Gesundheit

Thema Pflege: „Ohne Rückenwind geht es nicht“

Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, hat auf Einladung von Gudrun Gille, Vorsitzende des Netzwerks Demenz, einen Vortrag gehalten.  

Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, hat auf Einladung von Gudrun Gille, Vorsitzende des Netzwerks Demenz, einen Vortrag gehalten.  

Foto: Hendrik Schulze Zumhülsen

Hemer.  Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, war beim Netzwerk Demenz zu Besuch.

In einer immer älter werdenden Gesellschaft stößt das Pflegesystem irgendwann an seine Grenzen. Symptome wie der Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich und der steigende Bedarf an stationären Pflegeplätzen werden immer deutlicher. Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, war am Montag auf Einladung des Netzwerks Demenz im JuK zu Gast, um die Probleme im Pflegesystem zu beleuchten und die Reformpläne des Bundes zu erläutern. Dabei stellte er sich unter anderem auch den Fragen von pflegenden Angehörigen.

Vor allem die stark ausgeprägte Bürokratisierung im Pflegesystem haben die Fragestellenden auf der Bühne und die Zuschauer im Publikum als Problem herausgestellt. „Es ist ein Wirrwarr mit der Antragstellung und schwieriger als eine Steuererklärung“, kennzeichnete die pflegende Angehörige Monika Macare die Kommunikation mit der Pflegeversicherung. Auch Hemers Seniorenberaterin Marijke Noisten hat ihre Erfahrungen mit der Pflegekasse beschrieben. In ihrer Arbeit bei der Stadt hilft sie unter anderem pflegebedürftigen Menschen bei der Bearbeitung von Formularen. Beispielsweise kann es dabei um die Hochstufung der benötigten Pflegegrade gehen. „Das ist so ein langer und bürokratisierter Weg“, zeigt es Marijke Noisten auf. Ein zäher Prozess.

Auch Andreas Westerfellhaus hat schon erkannt, dass dieses Thema den Betroffenen unter den Nägeln brennt. „Wie ist denn so eine Sprache zustande gekommen, die man gar nicht verstehen kann?“, kommentiert er die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Anträge. Um den Bürgern bei solchen Problemen zu helfen, will die Bundesregierung ein System von sogenannten Pflege Ko-Piloten aufbauen. Diese sollen die Betroffenen mithilfe von Beratungen durch den Bürokratie-Dschungel der Pflegekassen navigieren.

Modell aus den Niederlandenist Vorbild für Reformprojekt

„Das soll aber nicht wie ein Kontrollbesuch der Krankenkassen wirken. Die Mitarbeiter müssen dafür sensibilisiert und geschult werden“, sagt er. Als Vorbild stelle er sich dafür das niederländische Pflegesystem Buurtzorg (Nachbarschaftshilfe) vor. Autonom agierende Pflegeteams kümmern sich dabei um einen bestimmten Stamm an Pflegebedürftigen. „Wenn ich so ein Team in meinem Kiez habe, dann fühle ich mich doch umsorgt“, erklärt Westerfellhaus. Um das System der Kassen weiterhin zugänglicher zu machen, sollen zudem Leistungen über zwei verschiedene Budgets gebündelt werden.

Ein weiteres Problem sind die fehlenden Fachkräfte in der Pflege, die einem immer höheren Personalaufwand entgegenstehen. Dafür müsse man den Pflegeberuf attraktiver gestalten. „Viele sagen: Nicht der Beruf ist schlecht, sondern die Rahmenbedingungen“, sagt Westerfellhaus, der vorher auch als Krankenpfleger gearbeitet hat. Dies habe eine Umfrage unter ehemaligen Pflegern ergeben, die sich beruflich anderweitig orientiert haben. „48 Prozent würden wieder zurück in die Pflege gehen, wenn die Bedingungen besser wären“, sagt er.

Entlastungsbudget für pflegende Angehörige

Er schlägt die Möglichkeit vor, dass Pfleger bei 80 Prozent Arbeit den vollen Lohnausgleich bekommen sollen. Ein Modell, was schon in Norwegen erprobt wurde. Bessere Bedingungen für das Personal würden allerdings auch Kosten verursachen, die entweder von den Pflegebedürftigen oder solidarisch gestemmt werden müssten. „Ohne Rückenwind aus der Gesellschaft wird es nicht gehen“, erklärt es der Pflegebevollmächtigte. In anderen Ländern wie Luxemburg hätten die Pfleger bessere Bedingungen durch Streiks erwirkt.

Auch die Entlastung des „größten Pflegedienstes in Deutschland“-- der pflegenden Angehörigen – stand zur Diskussion. Dafür plant der Bund ein Entlastungsbudget. Damit können die pflegebedürftigen Angehörigen bis zu zwölf Wochen im Jahr in einer vollstationären Pflege untergebracht werden. Auch sollen die Kosten für die langfristige stationäre Pflege gedeckelt werden. Der Eigenanteil soll maximal 700 Euro pro Monat betragen und längstens für 36 Monate bezahlt werden.

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