NNF

Sieben Jahre ist es her, dass es vier nordrhein-westfälische Gefängnisse deutschlandweit in die Schlagzeilen schafften. Der Grund hatte einen griffigen Namen, der so gar nicht zum System Justizvollzug passen wollte: „Cool-Down-Pink“. Ein Rosaton, entwickelt von einer Schweizer Farbdesignerin, mit dem man aufgrund seiner vermeintlich blutdrucksenkenden Wirkung versuchsweise JVA-Zellen in Dortmund, Attendorn, Hagen und Kleve gestrichen hatte, um aggressive Häftlinge zu beruhigen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Sieben Jahre ist es her, dass es vier nordrhein-westfälische Gefängnisse deutschlandweit in die Schlagzeilen schafften. Der Grund hatte einen griffigen Namen, der so gar nicht zum System Justizvollzug passen wollte: „Cool-Down-Pink“. Ein Rosaton, entwickelt von einer Schweizer Farbdesignerin, mit dem man aufgrund seiner vermeintlich blutdrucksenkenden Wirkung versuchsweise JVA-Zellen in Dortmund, Attendorn, Hagen und Kleve gestrichen hatte, um aggressive Häftlinge zu beruhigen.

Erkenntnisse aus der Forschung

Das Ganze ist weitaus weniger albern, als die spöttischen Reaktionen von allen Seiten glauben ließen. Denn Farben machen tatsächlich etwas mit uns – nur merken wir oft gar nichts davon. Dazu ein paar Erkenntnisse aus der Forschung: Rot gekleidete Sportler sind erfolgreicher als andersfarbig gekleidete, gleich starke Gegner. Menschen, die man in weiße Kleidung schlüpfen lässt, verhalten sich vorsichtiger als Menschen, die grüne oder braune Kleidung anziehen.

Will man die subtile Wirkung von Farben verstehen, fragt man am besten den Farbforscher Prof. Axel Buether, der an der Uni Wuppertal „Didaktik der visuellen Kommunikation“ lehrt.

Bevor der Experte tiefer in die Materie einsteigt, stellt er erst einmal etwas klar: Die „Lieblingsfarbe“ sei nicht zwangsläufig die Farbe, die ein Mensch am liebsten um und an sich habe. In Umfragen geben zwar etwa 40 Prozent Blau als Lieblingsfarbe an – trotzdem würden die wenigsten die Wände ihrer Wohnung blau streichen oder blaue Möbel kaufen. Allerdings werde Blau mit Beständigkeit und Verlässlichkeit assoziiert, erklärt Buether. So betrachtet, also eine recht unverfängliche, sympathische Lieblingsfarbe – auch wenn das bei der Wahl nur wenigen bewusst gewesen sein dürfte. „Wir sind alle Farbexperten, wir wissen nur nichts davon“, sagt Buether.

Intuition spiele auf diesem Gebiet eine große Rolle. Wer traurig ist oder für sich bleiben möchte, greift bei der Kleiderwahl eher zu dunklen Tönen als ein Mensch, der den Kontakt zu anderen sucht.

Aber nicht nur die (selbst gewählte) Kleiderfarbe kann etwas über unsere Stimmung verraten. Auch die ganz natürlichen Nuancen unserer Gesichtsfarbe senden unterschwellige Botschaften aus: Wenn man sich mit jemandem unterhalte, so Buether, signalisiere ein leichtes, für den anderen unbewusst wahrnehmbares Erröten, dass man miteinander warm wird. Rouge oder Lippenstift ahmen diesen Effekt nach. Rosige Wangen und rote Lippen als Zeichen der Zugewandtheit. Rot kann aber auch Aggressivität ausdrücken oder Kraft – je nach Farbabstufung und Kontext. Deutliche Blässe des Gegenübers deute unser Gehirn hingegen als Sorge oder Angst.

Weil Farben nicht nur senden und symbolisieren, sondern auch beeinflussen, untersucht Axel Buether, wie sich diese Macht bei der farblichen Gestaltung von Räumen sinnvoll einsetzen lässt. Im Wuppertaler Helios-Klinikum steht dabei der Einfluss auf die Motivation von Pflegepersonal und Ärzten sowie den Gemütszustand der Patienten im Fokus. Dazu hat man vor etwa einem halben Jahr zwei Intensivstationen farblich umgestaltet. Seitdem sei die Motivation des Personals um etwa 30 Prozent gestiegen, sagt Buether. Fast noch spannender: Alles deutet darauf hin, dass der Schmerzmittelverbrauch sinkt. Bislang könne man nur von einer „Tendenz“ sprechen. Nach einem Jahr wird sich zeigen, ob sich der Eindruck bestätigt. Buether ist zuversichtlich.

Gefängniszellen wieder weiß

Der Farbversuch in nordrhein-westfälischen Gefängnissen wurde unterdessen beendet: Die Test-Zellen sind wieder weiß. „Es war ein Projekt mit minimalem Aufwand“, sagt Peter Marchlewski, Sprecher des nordrhein-westfälischen Justizministeriums. „Nämlich nur mit rosa Farbe.“ Und mit welchem Ergebnis? Wissenschaftlich untersuchen lassen habe man die Auswirkungen nicht. „Deshalb können wir weder im Positiven noch im Negativen eine Aussage dazu machen.“

Das übernimmt Axel Buether: Pink, so erklärt er, wirke nicht beruhigend, sondern kommuniziere zum Beispiel Eigenschaften wie Schutzlosigkeit, Verführung, Mädchenhaftigkeit. Was aggressive Häftlinge, die unfreiwillig mit der Farbe konfrontiert werden, vielleicht im ersten Moment verblüffen und einzelne zur Ruhe bringen könne, mache andere noch aggressiver, weil sie sich diskriminiert fühlen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben