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„Ich sehe die Schule weiter in der Erfolgsspur“

Die Leiterin der Gesamtschule Hemer Gabriele Koller ist in den Ruhestand

Foto: Reinhard Köster

Die Leiterin der Gesamtschule Hemer Gabriele Koller ist in den Ruhestand Foto: Reinhard Köster

Hemer.   Gabriele Koller, scheidende Leiterin der Gesamtschule, spricht Widerstände, Erfolge und Zuversicht.

In einer sehr emotionalen und herzlichen Feierstunde ist Gabriele Koller in der vergangenen Woche als Leitende Direktorin der Gesamtschule Hemer verabschiedet worden, die unter ihrer Führung aufgebaut worden ist. Im Gespräch mit der Heimatzeitung zieht Gabrielle Koller eine Bilanz der zurückliegenden neun Jahre und wagt auch einen Blick in die Zukunft.

Frau Koller, Sie verlassen die Gesamtschule zum Ende des Halbjahres. Haben Sie jemals in ihrer Laufbahn mehr Zeugnisse unterschreiben müssen als in den vergangenen Tagen?

Nein, ich habe noch nie in meiner Laufbahn so viele Zeugnisse unterschreiben müssen, denn die Gesamtschule ist in diesem Schuljahr voll ausgebaut bis zur Klasse 13 und hat im Moment 986 Schülerinnen und Schüler. In meiner Zeit an zwei anderen Gesamtschulen vorher war ich zunächst Koordinatorin und dann stellvertretende Schulleiterin und es gehörte nicht zu meinen Aufgaben, Zeugnisse zu unterschreiben. Ich unterschreibe im übrigen sehr gerne Zeugnisse, denn ich kenne doch fast alle Schülerinnen und Schüler und habe sie beim Unterschreiben noch einmal deutlich vor Augen.

Als Sie nach Hemer kamen, um die Gesamtschule aufzubauen, haben Sie da mit solchen Schwierigkeiten und Widerständen gerechnet, wie sie dann immer wieder aufgetaucht sind?

Ich wusste, dass die sehr kämpferische Elternschaft in Hemer die Gesamtschule auf den Weg gebracht und der Rat der Stadt sich für die Gründung der Schule ausgesprochen hatte. Daher war ich in dem Glauben, es gibt einen Schulentwicklungsplan und reichlich Unterstützung von Seiten der Politik und der Schulverwaltung. Dass es dann doch erhebliche Überzeugungsarbeit brauchte, um die berechtigten Interessen der Gesamtschule durchzusetzen, hatte ich nicht erwartet.

Was waren größten Hindernisse, die Sie aus dem Weg schaffen mussten?

Zu Beginn gab es erhebliche Hürden zu überwinden. Ich glaube, dass es den Verantwortlichen in Politik und Schulverwaltung nicht klar war, was es bedeutet, eine Schule auf den Weg zu bringen, die irgendwann die Schule mit den meisten Schülerinnen und Schülern sein würde. Vor allem eine Schule im Ganztag, den wir ein halbes Jahr nach der Gründung einführen durften. Es bedurfte vieler intensiver Gespräche mit den Verantwortlichen, um diese von den Notwendigkeiten der Ausstattung einer Gesamtschule zu überzeugen.

Was haben Sie als größten Erfolg und Durchbruch empfunden?

Der größte Erfolg ist die Annahme der Schule durch die Eltern und die Schülerinnen und Schüler. Die Anmeldezahlen bestätigen jedes Jahr, dass die Schule überzeugende Arbeit leistet und angenommen wird. Stolz bin ich auch auf das Ergebnis der Qualitätsanalyse, die zeigte, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

Welche Vorurteile gegen die Gesamtschulen im Allgemeinen halten sich Ihrer Erfahrung nach am hartnäckigsten?

