte die Polizei am Freitag nicht sagen.

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