Natur

Entdeckungstour in die Welt über den Wipfeln

Konzentration und Stille ist angesagt, um die Singvögel voneinander unterscheiden zu können.

Konzentration und Stille ist angesagt, um die Singvögel voneinander unterscheiden zu können.

Foto: Hendrik Schulze Zumhülsen

Hemer.   Eine kleine Gruppe um den Diplom-Biologen Tim Graumann hat sich auf die Spur der Singvögel begeben.

Die Sonne steht tief und scheint auf die Wiese in der Nähe des Westiger Sportplatzes. Zusammen mit dem Diplom-Biologen Tim Graumann hat sich eine Gruppe aus sieben Ausflüglern, vier Erwachsene und drei Kinder, am Samstag um sechs Uhr morgens auf die Spur der Singvögel begeben. Um die verschiedenen Vögel unterscheiden zu können, mussten die Teilnehmer der VHS-Vogelwanderung auf die Zwischentöne im stillen Wald achten.

Unterdrückt und ganz aus der Ferne gibt noch der Alltag seine Geräusche von sich. Baustellenlärm, Straßengeräusche oder das ein oder andere Flugzeug sind auf der Wiese am Dulohweg zu vernehmen. Darauf kommt es auf der Vogelwanderung aber nicht an. Amsel, Buchfink und Zilbzalb haben eine ganz andere Geräuschkulisse aufgebaut. Die Natur kommuniziert auf ihre eigene Weise.

Hörstift spielt Aufnahmen der Singvögel ab

Um diesen Geräuschen auf die Spur zu kommen, hat Tim Graumann, der auch Lehrer an der Iserlohner Grundschule am Wiesengrund ist, ein ganz besonderes Buch mitgenommen. Darin stehen nicht nur die Vogelarten Deutschlands. Mit einem Hörstift, der ein wenig Ähnlichkeit mit einem Schwangerschaftstest aufweist, tippt er auf Symbole im Fachbuch. Darauf ertönt ein Vogelruf. Das soll nicht nur die Gesangsstimmen der Tiere aufzeigen, sondern sie auch in die Nähe locken.

Manchmal ist es ein Flöten und Trillern, manchmal ein Schimpfen oder Zirpen. „Jeder Vogel hat seine Eigenheit“, bemerkt die zehnjährige Elena, die mit ihrer Mutter Julia Venus unterwegs ist. Die Amsel kann sogar bis zu 150 Strophen singen, was jedem Vogel eine gewisse Einmaligkeit verleiht. Außerdem sind es Frühaufsteher, wie Tim Graumann erzählt.

„Wie ich“, sagt der achtjährige Julian strahlend. Auch die für das Wochenende recht frühe Uhrzeit für die Vogelwanderung war für den Achtjährigen kein Problem. Nur seine Mutter, Katrin Bellinger, hat sich ein wenig an das frühe Aufstehen gewöhnen müssen. Vor allem im eigenen Garten lauschen die beiden gerne den Vögeln. „Man kann schon Unterschiede bei den Singstimmen der Vögel erkennen“, sagt Katrin Bellinger.

Für Julia Venus und ihre Tochter Elena kommt es vor allem auf die Beschäftigung mit der Natur an. „Es hätte auch um Rehe oder Wildschweine gehen können. Dafür wären wir auch früh aufgestanden“, sagt die Mutter.

Bussard ist auf der Suche nach „Fast-Food“

Während der Wanderung weist Tim Graumann auch auf unübliches Verhalten der Vögel hin. Ein Bussard jagt zum Beispiel einem Raben nach, obwohl es normalerweise Rabengruppen sind, die Raubvögel vertreiben. Der gleiche Bussard verhält sich an anderer Stelle auch unüblich. Im Gras hüpft er von Hügel zu Hügel und lässt sich von den ihn beobachtenden Menschen gar nicht stören. „Das ist eine komische Art zu jagen. Vielleicht ist er auf der Suche nach Heuschrecken“, kommentiert Tim Graumann. Das wäre für den Raubvogel eine Art „Fast-Food“ am Morgen.

Im Wald kann der Diplom-Biologe dann doch mit den Geräuschen seines Hörstifts einen Vogel anlocken. Ein Kleiber fliegt über die Wipfel und nimmt auf einem Ast Platz. „Ihren Ruf setzen die Vögel nicht nur zur Paarung ein, sondern auch, um zu sagen: Das hier ist mein Gebiet“, erklärt Tim Graumann. Der Kleiber ist sichtlich verwirrt. Er nimmt die Rufe eines Kontrahenten wahr, kann aber den Vogel nicht sehen, der ihm sein Gebiet streitig machen will. Das Trillern weicht einem zirpenden Angriffsruf, der Vogel blickt hektisch in alle Richtungen.

Zum Äußersten kommt es aber nicht. „Singvögel bekämpfen sich nicht untereinander“, erklärt Tim Graumann. Beim Kleiber gilt das, was leider auch manchmal bei hitzigen Debatten funktioniert. „Der, der am lautesten ruft, setzt sich durch“, erklärt der Grundschullehrer.

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