Autismus

Selbsthilfegruppe will Schubladendenken durchbrechen

Raphaela Mund (v.li.) und Bettina Strelow sind begeistert von dem Austausch in der Selbsthilfegruppe von Stephanie Meer-Walter.

Raphaela Mund (v.li.) und Bettina Strelow sind begeistert von dem Austausch in der Selbsthilfegruppe von Stephanie Meer-Walter.

Foto: Vanessa Wittenburg

Hemer.  In der Zweigstelle des Autismus Therapie Zentrums Lüdenscheid hat sich jetzt eine Selbsthilfegruppe gegründet.

„Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, habe ich gesagt, dass mein Umfeld positiv auf meine Diagnose reagiert hat. Jetzt weiß ich: viel zu oft werde ich von den Menschen in Schubladen gesteckt, bekomme einen Stempel aufgedrückt“, berichtete Stephanie Meer-Walter. Erst mit Mitte 40 erhält sie die Diagnose Asperger-Autismus, ihre Geschichte erzählt sie in ihrem Buch „Eine unerhörte Antwort!“ (wir berichteten). Jetzt hat sie eine Selbsthilfegruppe gegründet, unterstützt von der Hemeraner Zweigstelle des Autismus Therapie Zentrums (ATZ) Lüdenscheid.

Auch Therapeuten könnenviel aus Austausch lernen

„Ich habe den Aufruf zur Gründung der Gruppe auf Facebook gesehen und direkt gefragt, ob ich mich anschließen kann. Auch wir Therapeuten können viel aus den Gesprächen lernen“, erklärt Bettina Strelow vom ATZ. Der Austausch zwischen neurotypischen und autistischen Menschen sei sehr wichtig, berichtet Bettina Strelow: „Wir können so zu einer Art Dolmetscher werden und besser zwischen den Betroffenen und ihren Angehörigen vermitteln.“

Und auch Stephanie Meer-Walter ist überzeugt: „Ich habe mich in der Vergangenheit oft missverstanden gefühlt. In den Gesprächen mit der Gruppe habe ich häufig Aha-Momente, weil mir plötzlich einleuchtet, was eigentlich schiefgelaufen ist.“ Eine echte Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

„Ich hatte lange das Gefühl, dass ich in der Erziehung meiner Kinder etwas falsch gemacht habe“, beschreibt eine Mutter, die auf Wunsch ihrer autistischen Kinder nicht namentlich genannt werden will. Sie spricht von ihrer großen Unsicherheit auf dem langen und holprigen Weg zur Diagnose Autismus. „Ich habe erst viel zu spät erfahren, welche Möglichkeiten meine Kinder gehabt hätten, was ich alles hätte tun können“, klagt sie. „Genau da wollen wir mit unserer Gruppe ansetzen“, erklärt Stephanie Meer-Walter.

In der Selbsthilfegruppe erhalten die Betroffenen praktische Tipps, etwa an welche Stellen sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen. Als besonders wertvoll beschreiben die Teilnehmer aber den persönlichen Austausch. „Wir bekommen so nicht nur einen neuen Blickwinkel auf die Situation, sondern handfeste Tipps, wie wir damit umgehen können. Sowas hat mir gefehlt“, beschreibt eine Betroffene.

Das ATZ setzt genau da an. „Wir wollen vor allem Lehrer und Erzieher dafür sensibilisieren, was Autismus bedeutet und ihnen Hilfestellung geben“, sagt Bereichsleiterin Raphaela Mund. Einfach sei das aber häufig nicht, die Stigmatisierung in der Gesellschaft, Vorurteile und der Leistungsdruck lassen wenig Raum für das „Anders sein“. „Dabei ist Wahrnehmung immer subjektiv, den Anderen wertfrei zu akzeptieren – das ist die Herausforderung“, meint Stephanie Meer-Walter. Ihr Wunsch ist es, dass sich vor allem in den Schulen einiges ändert: „Es wäre toll, wenn die individuellen Stärken in den Fokus gesetzt werden, anstatt der Schwächen.“

Während es für Kinder mittlerweile vermehrt Angebote hinsichtlich Autismus gibt und auch die Frühförderstellen dafür verstärkt sensibilisiert sind, fehlt aus Sicht der Betroffenen vor allem eins: Hilfsangebote für Erwachsene, die erst spät mit der Diagnose Autismus konfrontiert werden. „Das ist ein regelrechter Dschungel, in dem wir unsere Hand reichen wollen“, sagt Raphaela Mund. Die Selbsthilfegruppe ist für alle offen, die mit dem Thema Autismus in Berührung kommen. Betroffene, Angehörige oder Lehrer, Erzieher und Therapeuten – jeder darf vorbeikommen.

Die Gruppe trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat von 19 bis 21 Uhr. Der nächste Termin ist also heute, 4. Dezember, in den Räumen des ATZ, Nelkenweg 5-7, 1. OG. Der Zugang erfolgt über die Rückseite des Hauses. Im kommenden Jahr trifft sich die Gruppe das erste Mal am Mittwoch, 8. Januar.

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