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Die Gewänder machen den Bischof

Emil Rumianek vor dem Schrank, in dem seine Bischofsgewänder aufbewahrt werden. Einen Knecht Ruprecht braucht er nicht, seine Frau Elvira ist aber auch als Helferin des Nikolaus unverzichtbar.

Foto: Reinhard Köster

Emil Rumianek vor dem Schrank, in dem seine Bischofsgewänder aufbewahrt werden. Einen Knecht Ruprecht braucht er nicht, seine Frau Elvira ist aber auch als Helferin des Nikolaus unverzichtbar. Foto: Reinhard Köster

Hemer.   Seit über 35 Jahren ist Emil Rumianek in Hemer und Umgebung als St. Nikolaus unterwegs. Wichtig ist ihm dabei ein würdevolles Auftreten. In unserer Serie werfen wir einen Blick in seinen Kleiderschrank.

Der Advent entfaltet stets seinen besonderen Zauber. Unsere Serie „Türchen auf“ richtet den Blick auf besondere Dinge, die oft im Verborgenen bleiben. Ein Adventskalender voller Geschichten bis Weihnachten. Heute öffnen wir die Tür des Kleiderschranks von St. Nikolaus.

Im Grunde bleibt der Wandschrank im Flur des Dachgeschosses elf Monate im Jahr geschlossen, und Emil Rumianek hat auch keinen Grund, ihn zu öffnen. Drinnen hängen nämlich die Gewänder, die aus dem mittlerweile 74-jährigen Rentner während der Vorweihnachtszeit die Reinkarnation des legendären Bischofs Nikolaus aus Myra machen. Seit über 35 Jahren schlüpft Emil Rumianek in die Rolle des Wohltäters und Freundes der Kinder – und das mit solchem Erfolg, dass es für ihn im Advent bis einschließlich Heilig Abend alljährlich zu einem Full-Time-Job mit bis zu einem Dutzend Auftritten am Tag geworden ist. Doch Emil Rumianek liebt diese selbstgestellte Aufgabe, die ihm einerseits riesige Freude bereitet, andererseits viel Geld für wohltätige Zwecke einbringt. Denn Familien, Firmen oder Vereine, die den Emil-Nikolaus engagieren, greifen dafür – je nach ihren individuellen Möglichkeiten – tief in die Tasche. „Bestimmt eine halbe Million Euro ist inklusive von Sachleistungen, die gerade Firmen beisteuern, im Laufe der Jahrzehnte zusammengekommen“ schätzt Emil Rumianek.

Dieser lang anhaltende Erfolg, ist zweifelsohne auch darin begründet, dass sich Emil Rumianek als Nikolaus über all die Jahre treu geblieben ist und sich nie irgendwelchem Zeitgeist oder fragwürdigen Moden unterworfen hat. Er ist und bleibt der Bischof Nikolaus und weigert sich strikt, den „Weihnachtsmann“ zu geben. Er tritt voller Güte und Sanftmut auf und lehnt es ab, die Kinder zu erschrecken, zu demütigen oder gar den ohnehin aussichtslosen Versuch zu unternehmen, durch Schimpfen und Drohen die Fehler auszubügeln, die die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder gemacht haben.

Und die Authentizität der Figur des Bischofs Nikolaus beginnt für Emil Rumianek schon äußerlich, bei den Gewändern. Ganz zu Beginn trug er lediglich einen roten Mantel, den eine Mitarbeiterin seines damaligen Taxi-Unternehmens genäht hatte. Emil Rumianek, selbst gläubiger Katholik, empfand das aber als unbefriedigende Notlösung. Dann lernte er vor 33 Jahren Pastor Bruno Chrascina aus der Pfarrgemeinde in Bredenbruch kennen. Der hatte gute Beziehungen zu einem Kloster in seiner Heimat Polen. In einer Behinderten-Werkstatt dieses Klosters wurden unter anderem liturgische Gewänder genäht. Emil Rumianek ergriff die Chance, auf bezahlbarem Wege dem Nikolaus zu einem wirklich würdigen Äußeren zu verhelfen.

Zwei Obergewänder ließ er sich in Polen nähen, ein besonders festliches aus dünnem Brokat-Stoff sowie ein ebenfalls prächtiges, aber deutlich unempfindlicheres für die alltäglichen Einsätze. Dazu vier Mitras, wie die stoffbesetzten, spitzen Bischofmützen heißen, zwei Stolen und gleich sechs Alben, also die langen weißen Untergewänder. Als weitere Accessoires bestellte sich Emil Rumianek bei einem heimischen Schreiner einen hölzernen Bischofstab. Und als Goldenes Buch fungiert jetzt schon seit Jahrzehnten eine immer wieder neu in Goldfolie eingeschlagenen große Buchhalter-Kladde.

Wegen der winterlichen Wetterverhältnisse, die hierzulande im Advent üblicherweise herrschen, setzt Emil Rumianek am untereren Körperende auf eine praktische Ausstattung: Warme, schwarze Schuhe, eine winterfeste, ebenfalls schwarze Hose und unter der Albe einen weißen Pullover.

Manchmal ist der Nikolausvöllig schweißgebadet

Ob der Nikolaus sich bei seinen Auftritten wirklich wohlfühlen wird, ist oft schwer abzusehen. „Mitunter meinen die Leute es gut, heizen das Wohnzimmer mit dem Kamin ein und stellen mich dann noch neben das Feuer. Danach ist St. Nikolaus manchmal nachgeschwitzt und muss erstmal nach Hause, sich umziehen.“

Wenn sich besonders, so wie am heutigen Nikolaustag, sehr viele Einsätze aneinanderreihen, ist Emil übrigens nicht wie sonst allein unterwegs, sondern lässt sich begleiten. Allerdings nicht von einem Knecht Ruprecht, sondern von Elvira, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist. Elvira Rumianek unterstützt ihren Emil bei dessen Nikolaus-Aktivitäten ohne Wenn und Aber. Sie fährt nicht nur, wenn viele Einsätze schnell aufeinander folgen, das bischöfliche Auto, sondern kümmert sich auch um die Gewänder. Sie wäscht die Alben, die schnell an den unteren Rändern schmutzig werden, und stopft oder flickt die Obergewänder, wenn dies einmal nötig ist. „Oft erwarten die Leute, dass der Nikolaus durch den Garten über die Terrasse aus dem Dunklen auftaucht. An die Rosen und andere dorniges Gebüsch denkt dabei niemand“, erzählt Emil Rumianek. So hat sich der Nikolaus schon manchen Winkelhaken eingefangen. Und dann ist Elviras schnelle und sorgfältige Hilfe erforderlich.

An Heilig Abend, nach den letzten Auftritten im Sauerlandpark-Wintergarten und auf Gut Holmecke, wird Emil Rumianek die Gewänder ablegen, sich den Bart abrasieren (um ihn ab dem Frühjahr wieder zu stattlicher Länge wachsen zu lassen). Im November wird er wieder losziehen. Und die Jahre drauf wieder, so lange es seine Kräfte zulassen. Denn er weiß: Der Mythos von St. Nikolaus ist unverwüstlich.

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