Interview

Extremismusbeauftragter der Polizei EN setzt auf Vertrauen

Karsten Jochheim ist der Extremismusbeauftragte der Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis. 

Karsten Jochheim ist der Extremismusbeauftragte der Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis. 

Foto: Polizei EN

Ennepe-Ruhr/Wetter  Nach Vorfällen in Mülheim und Essen: Karsten Jochheim, Extremismusbeauftragter der Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis, sucht das Gespräch.

Seit März 2020 hat auch die Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis nach einer Anordnung des NRW-Innenministers einen Extremismusbeauftragten. Der heißt Karsten Jochheim (51), hat fast 30 Jahre in Wetter gewohnt sowie vorübergehend hier im Wachdienst auch gearbeitet und erhält in seiner noch neuen Funktion Unterstützung durch seinen Stellvertreter André Zollingkoffer. Der erfahrene Polizist kennt die EN-Städte seit langer Zeit und stellt sich den Fragen der Lokalredaktion, die sich angesichts der Rechtsextremismus-Vorfälle bei Kollegen in Essen/Mülheim aufdrängen.

Die erste Frage direkt auf die Zwölf: Hat die EN-Polizei ein Extremismus-Problem?

Karsten Jochheim: Nein. Und ich hoffe, dass die Situation hier weiter unauffällig bleibt. Diesbezüglich bin ich auch nicht pessimistisch, auch wenn es von mir dazu keine plakative Aussage gibt und ich angesichts vielfacher Vernetzungen im Kollegium nicht ausschließen kann, dass auch wir irgendwann einmal von solchen Vorkommnissen eingeholt werden könnten. Zum derzeitigem Zeitpunkt kann ich mir das aber nicht vorstellen.

Wie verunsichert ist denn die Belegschaft nach Bekanntwerden der Vorfälle aus Mülheim und Essen?

Die Entwicklungen dort sorgen natürlich für eine schlechte Außendarstellung, auch wenn andere Kollegen damit nichts zu tun und eine tadellose Einstellung haben. Wir als Beauftragte wollen sensibilisieren, damit so etwas andernorts nicht passiert. Polizisten sollen sich verstärkt trauen, fragwürdige Entwicklungen offen anzusprechen und sich dann nicht wegzuducken wegducken zu müssen.

Wie kam es denn, dass Sie zum Extremismusbeauftragten der EN-Polizei ernannt wurden?

Mehrere Dinge gaben den Ausschlag. Gesucht wurde jemand, der bei der Behördenleitung angedockt ist und etwas abseits der Direktionen steht. Der- oder diejenige sollte einerseits Führungsfunktionen vorweisen können und autark sein, andererseits auch die Lage in der Belegschaft kennen. Also eine Mischung aus Nähe und Distanz. Als Mitglied des Leitungsstabs und aufgrund meiner zahlreichen Vorverwendungen ist das bei mir der Fall. Wichtige Kriterien waren zudem: Erfahrung und ein gewisser Bekanntheitsgrad, schließlich sollen die Kollegen ein Vertrauensverhältnis zu der Person entwickeln. Die Extremismus-Aufgabe ist aber keine 100-Prozent-Stelle, ich bin also weiter zuvorderst als stellvertretender Leiter im Leitungsstab aktiv und halte das für eine sachdienliche Kombination.

Was wollen Sie als Extremismusbeauftragter anbieten?

Mein Stellvertreter und ich verstehen uns als Team. Es ist gut, zwei Ansprechpartner zu haben. Das Wichtigste: Vertrauen aufbauen, Barrieren abbauen. Also wollten wir uns in diesem Jahr in den Dienstgruppen und Kommissariaten vorstellen, unsere Aufgaben erklären und Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme darstellen. Corona erschwerte natürlich die Zusammenkünfte. Die sind angedacht, um über Themen wie Denunziantentum oder Bedenken zu sprechen. Dabei führen wir keine Liste bezüglich der Gespräche über Kontaktaufnahmen zu uns, das verbietet allein schon der Datenschutz.

Wie wurden Sie auf Ihre Aufgabe zur internen Extremismus-Bekämpfung vorbereitet?

Auch wir mussten uns erst einmal etwas einarbeiten, die Findungsphase ist noch nicht abgeschlossen. Wir sind geschult, halten Kontakt zu den anderen Extremismusbeauftragten haben Fortbildungen zu dem Thema besucht und wollen uns verstärkt 2021 den Kollegen in unserer noch neuen Funktion vorstellen. Hoffentlich klappt das ab dem Frühjahr, so der Plan.

