Gesundheit

Erstes Autismus-Zertifikat für das BBW Volmarstein

Das erste Zertifikat als „autismusgerechtes Berufsbildungswerk“ in Deutschland geht nach Volmarstein. Darüber freuen sich (von links) Dr. Andreas Krombholz, Sabine Riddermann, Diana Roothaer und Christof Hoffmann.

Das erste Zertifikat als „autismusgerechtes Berufsbildungswerk“ in Deutschland geht nach Volmarstein. Darüber freuen sich (von links) Dr. Andreas Krombholz, Sabine Riddermann, Diana Roothaer und Christof Hoffmann.

Foto: Steffen Gerber

Volmarstein.  Erstes Zertifikat für ein deutsches BBW: Das Berufsbildungswerk Volmarstein widmet sich seit Jahren jungen Leuten mit Autismus-Spektrum-Störung.

Das Berufsbildungswerk (BBW) Volmarstein will vor allem zwei Personengruppen Perspektiven aufzeigen: jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren mit einer körperlichen Behinderung und Gleichaltrigen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Für letztgenannte Klientel kann sich die Einrichtung der Evangelischen Stiftung nun über eine Premiere freuen, erhält sie doch deutschlandweit das erste Zertifikat als „autismusgerechtes Berufsbildungswerk“. Wobei zwei hiesige BBW-Mitarbeiter an der Erstellung des dazugehörigen Kriterien-Katalogs maßgeblich beteiligt waren.

Ausbildung und Wohnen

Doch zunächst Grundsätzliches: Wenn landauf, landab von Autisten die Rede ist, verweisen Fachleute auf die korrekte Bezeichnung, nämlich auf eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Betroffene wollen das BBW und das Werner-Richard-Berufskolleg fit für die Arbeitswelt machen. „Um diese Gruppe kümmern wir uns schon verstärkt seit mehr als zehn Jahren, das betrifft sowohl die Ausbildung als auch das Wohnen“, sagen die beiden Einrichtungsleiter, Sabine Riddermann vom BBW und Christof Hoffmann vom Kolleg. Psychologe Dr. Andreas Krombholz und Diana Roothaer als Sozialpädagogin/-arbeiterin beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit einem Volmarsteiner Konzept zum förderlichen Umgang mit ASS-Kranken.

Besser in Berufsleben integrieren

Diese Bemühungen mit einem neunköpfigen Team gehen weit über Wetters Stadtgrenzen hinaus. Um Kriterien für ein Gütesiegel zu erarbeiten, hat sich 2015 ein Fachausschuss (mit Krombholz) innerhalb der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke gebildet. Denn: „Die Teilhabe von jungen Leuten mit ASS am Berufsleben ist defizitär, zugleich besuchen immer mehr junge Leute mit dieser Störung BBWs, daher gibt es noch einiges zu tun“, sagt Krombholz,der den psychologischen Dienst am Grünewald in Volmarstein leitet. Dort steigt die Zahl der Autisten, momentan sind es rund 200 von 540 jungen Leuten.

66 Kriterien

66 Kriterien haben die Experten, darunter auch Vertreter des Bundesverbands Autismus, für das BBW-Zertifikat erstellt. Manche Anforderungen müssen Bewerber abdecken, andere können sie erfüllen. Anfang 2019 begann dann dazu deutschlandweit das erste Prüfverfahren, 52 Berufsbildungswerke kamen infrage. „Wir haben uns fit dafür gefühlt, da wir Strukturen hier schon angepasst und etwa einen eigenen Speisesaal für ASS-Betroffene eingerichtet haben“, sagt der Diplom-Psychologe. Konkret verweist er noch auf den vorhandenen Sichtschutz am Arbeitsplatz, auf Vorrichtungen zum Gehörschutz, verpflichtende Schulungen für BBW-Mitarbeiter oder Fortbildungen für Ausbilder.

ASS als Behinderung – ja oder nein?

Nochmal grundsätzlich: Unter ASS verstehen Fachleute in der Regel tiefgreifende Entwicklungsstörungen, Kommunikationsprobleme und ein gestörtes Nervensystem. Autisten gelten als intelligent, ihre vermeintliche Behinderung ist ihnen eher nicht anzusehen. „In der Wissenschaft gibt es einen Streit darüber, ob Autismus eine Behinderung ist oder nicht. Wir in Volmarstein betonen lieber, was die Betroffenen können und wollen nicht ihre meist erhöhte Reizempfindlichkeit in den Vordergrund stellen“, meint Krombholz. „Daher“, so ergänzt Diana Roothaer, „wollen wir hier Methoden kommunizieren, was Betroffenen zum Beispiel in Krisenzeiten hilft.“

Genügend Einzelzimmer?

Zehn Berufsbildungswerke meldeten sich für das Autismus-Zertifikat. Auch die Volmarsteiner hinterfragten sich und wollten nicht nur prüfen, ob genügend Einzel- angesichts vieler Doppelzimmer hier zur Verfügung stehen. Zudem konnten sie in dem Verfahren damit punkten, dass junge Leute mit IT-Schwerpunkt in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Technologie und Behinderung (FTB) eine App erstellen. Die soll bald Arbeitsabläufe für Autisten bildlich darstellen. Obendrein haben Azubis vom hiesigen BBW das Logo für das Zertifikat gestaltet.

Auszeichnung als Ansporn

Auch für diese Anstrengungen erhielt das BBW im Mai die erste Auszeichnung dieser Art, die offizielle Übergabe der Bundesarbeitsgemeinschaft steht im September an. Dies versteht Christof Hoffmann auch als Ansporn: „In Nordrhein-Westfalen nehmen wir in Sachen Autismus eine Vorreiter-Rolle ein.“ Sabine Riddermann hat zuvorderst die jungen Leute im Blick, wenn sie sagt: „Wir wollen vor allem gucken, welche Berufsangebote wir ASS-Betroffenen mit ihren Kompetenzen unterbreiten können.“ Das BBW hier hat mehr als 30 verschiedene Jobs im Blick, Autisten seien in allen Bereichen vertreten. Krombholz möchte vor allem für ASS-Betroffene noch eine Lücke schließen, nämlich jene zwischen Ausbildung und Studium.

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