Bildung

Waldorfschule Hagen kündigt Kindern in der ersten Klasse

Christian Krämer und Nicole Nothbaar können nicht fassen, dass ihrem Kind wegen scheinbar alltäglicher Verfehlungen gekündigt wurde.

Christian Krämer und Nicole Nothbaar können nicht fassen, dass ihrem Kind wegen scheinbar alltäglicher Verfehlungen gekündigt wurde.

Foto: Hubertus Heuel / WP

Hagen.  Die Waldorfschule Hagen hat den Vertrag mit zwei Familien nach nicht einmal einem Jahr gekündigt. Die Jungen müssen eine andere Schule besuchen.

Vor einem Jahr waren Christian Krämer und Nicole Nothbaar noch der festen Überzeugung, die besondere Pädagogik einer Waldorfschule passe gut zu ihrem Sohn Maurice (7). Also meldeten sie ihn an der Rudolf-Steiner-Schule in Haspe an. Mittlerweile haben sie diesen Schritt bereut.

Denn die Schule, die sich rühmt, jungen Menschen unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und späterem Beruf eine gemeinsame Bildung zu verschaffen, hat den Schulvertrag gekündigt und Maurice damit quasi der Schule verwiesen. Nach nur einem Jahr mussten die konsternierten Eltern nach einer neuen Schule Ausschau halten. „Unser Kind wurde aussortiert, weil es nicht konform ist“, sagt Christian Krämer: „Ich bin sehr enttäuscht, weil sich die Waldorfschule völlig aus dem Konzept der individuellen Förderung heraushält.“

Waldorfschule Hagen kündigt Erstklässler – Junge sei unkonzentriert gewesen

Auf ihrer Homepage wirbt die Rudolf-Steiner-Schule damit, dass sie das mit dem vertikalen Schulsystem verbundene Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung ersetzt habe. Im Falle von Maurice scheint diese Methode versagt zu haben bzw. nicht angewandt worden zu sein.

Ein halbes Jahr nach der Einschulung habe die Klassenlehrerin die Eltern darüber informiert, dass der Junge nicht aufzeige, sondern Lösungen einfach in die Klasse rufe und er mehrmals aufgefordert werden müsse, wenn eine Aufgabe zu erledigen sei. Zudem sei er oft unkonzentriert, albere herum und ärgere seine Mitschüler. „Sicherlich ist das kein Verhalten, das unterrichtsförderlich ist“, sagt der Vater: „Das sehen wir auch genauso und versuchen, es zum Positiven zu ändern.“

Kündigung war juristisch korrekt

Doch die Schule zeigte weniger Geduld, im April flatterte den Eltern die Kündigung des Vertrages ins Haus – juristisch korrekt, weil das erste Jahr als Probezeit gilt. Dennoch hätten die Eltern nie damit gerechnet. „Es war für mich unvorstellbar, dass eine Waldorfschule zu solchem Handeln fähig ist“, sagt der Vater.

Nirgendwo, auch nicht beim Einstellungsgespräch, werde auf eine mögliche Kündigung hingewiesen. Als Eltern komme man daher gar nicht auf einen solchen Gedanken: „Ich stehe weiterhin zu den Konzepten der Waldorfschule. Aber alle Eltern sollten wissen, dass eine Kündigung an der Waldorfschule in Hagen möglich und auch keine Seltenheit ist.“

Der Mutter mitgeteilt, ihr Sohn sei „gemeingefährlich“

Tatsächlich musste ein zweites Kind die Schule verlassen. Der sechsjährige Joshua musste bereits nach den Osterferien gehen, seine Mutter Susanne Müller ist noch heute fassungslos. Man habe ihr mitgeteilt, ihr Kind sei „gemeingefährlich“, empört sich die Mutter. Als sie nachhakte, erläuterte man ihr, Joshua habe eine Schere in der Hand gehabt und einer Klassenkameradin die Haare schneiden wollen.

Sie sei genötigt worden selbst den Vertrag aufzulösen, ansonsten werde die Schule fristlos kündigen. Obendrein habe man sie nicht in einem persönlichen Gespräch informiert, sondern ausschließlich per Mail mit ihr kommuniziert: „Das kann doch nicht sein, wenn es um Kinder geht.“ Inzwischen besucht der Joshua eine normale Grundschule und läuft dort ohne Auffälligkeiten mit.

Kommunikation lief komplett per Mail

Auch Christian Krämer und Nicole Nothbaar beklagen, dass die Klassenlehrerin letztmals im Januar mit ihnen gesprochen und die Kommunikation anschließend auf Mailverkehr beschränkt habe. Gegenüber unserer Zeitung wollte Schul-Geschäftsführer Wolfgang Winkler mit Verweis auf Vertrauensschutz und Persönlichkeitsrechte keine Stellung zu den beiden Fällen geben. Ganz allgemein gesprochen seien Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern oder mangelnde Mitarbeit von Eltern mögliche Gründe für eine Kündigung: „Wir machen uns das nicht leicht, müssen aber mit Rücksicht auf die anderen Kinder manchmal zu diesem Mittel greifen.“

Wie Maurice es verarbeitet, seine Freunde und die gewohnte Umgebung zu verlieren, muss die Zukunft zeigen. Nach den Sommerferien besucht er die Emil-Schumacher-Grundschule in Wehringhausen. Dort hofft er, neue Freunde zu finden.

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