Geschichte

Neues Buch gibt 300 Nazi-Opfern aus Hagen ein Gesicht

Dieser Stolperstein erinnert an den Hagener Ernst Putzki, der von den Nazis getötet wurde.

Dieser Stolperstein erinnert an den Hagener Ernst Putzki, der von den Nazis getötet wurde.

Foto: Pablo Arias

Hagen.   Mindestens 300 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung aus Hagen wurden von den Nazis getötet. Ein Buch erinnert an ihr Schicksal.

„Liebe Mutter! [...] Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt, sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige. Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen [...] Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg.“
Ernst Putzki in einem Brief

Die Arbeit ist wie ein Puzzle. Eines, von dem Pablo Arias noch gar nicht so genau weiß, ob es vollendet ist. Es ist ein Puzzle, das sich zusammensetzt aus Teilen, die der Geschichtslehrer am Rahel-Varnhagen-Kolleg in zahlreichen Archiven gefunden hat. Aber das Puzzle zeigt kein schönes Bild. Im Gegenteil: Es dokumentiert, dass mindestens 300 Menschen mit Behinderung, die einst in Hagen gelebt haben, von den Nationalsozialisten auf grausamste Art getötet wurden.

Buch wird Donnerstag in Johanniskirche vorgestellt

Aus diesem Puzzle ist ein Buch geworden, das der Hagener Geschichtsverein, in dem Pablo Arias Mitglied ist, herausgegeben hat. „Vergessene Opfer – NS-Euthanasie“ in Hagen lautet der Titel. Am heutigen Donnerstag wird es um 18.30 Uhr in der Johanniskirche vorgestellt. Opfer, die Pablos Arias mit seinem Buch aus der Vergessenheit herausholt. Er zeigt Fotos, gibt vielen ein Gesicht.

300 Opfer sind in den Archiven dokumentiert – die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Wie hoch? Darüber will Arias nicht spekulieren. Auch in der Frage, wie diese Zahl zu bewerten ist, beantwortet der Historiker, der gemeinsam mit Schülern an dem Projekt gearbeitet hat, zurückhaltend. „Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Opfer in wesentlich größeren Städten wie Wuppertal oder Gelsenkirchen kaum höher war, kann man schon vermuten, dass die Mitarbeiter im Hagener Gesundheitsamt besonders eifrig waren. Nachweisen lässt sich das aber nicht.“

Biografie von Ernst Putzki als Ausgangspunkt

Es war die Geschichte des Hageners Ernst Putzki, dessen Brief bei einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2017 im Deutschen Bundestag verlesen wurde, die Pablo Arias für dieses Thema sensibilisiert haben. „Meine Schüler und ich haben uns mit seiner Biografie befasst“, sagt Arias, „und bei dieser Arbeit sind wir auf immer mehr Opfer aus Hagen gestoßen.“

Arias und seine Schüler forschen unter anderem im Hagener Stadtarchiv, im LWL-Archiv in Münster und im Westfälischen Landesarchiv. „Was man dabei herausfindet, all die Geschichten, die Biografien der Opfer – das kann einen nicht kalt lassen“, sagt Pablo Arias, „und schon gar nicht, wenn es um Kinder geht.“

Rund sechs Prozent der Opfer waren Kinder

Der Anteil der Kinder unter den Opfern liege bei rund sechs Prozent, so Arias weiter. Auch das sei im Vergleich zu anderen Kommunen sehr hoch. „Kinder sind nicht vergast worden“, so der Autor, „die Nazis töten sie durch Giftspritzen oder ließen sie einfach verhungern.“ Eine Methode, die später auch bei Erwachsenen angewendet wurde, als sich Gerüchte über Vergasungen mehrten und die Proteste zunahmen.

„Verantwortlich für die Meldungen von Kindern war der Leiter des Gesundheitsamtes Dr. Josef Scheulen“, sagt Pablo Arias, „der wurde im Rahmen der Entnazifizierung als unbedenklich eingestuft und blieb im Amt. Eines seiner Opfer wohnte in seiner Nachbarschaft.“

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