Serie Mauerfall

DDR-Ausreise: „Zug in die Freiheit“ verändert das Leben

Oktober 1989:  Solveig Achilles und Frank Paumer kamen mit dem Flüchtlingszug aus Prag und wurden von Klaus Möller nach Hemer gefahren.

Oktober 1989: Solveig Achilles und Frank Paumer kamen mit dem Flüchtlingszug aus Prag und wurden von Klaus Möller nach Hemer gefahren.

Foto: ARCHIV / IKZ

Hemer.  Über die Prager Botschaft flüchtete Solveig Achilles vor 30 Jahren aus der DDR in die BRD. Hilfe bekam sie dabei von Klaus Möller aus Hemer.

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„Liebe Landsleute! Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise...!“ Der Rest des Satzes geht in den Schreien Tausender unter. Eine der Jubelnden ist Solveig Achilles. Noch heute läuft ihr ein kalter Schauer über den Rücken, wenn sie den Satz hört. Die Gänsehaut ist wieder da, wie an jenem 30. September 1989. Damals stand die 21-Jährige aus Riesa mit 4000 Flüchtlingen in der Prager Botschaft, mit einer Reisetasche als einzige Habe und lauschte voller Anspannung der Balkon-Rede von Außenminister Genscher. Seine Worte wurden zum emotionalsten Moment ihres Lebens und veränderten es einschneidend.

So führte der „Zug in die Freiheit“ die junge Sächsin von Prag über Hof und Nürnberg nach Hemer. „Ich bin hierher gekommen und fand es schön hier“, sagt die Deilinghoferin. Und sie ist geblieben, bis heute. Die Jahrestage der DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft und des Mauerfalls lassen in diesen Tagen viele Erinnerungen wieder hochgekommen.

Hemeraner in der Discoam Plattensee kennengelernt

Ihr Weg in die Freiheit beginnt im Sommer 1989. Zusammen mit ihrem damaligen Freund Frank Paumer fährt sie nach Ungarn. „Mit 19 Jahren habe ich gedacht, ich möchte weg hier. Ich konnte nicht frei und selbstbestimmt leben“, erinnert sie sich. Ohne Verwandtschaft im Westen haben Ausreiseanträge keine Chance. Die löchrige Grenze lockt. Mit dem Zug geht es möglichst nah an die Grenze, dann zu Fuß weiter, doch in der hellen Vollmondnacht sehen die Grenzer jede Bewegung, der Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Am Plattensee lernt das Paar Klaus Möller und einen Polizisten aus Hemer in einer Disco kennen und vertraut sich ihnen an.

Die Hemeraner transportieren beide kurzentschlossen in ihrem Auto an die burgenländische Grenze, doch auch dieser Fluchtversuch scheitert. Auch der zweite Versuch an anderer Stelle wird durch bewaffnete Wachposten vereitelt. „Wir haben nur kurz angehalten, dann sollten sie losrennen, in dem Moment kamen schon die Grenzer“, erinnert sich Klaus Möller. Dem diensthabenden ungarischen Oberst können die Festgenommenen das Versprechen abringen, die Namen nicht zu melden. Im Gegenzug sollten aber keine weiteren Fluchtversuche erfolgen. „Wir hatten alle den DDR-Knast vor Augen“, erinnert sich Klaus Möller.

Für die DDR-Bürger bleibt nur die Rückkehr in die ungeliebte Heimat, die Kripo holt Solveig Achilles von der Arbeitsstelle ab, nimmt ihr das Visum ab. Jetzt steht sie auf der Fluchtliste der Stasi. Durch das Westfernsehen sehen beide die Botschaftsflüchtlinge in Prag. „Das ist unsere letzte Möglichkeit“, denken sie sich, setzen sich am 30. September 1989, in den Zug von Riesa nach Dresden. Die Bahnsteige sind voller Polizisten, viele Reisende werden herausgeholt, das junge Paar hat Glück. In Prag sprechen beide auf der Suche nach der deutschen Botschaft Touristen mit bayrischem Dialekt an, immer auf der Hut, nicht an den Falschen zu geraten. Die Straße zur Botschaft ist schon abgesperrt. Am Eingang liefert das Deutsche Rote Kreuz gerade Betten an, die beiden Flüchtlinge schlüpfen mit durch das offene Tor und fühlen sich erstmals in Sicherheit.

