Gericht

Angeklagter sieht Freiheitsberaubung als Versöhnungsversuch

Wegen Freiheitsberaubung stand ein Mann in Hattingen vor Gericht.

Wegen Freiheitsberaubung stand ein Mann in Hattingen vor Gericht.

Foto: MÜLLER, Oliver / WAZ FotoPool

Hattingen.  Ein Mann in Hattingen schließt im Streit die Wohnungstür ab, beleidigt und nötigt das Opfer. Beide führen heute eine Beziehung. Was passierte.

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1400 Euro Strafe muss ein 26-Jähriger für Freiheitsberaubung, Nötigung und Beleidigung zahlen. Mit seinem Opfer ist er heute zusammen. Für das Geschehene habe er sich „tausendfach“ entschuldigt, sagt er vor Gericht.

Ohne Anwalt ist der Beschuldigte erschienen, dabei lautet die Anklage auch noch auf gefährliche Körperverletzung. Zunächst gibt der Angeklagte an, die Ereignisse als gar nicht so gravierend empfunden haben. Und es sei ja nichts passiert. Und so bricht er dann auch in Tränen aus angesichts des von der Vertreterin der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaßes von sechs Monaten auf zwei Jahre Bewährung, dem Richter Dr. Christian Amann nicht folgt.

Angeklagter in Hattingen sieht Freiheitsberaubung vor Gericht zunächst nicht als solche

In der Anbahnungsphase war die Beziehung von Beschuldigtem und Opfer zum Tatzeitpunkt. Die Schilderungen stimmen überein, die Einschätzungen der Ereignisse aber nicht: Beide waren auf einer Party, gerieten in Streit. Er ging, kam zurück. Sie ging mit ihm nach Hause, um die Situation zu klären. Unterwegs erwähnte sie, sie wolle zu sich heim, dennoch landeten beide in seiner Wohnung. Wo sie mehrfach gehen wollte, aber doch nicht ging. „Sie lief immer in den Hausflur, raus und wieder rein. Beim dritten Mal habe ich abgeschlossen, damit die Nachbarn nicht gestört werden“, gibt der Mann an.

Den Schlüssel zog er ab, ging zur Toilette. „Da habe ich den Schlüssel gesucht, weil ich gehen wollte, ihn aber nicht gefunden“, so das Opfer. Sie soll dann Freunden eine Nachricht geschrieben haben, dass sie eingesperrt sei. Die machten sich daraufhin auf den Weg zur Wohnung des Beschuldigten.

Paar ist wiederholt in Streit geraten, landet dann im Schlafzimmer

Beide gerieten wiederholt in Streit, waren irgendwann im Schlafzimmer. Dort soll er die Jalousien geschlossen haben mit dem Satz, dass nicht jeder sehen müsse, was passiere und dass er sie windelweich schlagen würde wie seine Ex-Freundin. Das will er eher ironisch verstanden wissen, denn die Ex-Freundin hätte der Zeugin diese Anschuldigung aus Eifersucht geschickt. „Das hat er öfter ins Lächerliche gezogen, das war auch geklärt, aber in dieser Situation war ich irgendwie überfordert“, erklärt das Opfer.

Er habe ihr dann Pulli und Hose ausgezogen. „In liebevoller Absicht“, sagt er. Gegen ihren Willen, sagt sie. Mit einem leichten Schubs, wie sie es nennt, habe er sie dann aufs Bett gestoßen, sich auf sie gesetzt, ihre Arme festgehalten und sie so fest am Hals gedrückt, dass ihr schwindelig wurde, aber nur wenige Sekunden. Auf ihr „Stopp“ hin habe er sofort von ihr abgelassen, ihr hochgeholfen, eine Decke gegeben und im Wohnzimmer weiterreden wollen. Da sieht das Gericht die gefährliche Körperverletzung nicht gegeben. Dann jedenfalls holten Freunde sie ab.

Richter kritisiert Sichtweise des Beschuldigten

Die Aktion im Schlafzimmer, so gibt der Angeklagte an, sei für ihn ein Versöhnungsversuch gewesen. Ähnliche, wenngleich nicht so heftige, Versöhnungsszenen soll es in der Vergangenheit gegeben haben. Das räumt auch das Opfer ein, das aber angibt, zu dem Zeitpunkt keine Versöhnung gewollt und das geäußert zu haben.

„Ihre Einschätzung divergiert vom Durchschnitt der Gesellschaft. Anfangs haben sie sich aufgeführt wie Graf Koks“, so Richter Dr. Christian Amann, der aber Einsicht sieht. Und dem Paar, das später getrennt Saal und Gerichtsgebäude verlässt, gibt er mit auf den Weg: „Sie müssen die Signale untereinander abstimmen. Man kann ja alles machen, aber die Regeln müssen klar und für beide in Ordnung sein.“ Und zum Angeklagten: „Sie waren auf dem besten Weg zu einer Vergewaltigung.“

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