LGS-Halbzeit-Bilanz

„Haben nur noch Luxusprobleme...!“

IKZ-Redaktionsleiter Thomas Reunert im Gespräch mit Bürgermeister Michael Esken.

IKZ-Redaktionsleiter Thomas Reunert im Gespräch mit Bürgermeister Michael Esken.

Foto: IKZ

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Hemer. Mal ganz grundsätzlich beschreibt Bürgermeister Michael Esken seine Stimmung an diesem Freitagmorgen in seinem Büro als „zurückhaltend fröhlich“. Das „fröhlich“ ist natürlich dem Erfolg bzw. insbesondere den guten Zahlen der bisherigen Landesgartenschau geschuldet. „Die Sache läuft erstaunlich rund. Eigentlich haben wir jetzt ja nur noch wirklich Luxusprobleme.“ Das „zurückhaltend“ resultiert offensichtlich aus dem leicht stöhnenden Zusatz „Es kann ja noch sooo viel passieren.“

Aber erst einmal ist unmittelbar zu Beginn der nächsten Woche Halbzeit in Hemers bunter Gartenwelt. Beste Zeit also für Zwischenbilanz. Und natürlich auch für einen Ausblick. Alles notgedrungen irgendwie unvollständig, aber immerhin ein Versuch.

90. Tag. So ist die Seite auf dem Bildschirm überschrieben, die aktuell die Drehzahlen der Besucherkreuze ins Bürgermeister-Büro meldet. Dieser 90. Tag war der Donnerstag. 4459 Menschen hatten an eben diesem Tag zu den offiziellen Öffnungszeiten die Landesgartenschau betreten und somit das Gesamt-Besucherkonto auf 464819 anschwellen lassen. Da nimmt Michael Esken doch gern noch einmal die Machbarkeitsstudie zur Hand, mit der sich Hemer dereinst um die Ausrichtung beworben hatte. Da war über die gesamte Laufzeit von einer Untergrenze von 400000 Gästen die Rede, damit man die Schau finanziell seriös darstellen könnte. Und die obere Realitäts-Grenze war mit 700000 Personen angegeben. Das ließe ihn nun wirklich etwas ruhiger schlafen, unterstreicht Michael Esken noch einmal seine Gefühlslage, auch wenn er später sagen wird, dass da Ergebnis einer Landesgartenschau noch so gut sein könne, es aber immer nur den Zuschussbedarf verkleinern würde. „Das ist aber auch gut so, denn schließlich wird eine tolle Leistung für die Bürger erbracht, und das ist gut angelegtes Geld.“

Reden wir also über die Bürger. Eigentlich wolle er nicht den Satz bemühen „vom Ruck, der durch Hemer gegangen ist“, aber irgendwie sei das schon etwas Wahres dran. Die Menschen machten derzeit einen zufriedeneren Eindruck. „Ich habe ehrlich im Moment das Gefühl, dass unsere Bürger stolz auf Hemer sind.“ Und das könnten sie auch, denn schließlich seien auch abseits des eigentlichen Gartenschaugeländes Stadtentwicklungen angeschoben worden, die „wir so niemals geschafft hätten und die noch Jahrzehnte Bedeutung haben.“ Dahinter verbirgt sich die kleinere Neben-Info: Gerade die Gelder für die städtebaulichen Veränderungen sind an lange Laufzeiten gebunden. Esken: „Die Pläne, die ihnen zu Grunde liegen, werden auch noch Hemer-Entscheidungen in zehn oder zwanzig Jahren bestimmen.“

Daran wird übrigens auch die sozialdemokratisch-grüne Machtübernahme in Düsseldorf nichts ändern. Bekanntlich hält sich in diesem politischen Lager die grundsätzliche Begeisterung für Landesgartschauen eher in Grenzen, aber für Hemer sind die amtierenden Fakten ja bereits geschaffen. Aber auch Michael Esken hat übrigens vorsichtshalber schnell mal im neuen Koalitionsvertrag nachgeschaut, ob sich da etwas findet, was der Freude am Felsenmeer-Strand Abbruch tun könnte. „Da ist aber wohl nix!“ Mit Post von Donnerstag hat auch Hannelore Kraft bereits eine Einladung nach Hemer auf dem Tisch. „Eine Kopie hat auch Michael Scheffler.“ Der sei sich beim 100. Geburtstag von Hemers SPD sicher gewesen, dass Frau Kraft - wenn sie denn gewählt würde - auch zur Landesgartenschau kommt: „Wir werden sehen.“

Apropos „sehen“: Konnte man dieses Sommer-Märchen der besonderen Art eigentlich schon bei der Auftragsvergabe absehen? „Konnte man,“ sagt Michael Esken und schränkt ein: „Die Politiker konnten das allerdings irgendwie besser als die Architekten. Die Verantwortlichen von Geskes und Hack haben richtige Bilder in die Köpfe gezaubert, mit denen wir etwas anfangen konnten. Die Architekten hatten da ja andere Favoriten.“

