Gerichtsurteil

Aus Partnern wurden Täter und Opfer

Symbolfoto Justitia

Symbolfoto Justitia

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen

Hemer/Iserlohn.  Milde vor dem Amtsgericht hat ein 24-Jähriger gefunden, der seine jüngere Freundin in der gemeinsamen Wohnung vergewaltigte.

Martin wendet den Blick ab, als seine Exfreundin Laura (Namen geändert) den Raum betritt. Der 24-Jährige sitzt auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Im Juli 2018 soll er laut Anklage die 19-Jährige in der gemeinsamen Wohnung in Hemer vergewaltigt haben. Die Tat hat er bereits eingeräumt. Die Bilder, die sich bei diesem Tatbestand in den Kopf drängen mögen, passen äußerlich nicht auf den gebürtigen Altenaer – klein und schmal, Brille, schüchtern. Tobias hat eine handwerkliche Ausbildung gemacht, arbeitet derzeit als Produktionshelfer und lebt bei seinen Eltern. Strafverteidiger Martin Düerkop weist mehrfach auf den geringen Reifegrad seines Mandanten hin.

Was passiert ist, rekonstruieren die Prozessbeteiligten, bevor das Opfer in den Zeugenstand tritt – was später zugunsten des Angeklagten ausfallen wird. Demnach ist Laura eifersüchtig und liest am Tag des Verbrechens heimlich Chatnachrichten eines anderen Mädchens auf Tobias’ Handy. Sie glaubt, dass er sie betrügt, stellt ihn aber nicht zur Rede. Stattdessen geht sie joggen und verschwindet dann für längere Zeit im Bad.

Im Schlafzimmer gibt der junge Mann den Trieben nach

„Ich habe mir Sorgen gemacht und bin ins Bad gegangen, um zu gucken, ob alles ok ist. Sie saß auf dem Klo und sah aus, als ob es ihr nicht so gut geht“, berichtet der 24-Jährige zögerlich. Richter Günter Giesecke von Bergh muss ihn wiederholt auffordern, lauter zu sprechen. Tobias bringt Laura ins Bett und legt sich neben sie. „Damit sie sich ausruhen kann“, wie er vor Gericht beteuert. Jetzt fangen die Dinge an, schiefzulaufen: Spätestens im Schlafzimmer regt sich bei Tobias das Bedürfnis nach Sex und er fängt an, Laura auszuziehen.

Dies lässt sie zunächst über sich ergehen, gibt aber verbal deutlich zu verstehen, dass ihr der Sinn überhaupt nicht danach steht, mit ihm zu schlafen. Als sie ihre Unterwäsche aufsammeln und sich wieder anziehen will, brennt bei Tobias die Sicherung durch: Er stößt sie aufs Bett, legt sich auf sie und vergewaltigt sie zweimal. Als er von ihr ablässt, erleidet er einen Zusammenbruch. „Mir ist dann erst klar geworden, dass es nicht in Ordnung ist, was ich gemacht habe“, sagt der Angeklagte.

Er läuft in die Küche, nimmt ein Messer in die Hand mit den Gedanken, sich etwas anzutun; lässt es wieder fallen und verlässt aufgewühlt die Wohnung. Laura ruft die Polizei, Tobias schreibt ihr im Chat, dass er einen „Riesenfehler“ gemacht und „niemand ein Leben mit ihm“ verdient habe. „Warum hast du mich vergewaltigt?“, fordert Laura eine Erklärung ein, die Tobias nicht hat. „Ich liebe dich über alles“, beteuert er nur. Sein Opfer glaubt ihm nicht: „Dann hättest du das nicht gemacht!“

Das Urteil fällt mild aus, die Motivlage bleibt unklar

Inzwischen ist es nach Mitternacht, Tobias stellt sich der Polizei. Auch im Prozess bleibt er eine Antwort auf die Frage eines der Schöffen schuldig, wie er von der angeblichen Tröstabsicht dazu kam, sich an seiner Freundin zu vergehen. Mit der Justiz ist Tobias schon als Jugendlicher in Konflikt geraten, aber nicht im Zusammenhang mit sexueller Gewalt.

Tobias entschuldigt sich, aber nicht einmal sein Verteidiger nimmt ihm ab, dass er sich wirklich mit seiner Tat auseinandergesetzt hat. Das soll er nachholen – das Schöffengericht verurteilt ihn zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung mit der Auflage einer Sexualtherapie und der Zahlung von 1800 Euro Schmerzensgeld. Laura, die angibt, seit der Tat unter Schlafstörungen und Problemen mit körperlicher Nähe zu leiden, nimmt das Geld unter einer Bedingung: Mit Tobias will sie nie wieder sprechen müssen. Den Saal verlässt sie, ohne zurückzublicken.

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