Städtepartnerschaft Smolensk

Russland-Liebe endet für Hagener auf dem Soldatenfriedhof

Die Grabplatte von Sepp Moritz auf der Ehrenstätte Nishnjaja Dubrowinka in Smolensk sorgt seit Juni für diplomatische Irritationen. Der Soldatenfriedhof des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist für Landser des Zweiten Weltkriegs reserviert.

Die Grabplatte von Sepp Moritz auf der Ehrenstätte Nishnjaja Dubrowinka in Smolensk sorgt seit Juni für diplomatische Irritationen. Der Soldatenfriedhof des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist für Landser des Zweiten Weltkriegs reserviert.

Foto: Partnerschaftsverein Smolensk/Hagen / WP

Hagen/Smolensk.  Der Soldaten-Friedhof in Smolensk ist für die Weltkriegstoten reserviert. Jetzt wurde dort ein Hagener beigesetzt. Der Akt sorgt für Irritationen.

Ob er dies jemals testamentarisch als seinen letzten Willen verfügt hat, ist leider nicht überliefert. „Aber es war immer der formulierte Herzenswunsch von Sepp Moritz, dass ein Teil seiner sterblichen Überreste eines Tages in Hagens russischer Partnerstadt Smolensk verbleiben solle“, erinnert sich Peter Mook, Städtepartnerschaftsbeauftragter der Stadt Hagen, an viele persönliche Gespräche mit dem inzwischen Verstorbenen. Der Beginn einer bizarren, teil skurrilen Beisetzungsposse mit illegalen und anrührenden Zutaten – und dem Potenzial zu diplomatischen Irritationen.

Das vorläufige Ergebnis: Die Asche des im vergangenen Jahr verstorbenen Hagener Städtepartnerschaftsaktivisten vom Kuhlerkamp liegt jetzt sowohl auf dem Kirchender Friedhof in Herdecke als auch auf dem Smolensker Soldatenfriedhof Nishnjaja Dubrowinka. Mit einer eigenen Grabplatte, dekoriert mit der offiziellen Hagener Stadtwappen-Eiche, ruht der mit fast 92 Jahren Verstorbene jetzt genau dort, wo sonst ausschließlich deutsche Landser des Zweiten Weltkrieges beigesetzt wurden.

Viel Anerkennung in Smolensk

Aber der Reihe nach: Josef Moritz, den alle nur Sepp nannten, galt in Hagen über Jahrzehnte als einer der geistigen Väter und Motoren der am 19. November 1985 besiegelten Städtepartnerschaft zwischen Hagen und Smolensk. Der aus Masuren stammende ehemalige Mark-E-Mitarbeiter organisierte über Jahre nicht bloß Hilfsgüter und Spenden für die Russlandhilfe, sondern begleitete auch Transporte mit Lebensmitteln, Spielzeug und Krankenhausequipment persönlich auf dem 1868 Kilometer weiten Weg nach Osten. Aufgrund dieses leidenschaftlichen Engagements genoss Sepp Moritz, der im Zweiten Weltkrieg selbst in Russland unterwegs war und in russischer Kriegsgefangenschaft die Landessprache erlernte, in Smolensk hohe Anerkennung und pflegte bis zuletzt intensive persönliche Freundschaften.

Entsprechend ließ ein gutes Dutzend enger Lebensgefährten aus Smolensk es sich nicht nehmen, im November vergangenen Jahres auf dem Friedhof in Herdecke-Kirchende dem Hagener die letzte Ehre zu erweisen, als dessen Asche neben seiner Frau Margret beigesetzt wurde. Die russisch angehauchte Zeremonie wurde entsprechend begleitet von Balalaika-Musikern in Tracht sowie klassischen Wodka-Runden – und einer heimlichen Aufteilung der Verstorbenen-Asche. Während ein Teil in der Grabstelle versenkt wurde, landete eine zweite Urne verborgen im Innenleben des Reisebusses der Smolensker Reisegesellschaft.

Verstoß gegen das Bestattungsgesetz

Eine Aktion, für die das Bestattungsgesetz NRW niemals eine Ausnahmegenehmigung erteilt hätte. Immerhin wird eine Öffnung der versiegelten Urne sowie eine Aufteilung der Asche als Störung der Totenruhe (§ 15, Abs. 5) verstanden. Zudem fehlten den Gästen aus Russland für die Überführung der sterblichen Überreste die erforderliche internationale Sterbeurkunde sowie der über den Bestatter zu beantragende amtsärztliche Leichenpass.

