Lesung

Am Ende wächst ein Stück weit Verständnis

Valerie Schönian

Valerie Schönian

Foto: Annabell Jatzke

Zwölf Monate lang begleitete Valerie Schönian den aus Menden stammenden katholischen Priester Franziskus von Boeselager durch den Alltag.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Hemer. Als eine Art Schleudertrauma beschreibt Journalistin Valerie Schönian ihre Gratwanderung zwischen dem weltlichen und kirchlichen Leben. Die junge Journalistin, die für das Leipziger Büro der Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, in Sachsen-Anhalt geboren wurde und mittlerweile in Berlin lebt, hat sich durch das Blog-Projekt „Valerie und der Priester“ einen Namen gemacht. Aus dem Blog entstand dann das im vergangenen Jahr veröffentlichte Buch „Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen“.

Keine Lösung imklassischen Sinne

Am Mittwochabend berichtete Schönian bei einer Lesung im Saal von Haus Hemer von ihren Erfahrungen mit der katholischen Kirche. Dabei handelte es sich allerdings bewusst um eine Lesung der anderen Art. „Wir wollten keine normale Lesung“, so Mechthild Tacke. Man hatte Gottfried Pielhau für die Moderation gewinnen können. Er stellte Valerie Schönian Fragen, die sie beantwortete und zumeist auch gleich mit einer detailreichen Textpassage belegte. Außerdem gab es einige Anekdoten zu erzählen. Am Ende des Abends hatten dann die über 60 Besucher die Gelegenheit, ihre ganz persönlichen Fragen zu stellen.

Mit Glauben und Kirche hat Schönian nichts am Hut. Trotzdem ließ sich die emanzipierte Journalistin auf ein Experiment ein: Zwölf Monate lang begleitete sie den aus Menden stammenden katholischen Priester Franziskus von Boeselager durch den Alltag in einer Münsteraner Pfarrei. Sie, die kirchenferne Frau, und er, der konservative, junge Priester aus Berufung – es prallten zwei vollkommen unterschiedliche Lebenswelten aufeinander und trotzdem gelang es beiden, miteinander ins Gespräch zu kommen. Während der heute 39-jährige von Boeselager nichts auf „seine“ katholische Kirche kommen lässt, ist die Autorin Ende 20 voller Zweifel. Gemeinsam hat man keine große Schnittmenge.

Sie schaut Netflix-Serien, während er betet

Wenn sie bei Netflix-Serien entspannte, hatte er für so etwas beispielsweise gar keine Zeit. Fünfmal am Tag betete der junge Geistliche, der eine ganz klare Haltung zu Frauen in der katholischen Kirche hat.

Im April 2016 begann das Projekt. Zwei Wochen pro Monat lebte Schönian in unmittelbarer Nähe zu von Boeselager in Münster, um in seinen Alltag einzutauchen. Sie tauschten sich aus über Berufung, Frauen in der Kirche, das Zölibat und versuchten dabei, einander zu verstehen – was nicht immer gelang. Neben dem Alltag in Münster waren es aber auch gemeinsame Reisen zum Weltjugendtag nach Polen, zum Vatikan nach Rom, nach München, aber auch ins beschauliche Menden zur Familie von Boeselager, die das Jahr prägten.

Gerade auf den langen Fahrten hatten die beiden viel Zeit, um miteinander über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen. So war Schönian unter anderem bei einer Priesterweihe zugegen und fasste dies in ihren Worten zusammen: „Die Hochzeit mit Gott dauert länger als eine Trauung zwischen Mann und Frau und es gibt mehr Weihrauch“.

Nachdem sie ein Jahr lang die Seiten getauscht hatten, spürte sie eine Veränderung. Beim Weltjugendtag beispielsweise war sie fasziniert davon, was der Glauben jungen Menschen geben kann und wie groß die Gemeinschaft ist. Mitunter passierte es während des Projektes sogar, dass sie anderen gegenüber die katholische Kirche verteidigte – und das trotz ihrer kritischen Grundeinstellung. Offen gab Schönian auch zu, dass ihre Absicht, die katholische Kirche zu verstehen, im Jahr des Öfteren drohte, unter die Räder zu kommen. Dann war sie mitunter frustriert und zornig. Eines hat Schönian aus dem lehrreichen Jahr mitgenommen: ihren christlichen Lieblingssong „Da berühren sich Himmel und Erde“. Dieser durfte am Mittwochabend als Abschluss nicht fehlen. Gottfried Pielhau griff zur Gitarre und alle Besucher sangen dieses Lied gemeinsam.

Franziskus von Boeselager wäre gerne bei der Veranstaltung, die in Kooperation von Bildpunkte, dem katholischen Pastoralverbund und dem Buchladen am Neuen Markt veranstaltet wurde, dabei gewesen. Er steht aber im Dienst Gottes in Köln, sein Vater Wilderich von Boeselager ließ es sich aber nicht nehmen, der Lesung beizuwohnen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben