Kneipenserie

Der Wirt der „Quelle“ zapft in diesem Jahr sein letztes Bier

So sah die „Union-Quelle in den 1970er-Jahren aus. Damals konnten davor noch Autos parken. Heute ist auf den ehemaligen Stellflächen ein Biergarten entstanden.

So sah die „Union-Quelle in den 1970er-Jahren aus. Damals konnten davor noch Autos parken. Heute ist auf den ehemaligen Stellflächen ein Biergarten entstanden.

Foto: Stadtarchiv Wetter

Wetter.  Günter Schäfer (88) hat als Wirt in der „Quelle“ in Alt-Wetter viele Veränderungen erlebt - am 14. Dezember wird er aufhören.

Die Kneipe „Zur Quelle“ an der Königstraße ist neben der Gaststätte „Zur Eiche“ eine der zwei letzten traditionellen Schankwirtschaften in Alt-Wetter. Doch ihr Wirt Günter Schäfer hat nach 19 Jahren den Pachtvertrag gekündigt.

„Ich bin ein mit Ruhrwasser getaufter Wetteraner“, sagt Günter Schäfer stolz. Er ist 88 Jahre alt, im Jahr 2000 hat er die Kneipe übernommen. „Aus dem Lameng“, antwortet er auf die Frage, wie es zu diesem späten Start kam. Denn mit Gastronomie hatte er nie etwas zu tun. Schäfer war Schlosser bei der Demag. Er hat jene Zeiten miterlebt, als man in der Mittagspause oder zum Feierabend in die benachbarten Wirtschaften ging: „Die waren ja früher ringsherum. Die Wirte hatten Bier und Frikadellen schon auf die Tische gestellt.“

Das Haus, in dem die „Quelle“ heute ist, wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg gebaut. Vorher stand dort ein großes Fachwerkhaus und zwar direkt im Bogen der Kaiserstraße, weshalb die Fahrbahn ziemlich eng war.

Wetteraner nannten die Kneipen „Omnibus“

Damals war die Gaststätte Neuhaus hier untergebracht. Unter Wetteranern hieß die allerdings immer nur „Omnibus“. Günter Schäfer erklärt warum: „Da konnte man vorne reingehen und hinten wieder raus.“ Das Fachwerkhaus wurde abgerissen, und es entstand die „Union-Quelle“. Schäfer änderte den Namen der Wirtschaft erst vor wenigen Jahren: Der Grund: „Wir haben das Bier gewechselt.“ Das frisch Gezapfte kommt nicht mehr von der Dortmunder Union-Brauerei (heute Radeberger Gruppe), sondern mittlerweile fließt Veltins ins Glas.

Doch heute fließt das Bier nicht mehr in solchen Mengen wie noch in den 1960- bis 1980er-Jahren: „Früher haben die Leute beim Frühschoppen in zwei Reihen an der Theke gestanden und blieben bis spät abends“, sagt Günter Schäfer. Heute fehlten die jungen Leute („Die gehen in die Disco.“), und die Älteren hätten inzwischen Angst, im Dunkeln noch durch die Stadt zu gehen.

Auch mit Fußball lasse sich kein Geld verdienen

Auch sei das Vereinsleben mit Männerchören, Kegelclubs und Skatbrüdern in den Wirtschaften ein anderes gewesen. Selbst mit Fußball lasse sich nicht mehr viel Geld verdienen. Wenn Bundesliga-Spiele am Wochenende sind, merkt Schäfer das in seiner Kneipe: „Die meisten wollen lieber zuhause gucken. Es hat doch jeder einen Fernseher.“ Und Sky gibt es in der Quelle ohnehin nicht: „Das ist viel zu teuer. Und dann trinken manche eine Flasche Wasser in zwei Stunden, das lohnt sich nicht.“

Aber nicht nur zum Fernsehgucken gingen die Leute heute nach Hause. Viele trinken dort auch ihr Bier. Denn früher kostete ein Kasten, verglichen mit den heutigen Discounter-Preisen, „noch richtig Geld“, so Schäfer. Schärfere Kontrollen in den Firmenbetrieben sowie das Alkoholverbot am Steuer täten ihr übriges, dass der Bierkonsum in den Kneipen zurückgeht: „Wer sonst fünf Bier getrunken hat und gefahren ist, trinkt heute nur noch zwei“, stellt der Wirt fest.