Versäumnisse und Verfehlungen, die angesichts der Russland-Passion des Verstorbenen offenkundig niemand hinterfragte und bei den Grenzkontrollen auf der Rückfahrt nach Smolensk auch kein Zöllner kontrollierte. Dafür erkundigten sich die unbehelligt nach Smolensk zurückgekehrten „Asche-Schmuggler“ beim Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, ob die Beisetzung der zweiten Moritz-Urne auf dem vier Hektar großen, einst von der Wehrmacht angelegten Waldfriedhof, auf dem zwischen 1941 und 1943 etwa 5000 deutsche gefallene Soldaten beigesetzt wurden, überhaupt möglich sei. Ohne Erfolg.

Weil es aus Deutschland über Monate keine Antwort zum Ansinnen der Smolensker gab, wurden an einem Juni-Vormittag dieses Jahres einfach Fakten geschaffen: In die Grünfläche des Memorials wurde ein schlichtes Loch gegraben und im Beisein von 13 treuen Smolensker Gefährten die zweite Hälfte der Sepp-Moritz-Asche versenkt. Dabei gestattet die örtliche Stadtverwaltung ausdrücklich nur Zubettungen von Verstorbenen aus dem Stadtgebiet. Während der russischen Trauerzeremonie hielt die Grabrede Oberst a.D. Petr Saitzew, lange Jahre Vorsitzender des Smolensk/Hagen-Partnerschaftsvereins und ein guter privater Freund von Sepp Moritz, der bei seinen Hagen-Visiten auch immer in dessen Privathaus am Kuhlerkamp übernachtet hat.

Grabplatte mit Wappen der Stadt

Abgedeckt wurde die Grabstelle inmitten des mit uralten Schwarzkiefern bewachsenen Areals mit einer anthrazitfarbenen Steinplatte, die neben dem Namen und den Lebensdaten des Verstorbenen auch die Eiche aus dem Wappen der Stadt Hagen ziert. Eine besondere Würdigung, die weder den Ehrenbürgern Liselotte Funcke, Rudolf Loskand oder auch Emil Schumacher zuteil wurde.

Die Stadtkanzlei von Oberbürgermeister Erik O. Schulz lassen die Wirrungen rund um die zwielichtige Beerdigung angesichts einer W-Anfrage inzwischen auch hellhörig werden. Zumal die Teppichetage des Rathauses den Gebrauch dieses kommunalen Markenzeichens niemals autorisiert hat. „Entsprechend werden wir jetzt den diplomatischen Kontakt zu den Partnern in Smolensk suchen, um das Wappen wieder entfernen zu lassen“, kündigt Hagens Stadt-Sprecher Michael Kaub an.

Ein Schritt, der sich durch die parallel laufenden Interventionen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge erledigen könnte. Dessen Moskauer Büro stellt zu dem pikanten Politikum, das in der russischen Hauptstadt durchaus für einiges Entsetzen gesorgt hat, gegenüber der W klar: „Das deutsch-russische Kriegsgräberabkommen erlaubt nur die Bestattung von Toten, die während des Krieges oder als Folge dessen ums Leben gekommen sind. Die Bestattung von Ziviltoten, die nach dieser Zeit verstorben sind, ist auf Kriegsgräberstätten grundsätzlich nicht möglich.“ Alles andere entspreche einer Verletzung dieses Abkommens.

Spuren der Beisetzung werden entfernt

„Wir bedauern ausdrücklich diese eigenmächtige Aktion des Freundeskreises“, versucht der Volksbund in feinstem Diplomaten-Jargon weitere Verwicklungen abzuwenden und kündigt an, die Grabplatte noch vor Einbruch des russischen Winters von der Grünfläche des Soldatenfriedhofs Nishnjaja Dubrowinka wieder verschwinden zu lassen. Der Verbleib der Asche des Verstorbenen in der Smolensker Erde soll derweil kein Thema auf dem sensiblen Terrain des deutsch-russischen Miteinanders werden. Somit hätten die Städtepartnerschaftsfreunde den langgehegten Herzenswunsch von Sepp Moritz – wenn auch mit erheblichem Übereifer – letztlich doch erfüllt: Ein Teil des Hageners kann auf ewig in russischer Erde ruhen.

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