Bildung

Werkstattschule Hagen: Letzte Chance für Dauerschwänzer

Sie unterrichten an der Werkstattschule in Hagen: Uwe Becker, Anne Leschinsky, Axel Schöning (von links).

Sie unterrichten an der Werkstattschule in Hagen: Uwe Becker, Anne Leschinsky, Axel Schöning (von links).

Foto: Hubertus Heuel / WP Hagen/Heuel

Wehringhausen.  Schwänzen, Schulmüdigkeit, Motivationsverlust: Es sind die manchmal hoffnungslosen Fälle, die an der Werkstattschule Hagen unterrichtet werden.

Die Werkstattschule ist die in der Öffentlichkeit wohl am wenigsten bekannte Schule in Hagen. Das mag daran liegen, dass sie kein eigenes Schulgebäude besitzt. Dass nicht einmal ein Hinweisschild an der Straße auf ihre Existenz hinweist. Dass sie lediglich von 20 Schülern besucht wird – von Schülern, die eigentlich gar keine Lust haben, zur Schule zu gehen. Für die die Werkstattschule die letzte Chance ist.

In der Werkstattschule werden Jugendliche betreut, die durch Schwänzen, Schulmüdigkeit und totalen Motivationsverlust aufgefallen sind. Die sich dem Unterricht an einer Regel- oder Förderschule verweigern, weil sie dort weder Halt noch Orientierung finden. „Unsere Schüler haben ganz unterschiedliche Biographien“, sagt Sozialpädagogin Anne Leschinsky: „Aber die klassische Geschichte ist doch die vom jungen Menschen, der sich von seinen Mitschülern gemobbt und vom Lehrer zu hart angegangen und nicht akzeptiert fühlt.“

Deprimierende Laufbahn

Schulverdrossenheit steht häufig am Ende einer deprimierenden, von Misserfolgen geprägten Schullaufbahn. Schließlich schwänzen die Betroffenen den Unterricht – zuerst unregelmäßig, dann tage- oder wochenlang. „Damit das niemandem auffällt, fahren manche stundenlang mit dem Schoko-Ticket durch die Gegend“, berichtet Leschinsky. „Die einfachste Lösung bei Problemen ist es wegzulaufen.“ Die Eltern fielen aus allen Wolken, wenn die Schule schließlich bei ihnen anrufe und frage, wann sie ihr Kind endlich wieder zur Schule schicken wollten.

Doch eine Rückkehr gestaltet sich oft sinnlos, weil die Schüler den Kontakt zu ihren Klassenkameraden verloren haben und im Lernstoff so weit hinten liegen, dass sie nicht mehr mithalten können. Und die Schulunlust ist ja geblieben. Bleibt als letzter Ausweg die Werkstattschule, in der die ersten Lernstunden nicht von Lernstoff, sondern von vertrauensbildenden Maßnahmen geprägt sind. „Wir versuchen, eine Beziehung zu den Schülern herzustellen, eine Vertrauensbasis zu schaffen“, sagt Sozialpädagogin Leschinsky: „Wir bringen ihnen, was sie wahrscheinlich nie erhalten haben, entgegen: Wertschätzung.“

Spaziergang statt Unterricht

Die Werkstattschule ist, wie es der Name schon suggeriert, keine richtige Schule. Offiziell gilt sie als Schulersatzmaßnahme. Sie wird von der Evangelischen Jugendhilfe betrieben und kooperiert mit den Hagener Haupt-, Gesamt-, Real- und Förderschulen sowie dem städtischen Fachbereich Jugend und Soziales. Untergebracht ist sie im Schulzentrum Wehringhausen. „Wir sind eine kleine Schule mit zwei Lehrern, zwei Sozialpädagogen und zwei Werkstattleitern“, sagt Uwe Becker, Bereichsleiter der Jugendhilfe.

Es sind fast ausschließlich 15- und 16-jährige Jugendliche, die hier behutsam an eine gewisse Alltagsstruktur herangeführt werden. Manche werden gar zu Hause abgeholt, weil sie sonst nicht kommen würden. In der ersten Viertelstunde werden die Handys eingesammelt und die Jugendlichen dürfen erzählen, wie sie sich heute fühlen. „Wenn wir den Eindruck haben, dass Unterricht jetzt keinen Sinn macht, unternehmen wir einen Spaziergang“, berichtet Leschinsky. Was am besten funktioniere, sei auf die Schüler zuzugehen, ihnen zuzuhören und sie Ernst zu nehmen. „Als gestrenger Lehrer brauche ich ihnen gar nicht zu begegnen, dann komme ich keinen Schritt weiter“, berichtet Axel Schöning, der von der Hauptschule Hohenlimburg an die Werkstattschule gewechselt ist.

Kein Werkstattschüler aber verlässt die Einrichtung ohne Perspektive, und auch wenn Erfolgsgeschichten nicht die Regel sind, so gibt es sie. Von einem ehemaligen Schüler wisse er, dass er einen Beruf gefunden und eine Familie gegründet habe, so Becker. Dass er das erreicht habe, habe er der Werkstattschule zu verdanken, habe der Mann gesagt.

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