Klima

Grüner Ökostrom kommt „grau“ in Hemer an

Norwegen ist das Land der Seen und Flüsse und generiert laut Heinrich-Böll-Stiftung 96 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Dass der Strom exportiert wird, wird dort nicht überall positiv aufgenommen.

Norwegen ist das Land der Seen und Flüsse und generiert laut Heinrich-Böll-Stiftung 96 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Dass der Strom exportiert wird, wird dort nicht überall positiv aufgenommen.

Foto: Hans Blossey / www.blossey.eu

Hemer.  Die Stadtwerke beliefern durch den Handel mit Zertifikaten die Anlagen und Gebäude der Stadt mit Strom aus Skandinavien.

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Mit ihren Unterschriften haben es Bürgermeister Michael Heilmann und Stadtwerke-Geschäftsführerin Monika Otten vor kurzem besiegelt: Die Gebäude und Anlagen der Stadt Hemer sollen über den 31. Dezember hinaus bis 2023 mit zertifizierten Ökostrom versorgt werden. Produziert wird der Grünstrom in Wasserlaufkraftwerken in Skandinavien. Warum ausgerechnet das Land aus dem Norden dafür infrage kommt und warum nicht wirklich der Strom aus der europäischen Halbinsel die heimischen Geräte betreibt, klären wir hier.

Vor allem Norwegen ist laut Heinrich-Böll-Stiftung ein Land, das besonders für Ökostrom geeignet ist. 96 Prozent seines Stroms generiert das Land aus Wasserkraft, größtenteils an Stauseen und regulierten Flüssen, an denen Wasser kontrolliert durch Turbinen geleitet wird.

Unterseekabel verbinden Norwegen mit Mitteleuropa

Um die grünen Stromreserven aus den Flüssen und Stauseen auch europäischen Betreibern zu verkaufen, hat das Land in Unterseekabel investiert. In die Niederlande transportiert ein Kabel seit 2008 Strom und auch nach Dänemark gibt es eine vierteilige Verbindung, so der Artikel auf der Internetseite der Heinrich-Böll-Stiftung. Auf Kritik stoße diese Praxis allerdings im Heimatland, wo dies von manchen als „Geschäftemacherei“ bezeichnet wird. „Die größten Unterstützer dieser Kabel sind in Norwegen die Stromproduzenten und ihnen geht es nur ums Geld. Das Umweltargument, dass die Kabel die erneuerbaren Energien unterstützen, ist nur schönes Gerede, das sie für ihre Zwecke benutzen“, zitiert die Heinrich-Böll-Stiftung Hogne Hongset von der norwegischen Gewerkschaft „Industri Energi“. Mit dem Kabel Nordlink durch den norwegischen Netzbetreiber Statnett, den deutsche Übertragungsnetzbetreiber Tennet und der KfW-Förderbank ist auch eine Verbindung zwischen Norwegen und Norddeutschland im Aufbau. Allerdings würde – auch mit einem fertig gestellten Kabel – der in Norwegen produzierte Strom wohl kaum direkt aus der Hemeraner Steckdose kommen, wie es Josef Guthoff, bei den Stadtwerken für Marketing und Vertrieb verantwortlich, erklärt.

Als Metapher verwendet Guthoff den von Verbänden gerne gewählten Begriffs des „Stromsees“. Darin wird der gesamte Strom im deutschen Netz gewissermaßen als ein See, als eine Masse bezeichnet. Durch den Erwerb von Zertifikaten könne man dafür sorgen, dass dieser „See“ sich mit mehr grünem Strom als „grauen“, also zum Beispiel von Kohlekraftwerken, füllt. Durch die Lieferung von Strom über einen Betreiber aus Skandinavien sorgen Stadt und Stadtwerke also laut Guthoff dafür, dass prozentuell gesehen ein wenig mehr Ökostrom in Deutschland verbraucht wird, und dementsprechend weniger Strom über zum Beispiel Kohle- oder Atomkraftwerke. „Wir machen den See grüner“, erklärt Guthoff. Allerdings dürfte in den meisten Fällen Kohlestrom aus den heimischen Steckdosen gelangen, wie aus Medienberichten zu erfahren ist. Laut Guthoff beziehen die Stadtwerke den Ökostrom zumindest nicht von regionalen Anbietern.

Strombörse bestimmt Preis für Ökostrom-Zertifikate

Um wieviel teurer der zertifizierte Ökostrom gegenüber dem „grauen“ Strom ist, kann Josef Guthoff nicht genau sagen. Beim Strompreis gebe es viele Bestandteile wie Konzessionen, der KWK-Umlage oder anderen Netzgebühren. „Das ist wie an der Tanksäule. Da bestimmt auch nicht nur ein Faktor den Preis“, so Guthoff. Der Strompreis werde wie die Zertifikate an der Börse gehandelt. Je höher die Zertifikate an der der Strombörse gehandelt werden, desto teurer ist also der Ökostrom. Der Preis ist also Schwankungen unterworfen.

Insgesamt werden, so Bürgermeister Michael Heilmann in einer Pressemitteilung, die Stadtwerke die städtischen Gebäude und Anlagen jährlich mit etwa 4,3 Millionen Kilowattstunden „Ökostrom“ beliefern.

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