Intensiv- und Beatmungs-WG

Trotz Einschränkungen ein erfülltes Leben

Intensiv- und Beatmungs-WG in Hemer: Teamleiter Benjamin Albers zeigt die moderne und offene Wohnküche, die auch Angehörige nutzen.

Intensiv- und Beatmungs-WG in Hemer: Teamleiter Benjamin Albers zeigt die moderne und offene Wohnküche, die auch Angehörige nutzen.

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Hemer.  Mitte August hat in Hemer eine Intensiv- und Beatmungs-WG eröffnet.

Hier muss man seine Vorstellungen von einer typischen Wohngemeinschaft schnell über den Haufen werfen: Es gibt keine herumliegenden Müffelsocken, auch schmutziges Geschirr und einen Putzplan sucht man vergeblich. Ein großer heller Raum mit Blick auf den Parkplatz des Felsenmeer-Centers empfängt den Besucher, alles ist modern, sauber und aufgeräumt. Kein Wunder, denn das ist keine „normale“ WG: Die Menschen, die hier gemeinsam leben, haben besondere Bedürfnisse.

Künstliche Beatmung über eine Trachial-Kanüle

Aufgrund einer schweren Erkrankung müssen sie über eine Trachial-Kanüle künstlich beatmet werden und brauchen rund um die Uhr Pflege und Betreuung. Benjamin Albers, Teamleiter der Intensiv- und Beatmungs-WG, die seit Mitte August in Hemer besteht, erklärt: „Zu uns kommen Bewohner, die nach Intensivtherapien, Krankenhausaufenthalten oder Reha-Maßnahmen nach Hause entlassen werden können, aber dort weiterhin auf 24-stündige Pflege angewiesen sind.“ Das Problem: Die Versorgung dieser Intensiv-Patienten übersteigt die körperlichen und seelischen Kräfte der Angehörigen, weshalb eine externe Pflegekraft für die sogenannte 1:1-Betreuung ins Haus kommen muss. Doch dafür sind nicht alle Wohnungen ausgelegt.

Eine Alternative zum klassischen Pflegeheim kann eine Intensiv-WG sein. In Hemer gibt es insgesamt sechs WG-Zimmer, drei sind bereits belegt. Albers erklärt: „Bei uns nehmen die Bewohner am sozialen Leben teil und kommen miteinander in Kontakt.“ So soll – bei allen Einschränkungen, die die künstliche Beatmung mit sich bringt – ein erfülltes Leben möglich sein. Der gelernte Altenpfleger hat früher in klassischen Pflege-Einrichtungen gearbeitet, an seiner neuen Aufgabe mag er besonders die familiäre Atmosphäre und „dass wir uns hier viel Zeit für unsere Bewohner nehmen können.“ Wenn jemand aufgrund der Kanüle nicht sprechen könne, „dann versuchen wir es eben mit Lippen lesen.“ Auch die Besucher schätzen die großen Zimmer, die jeder Bewohner nach seinen eigenen Vorstellungen einrichten kann oder die Küche, in der sie sich auch selbst einmal etwas kochen können.

Angehörige verbringen viel Zeit mit den Bewohnern

Feste Besuchszeiten gibt es nicht. „Die Angehörigen verbringen viel Zeit mit den Bewohnern. Gemeinsame Fernsehabende oder ein Kaffeeklatsch auf der Terrasse sind möglich“, meint Benjamin Albers, der in Hemer lebt. Ziel sei es, den Bewohnern ein Stück Alltag zurückzugeben, den diese dann selbstbestimmt gestalten könnten.

Das zeige sich auch schon in der Ansprache „Bewohner“, statt „Patient“. „Und wenn jemand sagt: ,Ich habe keine Lust, mich jetzt waschen zu lassen‘, dann akzeptieren wir das“, so Albers. Zum Team gehört auch Intensivpflegefachkraft Schwester Lisa, die bereits in allen Bereichen der Pflege gearbeitet hat: mobil, im Heim, in der 1:1 Betreuung. Die Arbeit in der Wohngemeinschaft habe eine andere Qualität: „Wir setzen uns mit den Bewohnern zusammen und entscheiden gemeinsam. Und wenn es mit der Verständigung schwierig ist, dann geht das auch mit den Augen. Reden geht auch ohne Sprache.“ Natürlich sei die Arbeit anstrengend und eine seelische Belastung, aber sie habe gelernt, damit umzugehen.

Es sind die kleinen Lichtblicke, die Albers und seinem Team Kraft geben. „Ein Bewohner musste rund um die Uhr beatmet werden, als er zu uns gekommen ist. Inzwischen schafft er 30 Minuten ohne Beatmung und kann sich dann mithilfe eines Sprechventils unterhalten“, erklärt Albers. Für die Familie sei diese Entwicklung wie ein Wunder gewesen. Und wenn es nicht bergauf geht? „Dann versuchen wir mithilfe der Palliativmedizin die Schmerzen so gering wie möglich zu halten.“ Denn auch der Tod gehört in einer Intensiv-WG zum Leben dazu.

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