Kündigung aus Altersgründen

Allerdings habe sich die ganze Geschäftslage verändert: „Mit den Kneipen geht es bergab wie mit Bäckereien und Metzgern. Die Zeit nagt auch an uns.“ Der 88-Jährige hat zum Ende des Jahres den Pachtvertrag gekündigt. Er höre jedoch hauptsächlich aus Altersgründen auf.

Am 14. Dezembers dieses Jahres wird er zum letzten Mal hinter der Theke Bier zapfen. Das werde ihm fehlen, sagt er: „Ich bin ein Mensch, der gerne unter Leuten und lustig ist. Ich erzähle gern Dönekes.“ Wie es danach mit der Quelle weitergeht, ist noch nicht bekannt. Der Eigentümer suche aber aktuell nach einem Nachfolger.

Die „Eiche“ ist seit fast 100 Jahren verpachtet

Falls die „Quelle“ schließt, ist die Gaststätte „Zur Eiche“ an der Königstraße die einzige klassische Kneipe in Wetter. „Das ist unfassbar. Mehr als 40 Kneipen gab es einmal in Alt-Wetter“, kann es Eberhard Miebach nicht glauben. Der 81-Jährige ist seit 1975 Eigentümer der Eiche. Eine Tafel im Giebel verrät: Das Haus ist bereits 1850 gebaut worden.

Seit 1893 ist es im Besitz der Familie Miebach. Damals bekam der Großvater Friedrich Miebach die „Erlaubnis zum Betriebe der Wein- und Bierwirtschaft“ vom „königlichen Landkreisamth zu Hagen“ erteilt, so ist es im Stadtarchiv Wetter nachzulesen. Später bat er darum, die Konzession um den Ausschank von Spirituosen zu erweitern. Bis 1921 haben er und seine Frau die Wirtschaft selbst betrieben. „Seitdem ist die Kneipe immer verpachtet gewesen“, sagt Eberhard Miebach.

Bratkartoffeln und Sülze kurz vor Mitternacht

Sieben Pächter habe es bis heute gegeben. Laut der Unterlagen im Stadtarchiv war der Architekt Otto Karthaus der erste. 1929 folgten Alfred Masseck und dessen Frau Therese. Eine Wirtin ist Eberhard Miebach seinerzeit besonders in Erinnerung geblieben: Toni Rath (später Böhle) stand seit 1939 mehr als 40 Jahre hinter der Theke.

„Über diese Frau kann ich nur das Beste sagen. Sie hat die Gaststätte durch schwerste Zeiten geführt“, so Eberhard Miebach. „Zuerst der Krieg, die noch kompliziertere Nachkriegszeit und die nicht einfachen 1950er-Jahre“, zählt er auf. Bei Toni bekamen die Gäste sogar nachts um 23.30 Uhr noch Bratkartoffeln mit selbstgemachter Sülze.

Kein Skat und kein Gesang

Doch führte sie ein strenges Reglement: „Es durfte kein Skat gespielt und nicht gesungen werden. Trotzdem war sie erfolgreich“, erzählt Eberhard Miebach. 1984 verstarb die Wirtin, und die Eiche war ein Jahr lang geschlossen. Miebach investierte einen sechsstelligen Betrag und ließ die Kneipe renovieren.

Mit dem nächsten Pächter hatte er Pech. Wegen Problemen beendete er den Vertrag nach 14 Wochen. Das Glück kam 1992 zurück mit Werner Goebeler und dessen späterer Frau Tineke. 21 Jahre lang betrieben sie die Eiche, die im Übrigen nie einen anderen Namen hatte. Seit 2013 bewirtet Schwägerin Susanne Goebeler die Gäste.

Nach Eberhard Miebach wird seine Nichte neue Eigentümerin. Die Eiche bleibt also weiterhin im Besitz der Familie, und Miebach ist„optimistisch, dass der Laden Zukunft hat, weil er gut geführt wird“, so ihr jetziger Besitzer.

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