Gilt das auch für den Jübergturm? „Ich persönlich bin froh, dass er am Ende so gebaut worden ist. Und ich bin sicher, dass er sich in kürzester Zeit in der Tat zum neuen Wahrzeichen dieser Stadt mausern wird. Wenn er das nicht schon ist.“

Und das Felsenmeer? „Touristisch hat es in jedem Fall eine Aufwertung erfahren. Aber auf der anderen Seite sind nicht nur die Umweltschützer froh, dass nicht alle rund 500000 der bisherigen Besucher durch das Felsenmeer gepilgert sind, sondern sich eben auch viele mit dem Ausblick von der Plattform beschränkt haben.“

Wenn wir schon beim Thema „Ausblick“ sind. Was erwartet der Bürgermeister für die zweite LGS-Hälfte? Da könne man natürlich zunächst nur spekulieren, sagt er, aber die Erfahrungen der anderen Schauen hätten gezeigt, dass die zweite Hälfte nahezu gleich zur ersten Hälfte verlaufen würde. „Natürlich erhöht sich jetzt in den Ferien der Kinderanteil. Aber das ist doch auch prima. Wir hatten schließlich auch schon jede Menge reiferer Semester im Haus.“

Noch viel spannender ist allerdings der Blick auf die Zeit, wenn das Drehkreuz für dieses Jahr zum letzten Mal ins Schloss knackt. Esken weiß natürlich, dass er und seine Mit-Entscheider dann bzw. bis dahin jede Menge Denk- und Beschluss-Arbeit vor der Brust haben. „Auf jeden Fall soll im November der 1. Spatenstich für die Wohnbau-Maßnahme auf den jetzigen Parkplätzen erfolgen. Da warten die Bürgen drauf. Das ist ein Zeichen.“

Und dann muss eben auch das Konzept für den neuen Hemeraner Stadtpark stehen. Dass er einen Zaun und eine Kasse haben wird, ist für Esken keine Frage. Erstens müsse man als Stadt im Nothaushalt das Geld für den Erhalt des Parks selbst erwirtschaften, zweitens sei man allein schon aus steuerlichen Gründen gezwungen, Eintritt zu erheben und schließlich würde man ohne Zaun das Gelände „den Vandalen dieser Welt überlassen.“ Er erzählt von Rietberg, die in ihrer Landesgartenschau aus baulichen Gründen die Tore für vier Wochen geöffnet hielten und das mit 50000 Euro Sachschaden teuer bezahlen mussten.

Beratungsbedarf wird es auch noch über die Nutzung von Gebäude- und Geländeteilen geben. Und: Muss die Panzerplatte wirklich zurückgebaut werden oder kann sie als Parkplatz dienen? Macht es Sinn, das „Café Flora“ über 2010 hinaus zu erhalten? Schließt der Zaun 2011 den Plantsch-/Himmelsspiegel sowie die Grohe-Halle noch ein?

Wobei man bei der Halle natürlich auch nachhaken muss. Sie hat sich offenbar inzwischen bereits als Veranstaltungszentrum bewährt. „Natürlich treten wir mit dieser Halle und ihren bisherigen Erfolgen in Konkurrenz zu Iserlohn und Menden. Zumal sie in den nächsten Jahren gastronomiefrei und somit für Veranstalter noch interessanter ist.“ Allerdings werde es eine Inflationierung der Veranstaltungen nicht geben, sagt der Bürgermeister. Zum einen, weil er weiß, dass die Halle im Kern als Vereins- und Schulsporthalle vorgesehen ist und dass dieses Recht auch abgerufen werden wird. „Da werde ich wahrscheinlich noch des Öfteren schlichtend eingreifen und bei Konflikten vermitteln müssen.“ Zum anderen möchte er aber auch nicht, dass das Kultur-Angebot so groß ist, dass die Hemeraner Bürger selbst bei Interesse in ihren finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt sind. „Dann kann man am Ende sogar Wut auf die eigene Halle kriegen. Von daher sind drei bis fünf Top-Acts im Jahr genug.“

Die Liste der noch offenen Fragen ist lang. Wer pflegt eigentlich ab nächstes Jahr den Stadtpark? Die Stadt Hemer? Eine beauftragte Firma? Ein gemeinsamer Bauhof Iserlohn/Hemer? Gibt es doch noch irgendwann ein Hotel auf dem Gelände? („Im Moment gibt es da nichts Neues! Den geplanten Investor hat die Krise erwischt.“) Wie sieht die Nachfolgegesellschaft aus? („Mit Sicherheit wird sie klein, ins Rathaus eingegliedert und von hier kontrolliert und geführt!“)

Eine ganz bestimmte Antwort gibt es aber bereits. Und die beinhaltet ziemlich Unglaubliches. Die Frage: Macht der Bürgermeister eigentlich irgendwann Urlaub? „Ja“, sagt er und grient zwischen verlegen und über sich selbst erheitert: „Wir haben ein Wohnmobil gemietet und klappern alle Landesgartenschauen ab.“ So ist das also, wenn einer eins wird mit einer Idee.

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