Sie treffen auf Menschenmassen, viele ohne Dach über dem Kopf, die Wiesen bestehen nur noch aus Matsch. Dass sie nur wenige Stunden später Zeitzeugen eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte werden sollten, ahnen sie am späten Nachmittag in der überfüllten Botschaft noch nicht. „Freiheit, Freiheit“ rufen die DDR-Flüchtlinge immer wieder. Um 19 Uhr hören sie den Satz von Hans Dietrich Genscher, der ihr Leben verändern sollte. „Es ist, als wenn man innerlich zusammenbricht“, beschreibt Solveig Achilles den Moment. Sie wirft wie viele Flüchtlinge ihre letzten Ostmark auf den Boden. Nur zwei Stunden später sitzt sie in einem der Busse zum Bahnhof. Hatte sie Angst vor der Zugfahrt durch die DDR? „Ich habe es einfach geglaubt, dass sie uns durchlassen“, sagt sie. Im Zug sammelt die Stasi die Pässe ein und sagt: „Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt!“.

Ein Neuanfang nur miteiner Reisetasche im Gepäck

Ursprünglich hatten die beiden Flüchtlinge, Klaus Möller für November in die DDR eingeladen. „Dann kam plötzlich ein Anruf aus der Aufnahmestelle Nürnberg“, erinnert sich der Hemeraner. „Ihr könnt nach Hemer kommen, ich besorg euch Wohnung und Arbeit“, sagt der Feuerwehrmann, holt beide ab und kann beide Versprechen halten. Sein Angebot bewegt Solveig Achilles-Bisigo bis heute: Nur mit einer Reisetasche mit Gepäck für drei Tage beginnt in Hemer ein völliger Neuanfang. „Ich musste mein Leben hier wieder aufbauen und bin ganz toll aufgenommen worden“, erinnert sich die Neu-Hemeranerin.

Zum Abschied aus der DDR gehört für sie auch der möglichst schnelle Abschied vom sächsischen Dialekt: „Ich habe extrem gesächselt. Ich habe mich hier sozusagen eingewestdeutscht“. Die gelernte Einzelhandelskauffrau kann im Lebensmittelhandel anfangen, wird später Verkaufsleiterin und ist seit zwölf Jahren mit mittlerweile zwei Geschäften mit Lotto-Annahmestelle, Geschenk- und Büroartikeln selbstständig.

Nach dem Mauerfall kehrt sie im Februar 1990 erstmals in die alte Heimat zurück. Die Wohnung ist von der Stasi ausgeräumt, der Vater – ein linientreuer Genosse – hat ihr mittlerweile verziehen. Mit nach Riesa reist Fluchthelfer Klaus Möller, der dort Solveigs beste Freundin kennen und lieben lernt. 1992 lässt er sich zur Feuerwehr nach Dresden versetzen. „Es war ein Rieseneinschnitt in meinem Leben. Ich habe die DDR als baufälliges Land kennengelernt, es war wirklich Dunkeldeutschland“, erinnert sich Möller auch an eine schwierige Zeit für „Wessis“, wenn sie beispielsweise Alt-Kommunisten als Vorgesetzte hatten. Geblieben ist er dennoch und hat den Fortschritt und die Entwicklung Dresdens live miterlebt: „Aus Ruinen ist eine Weltstadt geworden.“ Mit der Pensionierung zog es ihn 2016 dennoch zurück nach Hemer, wo er sich ehrenamtlich in der Löschgruppe Becke engagiert.

Insofern ist es ein ganz besonderes deutsch-deutsches Austauschkapitel, eine Lebensgeschichte von vielen in diesen historischen Tagen des Mauerfalls.

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