Bundeswehr

Aus neuem Standort wurde eine Heimatstadt

Ehemalige der Bundeswehr im Traditionsraum der früheren Blücher Kaserne in Hemer (v.l.) Dieter Lahrmann, Franz Waclawski, Gerhard Schulze und Bruno Beekhuis.

Ehemalige der Bundeswehr im Traditionsraum der früheren Blücher Kaserne in Hemer (v.l.) Dieter Lahrmann, Franz Waclawski, Gerhard Schulze und Bruno Beekhuis.

Foto: Reinhard Köster

Hemer.   Gerhard Schulze und Franz Waclawski werden weit zurück in die Vergangenheit eintauchen. Der 12. Januar ist für sie ein Datum, an dem vor genau 60 Jahren ihr Leben eine entscheidende Wendung nahm und sie als Soldaten Hemer erreichten.

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Gerhard Schulze und Franz Waclawski werden am heutigen Donnerstag vermutlich häufig in Gedanken weit zurück in die Vergangenheit eintauchen. Der 12. Januar ist für sie ein Datum, an dem vor genau 60 Jahren ihr Leben eine entscheidende Wendung nahm, auch wenn sie deren Ausmaß damals noch nicht erahnten. Am frühen Morgen jenes Tages stiegen sie am Hemeraner Bahnhof zusammen mit 400 Kameraden der Bundeswehr aus einem Sonderzug und betraten den Boden der Stadt, in der ihr weiteres Leben verbringen würden.

An jenem 12. Januar 1957 rückte mit dem Panzergrenadierbataillon 13 die zweite große Einheit in die Hemeraner Jübergkaserne ein, die sieben Jahre später nach dem legendären Feldmarschall Blücher benannt werden sollte. Das Bataillon war zuvor in Schleswig stationiert und wurde dann nach Hemer verlegt. Zu diesem Zweck wurde die komplette Truppe mit Sack und Pack in einem wenig komfortablen Zug verstaut und in einer 24-stündigen Reise von Norddeutschland ins Sauerland transportiert. Mit dabei die damals 22-jährigen Franz Waclawski und Gerhard Schulze.

Waclawski stammt aus Duisburg, hat den Beruf des Bergmanns erlernt, aber schnell erkannt, dass die Schufterei unter Tage seiner Gesundheit nicht zuträglich war. Die im Jahr 1955 gegründete Bundeswehr begriff der junge Mann als Chance und meldete sich als Freiwilliger. Ganz ähnlich entschied sich auch der aus Rheydt im Rheinland stammende Gerhard Schulze, der in seinem erlernten Beruf als Polsterer keine Zukunft für sich sah.

Erster Eindruck von der Stadt war für viele ein Schock

„Als wir in Hemer ankamen und vom Bahnhof aus die Ostenschlahstraße heraufmarschierten, waren wir schon ziemlich entsetzt“, erinnert sich Franz Waclawski heute im Gespräch mit der Heimatzeitung. Schleswig war auch im Jahr 1957 eine wunderschöne Stadt, in der sich die jungen Soldaten wohlfühlten. Hemer präsentierte sich ihnen auf den ersten Blick als ein schmuddeliges Provinznest. Und als die Quartiere in der von belgischen Besatzungstruppen geräumten und ziemlich heruntergekommenen Jübergkaserne bezogen waren, wurde die Stimmung auch nicht gerade besser. Allerdings hatte zumindest Franz Waclawski während seiner Ausbildung zum Bergmann einmal das Felsenmeer besucht, wusste also, dass die kleine Stadt im Sauerland auch reizvolle Seiten hatte.

Bevölkerung stand der Truppe anfangs kritisch gegenüber

In Erinnerung geblieben ist beiden Veteranen, dass die Hemeraner Bevölkerung die Bundeswehrsoldaten damals vielfach nicht gerade mit offenen Armen willkommen hieß. Auch hier war die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik äußerst umstritten. Mit der Zeit aber besserte sich das Verhältnis, vor allem nach dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 und dem Hilfseinsatz der Bundeswehr bei der Hamburger Flutkatastrophe im Folgejahr.

Auch wenn sich das Leben der Panzergrenadiere zunächst weitgehend in der Kaserne abspielte, so erkundeten sie nach Dienstschluss auch die Stadt. Treffpunkte waren das Soldatenheim, aber auch einige Stammkneipen wie die „Kleine Mollige“, der „Finkenkrug“, die „Kümmelklause“. Dort wurden mehr und mehr Kontakte zu den Hemeranern geknüpft. Und zu den Hemeranerinnen, unter denen viele die Frau fürs Leben fanden. Als Turner hatte Franz Waclwaski darüber hinaus in der TG Hemer auch ein sportliches Zuhause.

Damit wurde Hemer nicht nur für Gerhard Schulze und Franz Waclawski mehr und mehr zur neuen Heimatstadt, auch wenn eine Versetzung an einen anderen Standort nie ganz auszuschließen war. Bevor sie 1988 mit Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand entlassen wurden, erlebten sie noch mit, wie die Blücher-Kaserne mit Millionen-Aufwand in den achtziger Jahren instand gesetzt, modernisiert und ausgebaut wurde. Das Verhältnis zur aktiven Truppe blieb stets intensiv und beide waren mit anderen altgedienten Kameraden häufig zu Gast in der Kaserne.

Um so größer war 2004 der Schock, als die Nachricht bekannt wurde, dass die Blücher-Kaserne und damit der Standort Hemer aufgegeben wird. Eine Entscheidung, die Schulze und Waclawski aus ihrer Sicht in keiner Weise nachvollziehen konnten und mochten. Auch als später die Pläne reiften, das Kasernengelände zur Landesgartenschau und damit zu einer Parklandschaft umzuwandeln, war das für beide zunächst kein Trost.

Sauerlandpark versöhnt mit Schließung des Standorts

Das hat sich mittlerweile aber geändert. Beide haben mittlerweile den Sauerlandpark ins Herz geschlossen, bietet er ihnen doch die Möglichkeit, die Stätte, an der sie über drei Jahrzehnte gearbeitet haben und wo sie in dieser Zeit auch viel Herzblut in die Sache der Bundeswehr investierten, zu besuchen. Franz Waclawski: „Ich gehe oft durch den Park und an jeder Ecke werden dabei natürlich andere Erinnerungen wach.“ Mit Grausen sehen er wie auch Gerhard Schulze Bilder von anderen ehemaligen Kasernen in Deutschland, die dem Verfall preisgegeben sind, wo „Birkenbüsche aus den Fenstern wachsen“.

Regenmäßig sind sie wie viele ehemalige Soldaten natürlich auch im Traditionsraum der Bundeswehr im Gebäude am Nelkenweg zu Gast. In diesem kleinen Museum wird die Zeit zwischen 1956 und 2004 dokumentiert, als die Bundeswehr die Stadt Hemer prägte und fortentwickelte.

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