Ich höre immer wieder Stimmen, die besagen, dass die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler an einer Gesamtschule nicht genug lernen, nicht genügend gefördert werden. Dabei besagen etliche Untersuchungen zu diesem Thema, dass dies so nicht stimmt. Außer in Deutschland gibt es in Europa kaum Länder, in denen es ein derart gegliedertes Schulsystem gibt, und die Schülerinnen und Schüler dort schneiden zum Teil hervorragend ab. Dann gibt es die irrige Überzeugung, das Abitur an einer Gesamtschule sei nicht so viel „wert“ wie an einem Gymnasium. Dazu kann ich nur sagen, durch das Zentralabitur in NRW unterscheidet sich die gymnasiale Oberstufe an der Gesamtschule in keiner Weise von der am Gymnasium.

Die Gesamtschule umfasst auch die gymnasiale Oberstufe. Ganz ehrlich, werden wir in Zukunft die reinen Gymnasien noch brauchen?

Ich möchte die Gymnasien nicht abgeschafft wissen. Ich denke die Aufgabe des Gymnasiums ist es, besonders begabte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zum Abitur zu bringen. Der Auftrag der Gesamtschule ist es eher, Bildungsschätze zu heben und Schülerinnen und Schüler auszubilden oder auch zum Abitur zu bringen, die einen größeren Unterstützungsbedarf haben und ein bisschen mehr Zeit brauchen, sich zu entwickeln.

Wo sehen Sie die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden Schulformen?

An den Gesamtschule werden die Schülerinnen und Schüler nicht nach Grundschulempfehlungen getrennt, sondern – wie oben schon erwähnt – lernen sie länger in heterogenen Lerngruppen.

Würde es ausreichen, wenn wir neben den Grundschulen nur noch Gesamtschulen hätten, die räumlich und personell bestens ausgestattet sind?

Wie bereits erwähnt, hat die Schulform Gymnasium ihre Berechtigung. Was allerdings nicht bedeuten soll, dass Gesamtschulen nicht räumlich und personell besser ausgestattet werden sollten. Was übrigens für alle Schulformen gilt. Ich finde es zum Teil beschämend, wie unsere Schulen ausgestattet sind und welche baulichen Mängel vorliegen. Das ist auch das Ergebnis einer Studie des WDR.

Was braucht die Gesamtschule Hemer für die nahe Zukunft am dringendsten?

Da die Gebäude der Schule aus den frühen siebziger Jahren stammen, wären Reparatur- und Renovierungsarbeiten notwendig. Man kann sich vorstellen, dass es zwangsläufig zu Beschädigungen kommt, wenn sich täglich über tausend Menschen in den Gebäuden aufhalten. Es müsste viel schneller und effektiver auf diese Dinge reagiert werden. Darüber hinaus ist der Schulhof an den Wochenenden Treffpunkt für viele Jugendliche und entsprechend sieht es am Montag aus. Ein Zaun um das Schulgelände wäre sicherlich von Vorteil. Weitere Wünsche wären, die Renovierung der Toilettenanlage und die Fertigstellung des Außensportgeländes, das wir mit dem Gymnasium gemeinsam nutzen wollen.

Was wünschen Sie ihrem Nachfolger und ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen für die Zukunft?

Ich wünsche, dass meine Kolleginnen und Kollegen weiter so engagiert und mit Herzblut und Freude bei der Sache sind wie bisher. Meinem Nachfolger wünsche ich starke Nerven und eine gehörige Portion Gelassenheit, dann sehe ich die Schule weiter in der Erfolgsspur.

Anmerkung: Im Bericht über die Verabschiedung von Gabriele Koller in der Freitagausgabe hieß es missverständlich, ihr Ehemann Burkhard werde die Gesamtschule bis zur Bestellung eines Nachfolgers kommissarisch leiten. Burkhard Koller ist lediglich als Dezernent in Arnsberg für die Gesamtschulen verantwortlich, da er kommissarisch die Aufgaben der ebenfalls in den Ruhestand wechselnden Dezernentin Sigrid Kuck übernimmt. Die Gesamtschule Hemer wird kommissarisch vom stellvertretenden Schulleiter Ralf Isenberg geführt.

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