Sinfoniekonzert

Philharmonischer Hilfeschrei bringt Publikum zum Bravo-Rufen

Der Hagener GMD Joseph Trafton. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Der Hagener GMD Joseph Trafton. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Hagen.  Das Sinfoniekonzert in Hagen punktet mit Tschaikowski und Vaughan Williams. Diese Musik klingt nicht nur gut, sie hat auch eine Botschaft

Dona nobis pacem ist der älteste Hilfeschrei der Menschheit. Das „Gib uns Frieden“ aus dem Agnus Dei der Messliturgie ist gerade in der Neuzeit von vielen Komponisten vertont worden, so von Ralph Vaughan Williams als bittere Antikriegs-Hymne. Man kann jedoch auch ohne Worte um den inneren Seelenfrieden ringen. Das tut Peter I. Tschaikowski in seiner vierten Sinfonie. Beide Werke spannt der Hagener Generalmusikdirektor Joseph Trafton jetzt zusammen. Das Publikum bedankt sich beim Philharmonischen Orchester mit vielen Bravorufen für ein außergewöhnliches Sinfoniekonzert.

„Schlagt! Schlagt! Trommeln!“ 1936, als Vaughan Williams seine Kantate schuf, waren die Wunden des Ersten Weltkrieges noch nicht verheilt, und ein neuer schrecklicher Weltenbrand lauerte bereits am Horizont. Dagegen schreibt der Komponist ein Musikstück von erschütternder Dringlichkeit, welches die Sinnlosigkeit und die Leiden des Krieges geradezu brutal herausstellt. Dazu verwendet er neben Texten aus der Liturgie Passagen aus den Alten Testament und Lyrik von Walt Whitman.

Chor ist Täter und Opfer zugleich

Die Hagener Aufführung wirkt im Zusammenspiel von Cristina Piccardi (Sopran), Andrew Finden (Bariton), Philharmonischem Chor und Orchester wie aus einem Guss gemeißelt, der Chor wird stellenweise zur Farbfläche, die mit dem Orchester verschmilzt und übernimmt dann wieder die Hauptrolle als Masse, Volk, Täter und Opfer. GMD Joseph Trafton entwickelt den Puls des Werks aus dem unerbittlichen Trommelschlag, der selbst die Toten nicht ruhen lässt, Feind und Feind, Freund und Freund, Vater und Sohn werden in einem geisterhaften Trauermarsch mit ausgedehntem Fagottsolo unter den Schwingen des Todesengels zu Grabe getragen. Das Orchester spielt wunderbar und erzeugt jene atmosphärisch fahlen Farbklänge, der diese Musik in den Ohren aller Kriegstreiber klingeln lassen sollte.

Vaughan Williams ist in seinem Schaffen durch die große englische Chortradition geprägt; „Dona nobis pacem“ hat er zur Hundertjahrfeier der Huddersfild Choral Society geschrieben. So ist es ein Glücksfall, dass der Philharmonische Chor Hagen gut und mutig genug ist, auch solche Werke aufzuführen.

Tschaikowskis vierte Sinfonie gilt als Klang gewordener Schmerz eines Menschen, der sein Leben lang an Depressionen litt, der sich im Kompositionsjahr 1877 bereits auf eine unglückliche Ehe eingelassen hatte, um nach außen hin normal zu erscheinen, der nicht wusste, wie er als Homosexueller in einer Gesellschaft überleben konnte, welche Homosexualität strikt tabuisierte. Hinter den fröhlichen Volksweisen in den Holzbläsern und dem lärmenden Blech des Finales schimmern Traurigkeit und Einsamkeit auf.

Horn-Fanfare und Klarinetten-Walzer

Joseph Trafton legt das ganze Werk aus dem Kontrast von Horn-Fanfare und Klarinettenwalzer an. Der Tanzrhythmus grundiert seine Interpretation durchweg, gekoppelt mit den lärmenden Ausbrüchen des Tuttis. Dabei hütet sich der junge Hagener GMD klug vor allzuviel Sentiment, welches die nackte Schönheit der Holzbläsersoli nahelegen könnte. Am Beispiel des dritten Satzes werden die Abgründe, die hinter dem Glück lauern, offenbar. Hier imitieren die gezupften Streicher ein volkstümliches Balalaika-Ensemble, was könnte harmloser klingen. Aber das Zupf-Motiv huscht regelrecht gespenstisch durch den Satzverlauf. Trafton exerziert es in einer spannungsreichen lyrischen Pianokultur, ganz leise an der Hörgrenze, mit flexiblen dynamischen Abstufungen. In diesen Geistertanz bricht das Blech mit den Schattenwelten einer Pseudo-Volksmusik ein. Das Interpretationskonzept funktioniert gut, weil das Orchester mit großer Freude und Konzentration bei der Sache ist.

Ein Programm mit Überbreite

Nach diesem Tanz über den doppelten Boden wird das Finale zu einer gigantischen Schlusssteigerung, einem letzten verzweifelten wilden Aufschrei. Erlösung jedoch bietet auch dieser Ausbruch nicht.

Das Programm hat reichlich Überbreite, denn Joseph Trafton spannt vor diese beiden bewegenden Werke noch „The Lark Ascending“ von Ralph Vaughan Williams, eine atmosphärische Naturschilderung, in der Konzertmeister Shotaro Kageyama mit berückend schönem Violinstrich den Morgengesang der Lerche nachempfindet, bis er sich hoch und immer höher schließlich für Menschen unhörbar in den Himmelssphären verliert.

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