Landgericht

Alte Freunde plündern gesamte Ersparnisse

Symbolbild

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Foto: Marius Becker / dpa

Hemer/ Hagen.  Das Landgericht hat ein Ehepaar wegen Untreue zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Mit Bewährungsstrafen kamen im Landgericht Hagen zwei Angeklagte aus Hemer davon, die eine 91-jährige Frau aus Iserlohn um ihre Ersparnisse in Höhe von rund 212.000 Euro gebracht hatten. Die 6. große Strafkammer verurteilte den 76-jährigen Angeklagten und seine 73-jährige Ehefrau wegen gewerbsmäßiger Untreue zu Haftstrafen von jeweils zwei Jahren, deren Vollstreckung ausgesetzt wurde.

Die beiden Angeklagten hatten am zweiten Verhandlungstag umfassende Geständnisse abgelegt, die wenig Fragen zu dem Geschehenen offenließen. Die Richter hatten ihre mögliche Entscheidung für eine Bewährungsstrafe von einer solchen Aufklärung der Hintergründe der Taten abhängig gemacht. Diese lieferte der 76-Jährige in einer ausführlichen Erklärung, die er um weitere mündliche Auskünfte über seine „unrichtigen und kriminellen Handlungen“ ergänzte. „Ich schäme mich zutiefst für mein vertrauensmissbrauchendes Verhalten“, erklärte er am Ende seines Geständnisses. „Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.“

Finanzielle Notlage deseigenen Unternehmens

Wie so oft war die Wirklichkeit allerdings erheblich vielschichtiger, als es die Anklage vermuten ließ. Am Anfang stand die Freundschaft zweier Familien aus Hemer und Iserlohn: Die später um ihre Ersparnisse gebrachte Frau und ihr Ehemann „waren sehr eng mit den Eltern meiner Frau befreundet“, erklärte der Angeklagte. Diese Freundschaft ging später auf ihn und seine Frau über. Das Vertrauensverhältnis sei so eng gewesen, dass die Angeklagten ihren Freunden 1993 ein Darlehen von 30.000 Mark gaben - ohne Zinsen und ohne schriftlichen Vertrag.

Nach längerer schwerer Krankheit und dem Tod ihres Mannes brauchte die Freundin praktische Hilfe in alltäglichen Dingen. 2014 gab sie den Angeklagten eine umfassende Betreuungs- und Vorsorgevollmacht, die ausdrücklich auch Vermögensfragen umfasste. Im gleichen Jahr geriet das vom Angeklagten geleitete Unternehmen in Hemer wirtschaftlich in schweres Fahrwasser und musste verkauft werden. Der Neustart mit einem anderen Unternehmen wurde ebenfalls zu einem Fiasko: Der 76-Jährige sprach von einer „katastrophalen Entwicklung des Unternehmens“. Die Sparkasse kündigte die Zusammenarbeit auf, große Lagerbestände ließen sich nicht mehr absetzen. In den Jahren 2015/16 scheiterten alle Bemühungen, das Unternehmen zu retten. Er habe „völlig kopflos“ agiert und sei am Ende seines Berufslebens gescheitert, resümierte der 76-Jährige.

Strafermittlungen nachAuflösung des Kontos

Aufgrund der finanziellen Notlage nutzten er und seine Frau im Jahr 2016 die ihnen erteilte Vermögensvollmacht für drei Abhebungen vom Konto ihrer alten Freundin - insgesamt 212.028,84 Euro. Anschließend lösten sie das Konto auf. „Ich habe meine Frau gebeten, das Geld abzuheben“, bestätigte der Angeklagte. „Ich bin mitgefahren und habe vor der Bank gewartet.“ Mit dem Geld habe er drohende Pfändungen seitens der Banken und des Finanzamtes abwenden wollen.

Ein Rechtsanwalt, der sich später um die Vermögensangelegenheiten der betrogenen Seniorin gekümmert hatte, schilderte, wie es überhaupt zu Strafermittlungen gegen die beiden Angeklagten gekommen war. Von einem längst aufgelösten Giro-Konto erfuhr er durch die Mitteilung des Finanzamtes, das eine Steuererstattung nicht mehr auf dieses Konto hatte überweisen können. Außerdem fand er die Kopie eines Sparkontoauszuges im Keller des Hauses der von ihm betreuten Seniorin. „Ich habe die Angeklagten dann höflich angeschrieben, wo das Geld geblieben sei.“ Diese Anfrage sei unbeantwortet geblieben.

Kurz vor dem Tod überDiebstahl informiert

In einem Punkt konnte der Zeuge noch den letzten Willen der alten Dame wiedergeben. Kurz vor ihrem Tod hatte er ihr erklärt, dass ihre alten Freunde ihre Ersparnisse geplündert hatten. Sie habe noch verstanden, was passiert sei. „Das finde sie gar nicht gut, wenn die Angeklagten das ganze Geld geklaut hätten“, erinnerte sich der Zeuge an ihre Reaktion. Denn ihr Erbe hatte die kinderlose Seniorin einer anderen zugedacht: Der ihr liebgewordenen Tochter der Angeklagten, von der sie nun wusste, dass sie quasi von ihren Eltern beklaut worden war.

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