Kanalhaie

Dubioser Rohrreiniger zockt Seniorin ab

Für eine Hemeranerin wurde die Rohrreinigung extrem teuer (Symbolfoto).

Für eine Hemeranerin wurde die Rohrreinigung extrem teuer (Symbolfoto).

Foto: Archiv

Hemer.   Für 45 Minuten Arbeit hat eine Hemeranerin fast 2000 Euro bar bezahlt. Der Verband warnt vor einer Betrugswelle.

Es passiert ausgerechnet zwischen den Feiertagen, die Toilette ist verstopft, nichts geht mehr im Abflusssystem des Bades. Schnelle Hilfe gegen die drohende Überschwemmung ist unerlässlich, doch für eine Hemeranerin endet die Verstopfung im Haus tränenreich. Sie gerät an einen „Kanalhai“ und muss am Ende fast 2000 Euro bezahlen – ihr Erspartes ist auf einen Schlag weg. Verbraucherschützer warnen vor solchen Betrügerfirmen, die die Notlage der Bürger ausnutzen. Die Abzocke im Notdienst hat System.

Solch ein Malheur kommt immer zur Unzeit, wie an diesem Freitagabend, vor dem langen Wochenende und den Feiertagen. Der erste Anruf der Seniorin, die namentlich nicht genannt werden möchte, gilt dem Handwerker ihres Vertrauens aus Hemer, doch der befindet sich noch zwei Tage in Urlaub. So lange warten kann die Hemeranerin nicht und sucht nach Rohrreinigung Hemer. Dabei gerät sie an eine 0800er Telefonnummer und freut sich über schnelle Hilfe, die ihr versprochen wird. Dabei geht sie die ganze Zeit davon aus, mit einem heimischen Unternehmen zu sprechen.

Rohrreiniger klingelt um22.30 Uhr an der Haustür

Um 22.30 Uhr klingelt der Rohrreinigungsservice an der Haustür und macht sich an die Arbeit, den Abfluss mit einer Spindel zu reinigen. Das dauert knapp 45 Minuten. Als der Handwerker dann die Rechnung präsentiert, ist die Seniorin geschockt: 1997,41 Euro soll sie bezahlen. Der Mann besteht auf Bargeld, und so holt die Frau ihr Erspartes hervor und blättert die Scheine hin.

„Kunde sehr zufrieden“, notiert der Handwerker noch auf der Rechnung und macht bei „die Rechnung wird in Preis und Inhalt akzeptiert“ ein Häkchen. Ganz unten im Kleingedruckten steht als Auftragnehmer eine GmbH aus Dortmund. In ihrer Not wendet sich die Hemeranerin in den nächsten Tagen an ihren Hemeraner Handwerker und die Stadtverwaltung. Beide bestätigen: Die Frau ist abgezockt worden.

„Wir reden hier von 45 Minuten Arbeitszeit“, betrachtet der Hemeraner Fachmann die Rechnung und kann nur mit dem Kopf schütteln. So ist die Arbeit mit überhöhten Summen gleich doppelt berechnet worden. Eine angefangene Viertelstunde wird mit 69,90 Euro berechnet. Der 100-prozentige Nachtzuschlag in gleicher Höhe. Allein dadurch kommen schon über 400 Euro zusammen. Zusätzlich hat der Handwerker die „elektromechanische Reinigung“ pro laufenden Meter mit 139,90 Euro in Rechnung gestellt und das für neun Meter.

„Hier wird doppelt abgerechnet. Die elektromechanische Reinigung ist die billigste Lösung und neun Meter sind höchst unwahrscheinlich“, sagt der Hemeraner Experte. „Firmen aus Hemer hätten höchstens 200 Euro plus Mehrwertsteuer berechnet“, so sein Urteil.

Verbraucherzentralen und der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK) warnen vor den „schmutzigen Tricks“ unseriöser Rohrreinigungsfirmen. Denn die hätten sich ebenso wie manche dubiose Schlüssel- oder Elektronotdienste darauf spezialisiert, die Notsituation ihrer Kunden auszunutzen.