Sie agieren als Extremismusbeauftragter. Das impliziert, dass Sie nicht nur für Rechtsextremismus zuständig sind...

Ja, auch wenn von Berufs wegen in der Polizei eher selten Fälle von Linksextremismus bekannt sind. Meine Aufgabe umfasst aber auch Themen mit Ausländer-Bezug. Wir haben zum Glück ein breitgefächertes Personal, was den kulturellen Hintergrund anbetrifft. Das spiegelt unsere Gesellschaft wider. Und das hilft der Polizei vielfach bei der Arbeit. Und in Sachen Rechtsextremismus ist das Erkennen von solchen Strömungen oder Interessen viel schwieriger geworden, da muss man hinter Kulissen gucken.

Was hat sich denn seit Bekanntwerden der Vorfälle in Mülheim/Essen für Sie in Ihrer Funktion geändert?

Seither ist eine erhöhte Sensibilität und z. T. Verunsicherung bei den Kollegen festzustellen. Übrigens auch wegen der unsicheren und sich stetig weiter entwickelnden Rechtsprechung. Das zeigte sich beispielsweise in einer anderen Behörde bei Nachfragen, welches T-Shirt man anziehen dürfte und welches Motiv nicht geht. Polizisten dürfen außerhalb ihres Dienstes politisch sein, als Beamte müssen sie sich aber zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Gibt es Auffälligkeiten, müssen wir auch außerdienstlich hingucken. Ein Blick auf eine Facebookseite kann dazugehören, aber wenig darüber hinaus. Ich gebe keine Details zum Verhalten der Kollegen im EN-Kreis preis, aber auch hier gibt es Nachfragen. Aber kein Grund zur Beunruhigung. Ich bin seit 33 Jahren Polizist und denke, dass ich anonyme Hinweise oder Gerüchte in den richtigen Kontext setzen kann. Es kommt aber auf einen sensiblen Umgang an.

Ermitteln Sie denn im Fall der Fälle?

Nein, ich bin nur ein Ansprechpartner. Ich bewerte einen Sachverhalt, lege den entweder ad acta oder bringe den gegebenenfalls zu Papier. Wenn etwas diffus erscheint, hake ich nach. Je nach Wertigkeit der Hinweise gehen diese dann an die Behördenleitung, um zu beraten, wie es weiter gehen soll. Sollte es sich um extremistische Vorwürfe oder gar Straftaten handeln, muss der Staatsschutz das übernehmen. Bei dienstlich relevanten Verfehlungen kann ein Disziplinarverfahren oder mehr folgen. Dafür ist aber der Extremismusbeauftragte nicht zuständig.

Wie reagieren denn Bürger seit den Vorfällen in Mülheim/Essen auf Polizisten im EN-Kreis?

Insgesamt scheint es diesbezüglich keine besonderen Tendenzen zu geben. Wegen Corona habe ich aber nicht allzu viel Kontakt zu Kollegen im operativen Dienst. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass ich auch privat auf das Thema angesprochen werde. Manches bezieht sich aber auch auf schon länger bestehende Vorteile Vorurteile uns Polizisten gegenüber, beispielsweise bei einer Personen- oder Fahrzeugkontrolle und dem Vorwurf, das nur wegen einer ausländischen Herkunft zu tun. Generell wird genauer und kritischer hingeguckt, was die Polizei macht. Das ist auch das gute Recht von mündigen Bürgern. Wir von der EN-Polizei wollen unsere Kollegen für das Thema Extremismus sensibilisieren und darüber informieren. Zugleich hoffen wir, dass die Situation hier weiter unauffällig bleibt.

Zur Person

Karsten Jochheim arbeitet seit seinem 18. Lebensjahr für die Polizei. Nach seiner Ausbildung für den mittleren Dienst in Wuppertal und einem beruflichen Ausflug nach Mettmann ist er seit 1993 im Ennepe-Ruhr-Kreis aktiv, zunächst im Streifendienst in Ennepetal.

Es folgten mehrere Stationen und Weiterqualifikationen über ein Studium. Nach Tätigkeiten in Hattingen, Wetter und erneut Ennepetal gehört Jochheim seit 2012 zur Stabsstelle im Kreishaus, zunächst zuständig für die bei der Direktion Gefahrenabwehr/Einsatz.

Nach einem Intermezzo 2019 als Wachdienstleiter Dienstgruppenleiter im Wachdienst bei der Polizeiwache in Hattingen ist der Hauptkommissar seit September 2019 stellvertretender Leiter des Leitungsstabs.

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