Arbeitsmarkt

Vom zweiten Sinn alter Möbelstücke

Im Projekt „Möbel und Mehr“ entstehen ausgefallene Möbel aus Altmaterialien. Daran arbeiten Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt so schnell keine Chance hätten.

Im Projekt „Möbel und Mehr“ entstehen ausgefallene Möbel aus Altmaterialien. Daran arbeiten Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt so schnell keine Chance hätten.

Foto: Carolin Annemüller

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Eckesey.Haftstrafe, Transsexualität, Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit oder einfach schon zu alt – auf dem ersten Arbeitsmarkt haben sie keine Chance. Als Ein-Euro-Jobber landen sie im Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekt „Möbel und Mehr“ der Werkhof gem. GmbH. Ein Projekt, das als enger Partner des Recycling-Design-Portals „Zweitsinn“ mit Designerstücken aus alten Materialien von sich reden macht.

37 Frauen und Männer sind an der Eichendorffstraße nach dem Durchlaufen verschiedener Fördermaßnahmen inzwischen fest angestellt. An der Rampe, in der Zentrale, im Verkauf, Mobildienst oder der Tischlerei haben sie ihren Beitrag zur jüngsten Auszeichnung von NRW-Ministerin Svenja Schulze geleistet, die das Recycling-Design-Portal „Zweitsinn“ zum Ort des Fortschritts gekürt hat. Die Auszeichnung hängt in der oberen Etage des alten Fabrikgebäudes, umgeben von Designer-Tischen aus alten Weinkisten, Franky-Regalen aus beschichteten Spanplatten und farbenfrohen Pixelstar-Sesseln.

Mitarbeiter sind stolz

Das macht auch die sechs Mitarbeiter der angegliederten Schreinerei stolz. Sie erschaffen täglich begehrte Designerstücke, hätten aber in einer regulären Schreinerei trotzdem keine Chance auf einen Job. Bei Nazif Tok liegt’s vor allem daran, dass seine in der Türkei abgeschlossene Schreiner-Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird. Der 33-Jährige lebt mit Frau und drei Kindern in Hohenlimburg und verwandelt gerade eine alte Musiktruhe in einen ausgefallenen Waschtisch fürs Bad. Ein Hingucker, der sicherlich einen Abnehmer finden wird. „Wir schauen mehr nach den Fähigkeiten als nach Anforderungsprofilen“, sagt Projektleiter Thomas Herzog.

Nazif Tok hält bereits den nächsten Entwurf seiner Chefin in der Hand. Tischlermeisterin Aisha Ersahin hat einen ausgefallenen Esstisch mit sechs Stühlen designt. Die 32-Jährige ist ein Eigengewächs, das von Anfang an seit 1998 dabei ist. Praktikum, Tischlerlehre und dann den Meister: Sie kam und blieb aus Überzeugung. Weil sie an das Projekt „Möbel und Mehr“ glaubt und es mit ihrem Team lebt: „Wir sind sehr gut eingespielt. Jeder hilft dem anderen.“

Wiederverwerten statt wegwerfen

Wiederverwerten statt wegwerfen lautet die Devise. Alte Möbel werden kostenlos abgeholt und in Eckesey gesichtet. Alte Haustüren aus einer Villa in Eppenhausen warten ebenso auf ihren zweiten Sinn wie ausgediente Holz-Paletten. Andreas Knop (53) arbeitet gerade an einem Designer-Garderobenständer aus breiten Lattenrosten. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt der gelernte Schreiner, der nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit über einen Ein-Euro-Job und weitere Förderung den Sprung ins Team und zum unbefristeten Vertrag geschafft hat. „Das ist Einstellungssache.“ Doch in einer regulären Schreinerei wäre das für ihn schwierig geworden. „Ohne Führerschein und bei meinem Alter. . .“, sagt Knop.

Ob Nazif Tok oder Andreas Knop, alle Mitarbeiter werden regelmäßig weiter qualifiziert. „Da bleiben wir dran“, sagt Ralph Osthoff, Geschäftsführer der Werkhof gGmbH. „Wir wollen ein Sprungbett bieten, es ungefördert in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.“

Gerade erst ist das einem Mitarbeiter wieder gelungen, der nun für die Firma Ostermann in Witten Möbel ausliefert und aufbaut.

Zukünftig aber wird es für die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen eng. Die Förderung wird zurückgefahren. Andreas Knop hat es mit über 50 ohnehin schwer, noch in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Aber der 33-jährige türkische Schreiner Nazif Tok darf noch hoffen.

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