Flüchtlinge

Die Drehtür nach Deutschland

Die Zentrale Unterbringungseinrichtung in Hemer kämpft mit gestiegenen Flüchtlingszahlen.

Die Zentrale Unterbringungseinrichtung in Hemer kämpft mit gestiegenen Flüchtlingszahlen.

Foto: WP

Hemer.   Die Zahl der Asylbewerber in Hemer steigt. Die zentrale Unterbringungsstelle für Flüchtlinge ist überfüllt. Aktuell sind dort 394 Asylbewerber untergebracht. Die Zahl kratzte in den vergangenen Wochen an der Obergrenze von 500 Menschen. Viele Flüchtlinge bleiben deshalb nur zwei Wochen dort.

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Ein Schlagbaum versperrt den Weg. Die ehemalige Kaserne in Deilinghofen, einem Ortsteil von Hemer, ist von mit Stacheldraht bewehrten Zäunen umgeben. Baracken stehen auf dem Gelände der Unterbringungs-Einrichtung für Flüchtlinge. In ihnen leben Menschen aus 31 Nationen auf engstem Raum. Hinter dem Tor wartet die Welt im Kleinformat oder vielmehr ein Ausschnitt davon. Denn egal welche Gründe die Menschen hatten, ihre Heimat zu verlassen - sie kommen alle aus armen oder von Krieg gebeutelten Staaten.

Es werden immer mehr. Die Einrichtung kratzt zurzeit an der Belastungsgrenze. Die Baracken bieten Platz für 500 Menschen. Aktuell leben 394 Flüchtlinge in Hemer. Vor kurzem waren es noch mehr. Und der Durchschnitt in den vergangenen Jahren lag nur bei 250 Flüchtlingen. Die Situation in Schöppingen (Münsterland), wo sich die zweite Einrichtung in NRW befindet, sieht nicht anders aus. Die Zahlen sind gestiegen, nachdem das Bundesverfassungsgericht beschlossen hatte, dass ihnen mehr Geld zusteht. „Seitdem erfahren wir einen sehr starken Zustrom“, so Bettina Al Talab, Betreuungsleiterin in Hemer. Das Wort Wirtschaftsflüchtling will sie nicht in den Mund nehmen.

Hohe Arbeitsbelastung für Malteser

Stattdessen erklärt sie: „Uns ist es egal, warum jemand sein Land verlässt.“ Das ist ihre Aufgabe: Nicht zu werten, sondern sich um die Menschen zu kümmern. Ihr Arbeitgeber sind die Malteser. Der christliche Orden hat den Auftrag von der Bezirksregierung Arnsberg, die Flüchtlinge zu betreuen. Die 50 Mitarbeiter der Malteser sind für die Dinge des Alltags da. Sie organisieren Betten, Mahlzeiten und medizinische Versorgung.

Die Arbeitsbelastung ist hoch. „Es geht hier zu wie in einem Hotel“, sagt Bettina Al Talab und lacht. Sie nimmt den Ausnahmezustand mit Humor. Was die Leiterin so flapsig formuliert, ist weniger ein Scherz als vielmehr Realität. Der Vergleich mit einem Hotel versinnbildlicht nur den Betrieb in Hemer. Kaum jemand bleibt länger dort, als ein Urlaub dauert.

Ein Bus mit 47 Flüchtlingen verlässt den Parkplatz. Sie werden auf die Kommunen verteilt, wo sie in Heimen oder Wohnungen leben. Der Bus kommt am nächsten Morgen wieder. Er bringt 38 Neuzugänge, die die nächsten zwei Wochen in der Kaserne verbringen. Sie kommen aus Dortmund. Dort liegt eine der zwei Erstaufnahme-Einrichtungen, bei denen sich die Flüchtlinge melden, um einen Asylantrag zu stellen. Die andere ist in Bielefeld.

Auch in Hemer melden sie sich an. An der Rezeption, so heißt das Gebäude, bekommen sie Bettwäsche, Zahnpasta und Duschgel ausgehändigt. Laut Gesetz sollen sie bis zu drei Monaten bleiben. Eben so lange, bis das Bundesamt für Migration über ihren Aufenthaltsstatus entschieden hat.

Strom der Flüchtlinge aus Dortmund

Horst Labrenz ist für diese Dinge in Hemer zuständig. Der Einrichtungsleiter steht in Kontakt mit dem Bundesamt und der Stelle in Dortmund, um den Strom der Flüchtlinge zu lenken. Er weiß, dass Papier geduldig ist und die Praxis eine andere. So verlassen viele Flüchtlinge Hemer wieder, bevor ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Sie müssen nach zwei bis drei Wochen gehen, um Platz für neue Gruppen zu machen. Erst später entscheidet sich, ob sie Asyl bekommen, nur geduldet werden, in ein anderes europäisches Land oder gar in die Heimat ausreisen müssen. „Allein in der vergangenen Woche gingen 250 raus und wieder 250 rein“, sagt Horst Labrenz. Das Drehtür-Prinzip ist weder gut für die Flüchtlinge noch für das Personal. „Das Arbeitsaufkommen darf nicht andauern“, kritisiert Bettina Al Talab. Sie pflichtet der Forderung der Diakonie Mark-Ruhr bei, dass das Land eine dritte Unterbringungs-Einrichtung braucht. In der Diskussion sollen Aachen/Düren und das Münsterland sein.

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