Verband warnt vor 0800er Nummern und Suchmaschine

Beim Verband wird gewarnt: „Bevor Sie 0800er- oder Mobilfunknummern oder Servicenummern wie 01805 aus Anzeigen anrufen, prüfen Sie immer genau, wen Sie tatsächlich anrufen. Durch geschickte Formulierungen wird eine Ortsansässigkeit nur suggeriert. Je mehr Anzeigen einer Firma erscheinen, um so größer sollte Ihre Vorsicht sein. Prüfen Sie immer, auch wenn Sie meinen, Ihnen steht das Wasser bis zum Hals, ob diese Angaben auch wirklich korrekt sind, ansonsten laufen Sie Gefahr, mit völlig überzogenen Rechnungen abgezockt zu werden.“

Wer im Internet nach Rohrreinigung Hemer sucht, erhält anhand der Computer-IP-Adresse für Hemer gestaltete Internetseiten, die eine lokale Firma suggerieren. Da ist von „bestmöglichem Preisangebot“, „lokalem Service in Hemer und „lokalen Partner“ die Rede. In Wirklichkeit sitzt der Vermittler in Monheim, Düsseldorf oder Dortmund und beauftragt mit ihm kooperierende Firmen.

Derzeit rolle eine „gigantische Betrugswelle“ durch Deutschland: Dass 4000 Euro für zwei Stunden Arbeit verlangt werden, sei keine Seltenheit, warnt der Verband. Im Hemeraner Fall würden zwei Arbeitsstunden noch über 4000 Euro liegen. Der Trick, die Rohrreinigung nach laufenden Metern, gleichzeitig aber auch noch die geleistete Arbeitszeit abzurechnen, sei beliebt. Durch diese Doppelberechnung wird die übliche oder angemessene Vergütung oft weit überschritten.

Wird ein Kunde bedrängt, soll die Polizei gerufen werden

Die Hemeraner Seniorin wurde durch eine Dortmunder Firma abgezockt, die erst seit Mai im Handelsregister eingetragen ist, zuvor offenbar in Hamburg tätig war. Das gleiche Rechnungsformular taucht auch bundesweit bei Betrugsfällen auf, so beispielsweise in Ingolstadt. Der Verband warnt auch vor Barzahlungen. Sollten die Kunden bedrängt werden, wird dazu geraten, die Polizei zu rufen.

Wer im Internet nach „Betrügerfirma Rohrreinigung“ sucht, bekommt Tausende Artikel angezeigt. Eigentlich müsste die Abzocke – ähnlich wie der falsche Polizist oder der Enkeltrick am Telefon — bekannt sein. Doch immer wieder fallen Menschen auf unseriöse Handwerker rein. So lauten Bewertungen über die in dem Hemeraner Fall tätige Dortmunder Firma: „Noch nicht einmal einen Stern dürfte man geben! Finger weg! Es handelt sich um .... Rechnung über 997,- € für knapp 15 min. Arbeit. Meine Mutter (78 Jahre) wurde „abgezockt“; oder „Vorsicht! Diese Firma hat meine Mutter (über 80 Jahre) für eine gute Stunde Rohrreinigung mal kurz eben 724,00 Euro ärmer gemacht. Und die Verstopfung ist immer noch da. Bloß nicht beauftragen!“

Ob und wie die Hemeranerin gegen die überhöhte Rechnung vorgeht, ist noch nicht entschieden. Da sie in Bar gezahlt hat, wird sie ihr Geld wohl nicht wiedersehen. Nach Ansicht des Hemeraner Fachmanns liegt hier Wucher vor. Unter Wucher versteht der Gesetzgeber die „Ausnutzung einer Zwangslage bei einer auffälligen Diskrepanz zwischen der erbrachten Leistung und dem erlangten Vermögensvorteil“.

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