Jubiläum

„Besonderer Geist im Gemeinschaftskrankenhaus ist spürbar“

50 Jahre Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke: Lilo Metzler (links), 1969 die erste Hebamme im GKH, und Dr. Angela Voith (die Exfrau von GKH-Mitbegründer Konrad Schily) erinnern sich an die Anfangszeit

50 Jahre Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke: Lilo Metzler (links), 1969 die erste Hebamme im GKH, und Dr. Angela Voith (die Exfrau von GKH-Mitbegründer Konrad Schily) erinnern sich an die Anfangszeit

Foto: Steffen Gerber

Ende.  50 Jahre Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke: Die 1. Hebamme Lilo Metzler und Angela Voith (Ex-Frau von Konrad Schily) erinnern sich an die Anfänge

Dr. Angela Voith und Lilo Metzler sind seit Jahren befreundet. Sie lernten sich über das Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke (GKH) kennen. Metzler war die erste Hebamme, die nach der Eröffnung am 11. November 1969 einen Tag später in Ende ihren Dienst antrat und sich tags darauf über die Geburt des ersten GKH-Babys freuen konnte. Neun Jahre arbeitete sie dann zwischenzeitlich woanders, ehe sie bis zum Ruhestand 2004 und darüber hinaus wieder hier am Krankenhaus aktiv war. Ärztin Angela Voith, vielen Herdeckern als Initiatorin der Förderschule Altes Pfarrhaus in Kirchende bekannt, erlebte als damalige Ehefrau von GKH-Mitbegründer Konrad Schily die Anfangszeit mit.

Welcher Weg führte Sie zum Gemeinschaftskrankenhaus?

Lilo Metzler: Ich habe in einer Zeitung eine Anzeige gesehen, dass in Herdecke Hebammen gesucht werden. Ich arbeitete in Köln und hatte eine dreijährige Tochter. Es gab damals kaum Kindergärten an Krankenhäusern, das GKH bot das an. Ich war da zunächst die einzige Hebamme und weiß noch, dass der kleine Tobias am 13. November 1969 hier als Erstgeborener zur Freude der Eltern aus Schwerte zur Welt kam. Auf der Entbindungsstation gab es damals zwölf Betten, ich hatte auch Rufbereitschaft und war manchmal rund um die Uhr im Einsatz. Ende November kamen weitere Hebammen hinzu.

Dr. Angela Voith: Als das GKH eröffnet wurde, steckte ich mitten im Staatsexamen und hatte mit zwei kleinen Kindern zusätzlich viel um die Ohren. Daher zog ich erst etwas später von Tübingen, wo auch bei uns viele Diskussionen bis tief in die Nacht hinein mit GKH-Gründer Gerhard Kienle liefen, nach Herdecke. Als Allgemeinmedizinerin verbrachte ich dann meine Assistenzzeit am GKH. Kienle war wirklich eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, sehr aktiv, sehr positiv. Er konnte einen in seinen Bann ziehen und hatte Visionen, die er durchziehen wollte. Er hatte den Spitznamen Papa Kienle und für jeden ein offenes Ohr, der zu ihm kam. Und wir haben auch mitbekommen, wie sehr sich der damalige Bürgermeister Knauer und andere für das GKH eingesetzt haben, etwa auch bei der Landesregierung in Düsseldorf.

Was prägte die Anfangszeit?

Voith: Es war jeder für jeden da, es gab eine große Hilfsbereitschaft untereinander, auch unter den Familien. Wir alle wussten, dass hier etwas Besonderes entstanden war und all dem ein hohes Ideal zugrunde lag. Wir waren schon stolz, ein Teil davon zu sein. Wenn damals das Blaulicht ging, sind beinahe alle los gelaufen, frei nach dem Motto: Das könnte ja auch für mich sein. Viele sahen das GKH auch nicht als „Anthro-Klinik“, sondern als Ort, an dem mit Schulmedizin kritisch umgegangen wird und Themen wie die Pflege besonders wichtig sind. Die ist ja bis heute besonders gut.
Metzler: Wir hatten damals einfach viel zu tun. Ich war zunächst skeptisch und hörte von manchen Vorurteilen wegen der anthroposophischen Ausrichtung, dazu war wenig bekannt. Ich kam also mit wenigen Vorkenntnissen nach Herdecke. Dann aber sah ich vor Ort, dass hier voll examinierte Ärzte und Schwestern aktiv waren. Wir spürten auch eine gewisse Verantwortung, schließlich hatte beispielsweise eine Firma die Einrichtung der Säuglingsstation gesponsert. Und im beruflichen Alltag konnte ich zudem unheimlich viel lernen. Ich habe von der Zeit im GKH auch persönlich sehr profitiert, fand etwa zugleich Gefallen an der Waldorf-Bewegung.

Voith: Das GKH war zu jener Zeit ja fast so etwas wie ein Abenteuerspielplatz. Die Familien der Mitarbeiter lebten in Wohnungen in unmittelbarer Umgebung, die Eltern trafen sich am Sandkasten, während die Kinder spielten. Viele von ihnen sind mit einem Bus zur Bochumer Waldorfschule gefahren. Das hatte Kienle organisiert, das war typisch für ihn.

Metzler: Ich habe damals mal als Hochschwangere noch bis sechs Wochen vor der Geburt gearbeitet, das war absolut unüblich. Ich sprach dann mit Kienle über den Schichtdienst, der wollte mich behalten und bot mir Aufgaben auf seiner Station als Krankenschwester an.

Welche Veränderungen sind denn mit der Zeit eingetreten?

Metzler: Aus meiner Sicht gab es diese vor allem aus wirtschaftlichen Beweggründen. Es ging ja auch darum, Geld zu verdienen. Und schon zu meiner Zeit drehte sich immer mehr um die Digitalisierung. Früher sind wir ins Labor gerannt, ehe das alles am Computer zu erledigen war. Es musste alles immer schneller gehen, früher hatten die Mütter mehr Zeit zur Entbindung, vieles wurde einfach ausführlicher besprochen. Mir tun heutzutage Krankenschwestern leid, die viel dokumentieren müssen und immer mehr mit Schreibkram beschäftigt sind. Das ist mitunter nicht zu schaffen. Das darf nur nicht im schlimmsten Fall zu Lasten der Patienten gehen.

Voith: Ich war ja nur relativ kurz am GKH und dann rund 30 Jahre lang als Schulärztin im Raum Dortmund aktiv. Aber auch ich bekam mit, wie am Gemeinschaftskrankenhaus der finanzielle Druck stieg. Gleichwohl ist in diesen Gebäuden auch heute noch ein besonderer Geist zu spüren. Das merkt man zum Beispiel durch das Medizinstudium an der Uni Witten/Herdecke. Grundsätzlich wird in Ende in Sachen Ausbildung gute Arbeit geleistet.

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