Gesichter und Geschichte(n)

Hännes Saamann, ein rasender Reporter quer durch Hattingen

So kennen viele Hattingerinnen und Hattinger ihren Hännes: Saamann mit seiner Leica-Kamera auf Motivsuche in der Innenstadt.

So kennen viele Hattingerinnen und Hattinger ihren Hännes: Saamann mit seiner Leica-Kamera auf Motivsuche in der Innenstadt.

Foto: Udo Kreikenbohm / WAZ

Hattingen.  Hans Saamann aus Hattingen sucht und erzählt Zeit seines Lebens Geschichten. Er turnt toll – verpasst durch eine Verletzung aber Olympia 1936.

Klein an Größe, aber groß im Kleinen: Hans Saamann, nein, Quatsch, Hännes Saamann hat mit seiner Leica-Kamera und seiner stets guten Laune das Stadtleben bereichert. Hännes zu schreiben ist deshalb hier Pflicht, weil er es jedem quasi ver­boten hat, Hans oder Herr Saamann zu ihm zu sagen. Er ist ein Original wie es heute kein zweites gibt.

Wenn für einen Mann die Begrifflichkeit „rasender Reporter“ erfunden wurde, dann wohl für Hännes Saamann. Tagtäglich saust er Zeit seines Lebens durch die Innenstadt, immer mit einem frechen Spruch den Lippen, immer auf der Suche nach dem besten oder noch besseren Fotomotiv. Die Menschen mögen ihn, ihn und seine Anekdoten, ganz gleich, ob sie stimmen oder mit ein bisschen Fantasie angereichert sind. Zum Beispiel die, dass er einen Handstand auf der Spitze der schiefen St.-Georgs-Kirche gemacht haben soll. Er ist mit Berg-Legende Luis Trenker befreundet gewesen, ebenso wie mit dem norwegischen Literaturnobelpreisträger von 1920, Knut Hamsun („Segen der Erde“).

Turnen vor der niederländischen Königin Juliana

Hännes Saamann ist Turner, ein talentierter obendrein. Als junger Mann trainiert er mehr als fleißig für seine großen Ziele. Allen voran: die XI. Olympischen Sommerspiele im Jahr 1936 in Berlin – doch eine Verletzung zerstört den Traum des behenden Hattingers.

Egal, im Turnsport findet Hännes Saamann Erfüllung. Er darf sein Können und seine Kunst der niederländischen Königin Juliana vorführen, er ist drei Jahre lang Trainer der norwegischen Nationalmannschaft.

Er erkennt Talente auf den ersten Blick

Er erkennt Talente auf den ersten Blick. Annette Michler beispielsweise, die in den 1970er-Jahren Schülerin am Gymnasium Holthausen ist. Sie schaut beim Turn-Training vorbei, da stupst Hännes sie an: „Zu­gucken gibt’s nicht, mitmachen!“ Also­ trainiert sie, bei Saamanns Frau Hanne – sechs Tage in der Woche, immer um die vier Stunden. Erfolgreich: Annette Michler wird mehrfach Deutsche Meisterin. Aber auch ihr Traum von Olympia zerplatzt – wegen des Boykotts 1980.

Hanne ist Hännes Frau seines Lebens. Sie ist selbst Westfalenmeisterin im Geräteturnen, schwingt über den Barren, springt übers Pferd – und turnt am Trapez. Deshalb geht sie auch mit dem Zirkus auf Tour: mit der dänischen Gruppe „Benneweis“ und der italienischen „Togni“. Vier Jahre lang tourt sie, dann lernt sie Hännes kennen. Und kommt wieder zurück nach Hattingen.

Mit Wolfgang Clement auf dem Motorrad

Sie wird Lehrerin (am Mädchen-Gymnasium Bismarckstraße und später in Holthausen), er fotografiert. Für den Stadtspiegel, aber viele Bilder macht er auch nur für sich selbst oder zum Verschenken.

Hännes Saamann ist für jeden Spaß zu haben. Das weiß auch Wolfgang Clement, ehemaliger NRW-Ministerpräsident und unter Kanzler Schröder „Superminister“ im Bund. Clement ist gerade Volontär, als Saamann längst für die Westfälische Rundschau arbeitet. Und so geht’s gemeinsam zu Terminen – mit dem Motorrad. Vorn, am Lenker, der knapp Einssechzig große Hännes Saamann, dahinter Wolfgang Clement mit seinen etwa Einsneunzig.

>>> Hännes Saamann wird 94 Jahre alt

Die erste Kamera von Hännes Saamann war eine Kodak Retina. Die hat ihm ein Optiker geschenkt, den er auf seinen Wanderjahren quer durch Europa kennen gelernt hat.

Der Bildbeweis von seinem legendären Handstand auf dem schiefen St.-Georgs-Kirchturm, den er vor dem Krieg tatsächlich gemacht haben will, fehlt aber. Ein Handwerker hätte den Schnappschuss vermasselt, erzählt er zu seinem 90. Geburtstag der WAZ. Saamann verstirbt 2004 im Alter von 94 Jahren.

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