50 Jahre GHK in Herdecke

Gemeinschaftskrankenhaus: „Der Mensch steht im Mittelpunkt“

Eine Aufnahme mit Gerhard Kienle (rechts): Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke im Jahr 1976.  

Eine Aufnahme mit Gerhard Kienle (rechts): Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke im Jahr 1976.  

Foto: Archiv Stadt Herdecke

Ende.  Heute vor 50 Jahren haben Gerhard Kienle und Co. das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke gegründet. Ein Gespräch mit Stiftungsvorstand Zimmermann.

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Der offizielle Beginn lässt sich dank einer Schnapszahl gut merken: Am 11. November 1969 eröffnete der anthroposophische Arzt und Gesundheitspolitiker Gerhard Kienle das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (GKH). Dass Ende an jenem 11.11. keinen Karnevalsscherz erlebte, lässt sich auch heute – genau 50 Jahre später – erkennen. Welchen Weg diese besondere Einrichtung, die für die Eigenständigkeit der Stadt von elementarer Bedeutung war, hinter sich hat, skizziert Stiftungsvorstand Peter Zimmermann.

Sie kamen 1978 zum Gemeinschaftskrankenhaus: Was zeichnete das GKH zu jener Zeit aus?

Peter Zimmermann: Ich stieß hinzu, als die Erweiterung in vollem Zuge war und die Mitarbeiterzahl bereits fast vierstellig wurde. Nach dem Start 1969 mit 192 Betten ging es sukzessive ‘rauf auf 250 und 480 Betten, zudem entstanden weitere Gebäude wie etwa das Kinderhaus. Hintergrund war das 1972 verabschiedete Krankenhaus-Finanzierungsgesetz, womit die Länder die Kliniken fördern wollten. Diese Chance wollte auch das GKH ergreifen und realisierte bis 1981 den Neubau sowie dann bis 1985 den Umbau des Altbaus.

Wie erlebten Sie persönlich Ihre Anfangszeit?

Wir waren ja mit unserer anthroposophischen Kinder- und Jugend-Psychiatrie damals Pioniere in Deutschland. Wir waren wie die GKH-Kollegen mit viel Herzblut bei der Sache. Wir wollten vor allem interdisziplinär agieren und ein therapeutisches Milieu schaffen, später mit Hilfe der Familientherapie die Eltern verstärkt einbinden. Hier in Westende herrschte damals wie heute ein anderer Duktus. Schon Ende der 1970-er Jahre zeigte sich aber, dass wir bei dem schnellen Wachstum auch zu Kompromissen bereit sein mussten. Wir erkannten, dass es mit einer rein anthroposophisch orientierten Medizin schwierig werden würde.

In 50 Jahren gab es natürlich gute und schlechte Zeiten, etwa 2003 und 2005, als Verantwortliche wie Sie nach hohen Verlusten Mitarbeiter entlassen mussten. Wie blicken Sie auf die Krisenzeiten zurück?

Entlassungen zu beschließen, das gehört zu meinen persönlich schlimmsten Erfahrungen. In Sachen Krise geht es fast immer um das Verhältnis von äußeren Bedingungen und inneren Versäumnissen. Grundsätzlich zeigte sich schon nach einiger Zeit, dass der Begriff Gemeinschaftskrankenhaus verführerisch ist, frei nach dem Motto: Wenn alle einer Meinung sind, dann läuft es gut. Kienle hatte das aber anders gemeint. Es sollte sich zeigen, dass auch unangenehme Entscheidungen anstehen und die organisatorische Führung mitunter anders denkt als das Ärzte-Team. Also stellte sich immer wieder die Frage, wie sich mittelfristig im Alltag die Herausforderungen meistern lassen. Oft lässt sich im Rückblick ein zeitlicher Verzug feststellen, also dass äußere Herausforderungen auftauchen, während man innerlich noch nicht bereit ist. Wir haben vor rund 15 Jahren festgestellt, dass unser damaliger Sparkurs nicht funktioniert hat und haben eine Wachstums-Strategie entwickelt. Bekanntlich wollten wir ja auch das damalige Krankenhaus Wetter übernehmen, nachdem wir schon das Modell Herdecke mit niedergelassenen Ärzten zwecks einer integrierten Versorgung ins Leben gerufen hatten. Wir standen auch vor der Frage: Outsourcing oder selbst die Leistungen auch für andere anbieten, etwa bei der Küche. Daraus ist ja dann die erfolgreiche Tochtergesellschaft Rebional entstanden. So bitter einzelne Kündigungen auch waren: Zum Glück gab es jedoch keine Massenentlassungen.

Vieles dreht sich also um das Thema Geld.

Die Anpassung an das System ist die Kernfrage. Das bedeutet: Was können wir mit hoch-technologischer Medizin erwirtschaften – und was davon ist vertretbar, was liegt uns am Herzen? So ist das Neurozentrum mit der Schlaganfalleinheit entstanden. Wir haben seit Jahren steigende Geburtenzahlen, das ist für uns aber kein Geschäft. Womit wir beim DRG-System, also der pauschalisierten Abrechnung sind. Das hat uns vor allem zu Beginn des Jahrtausends Probleme bereitet, obwohl das absehbar war. Es brauchte eine Zeit, ehe wir die richtige Strategie dafür finden konnten. Dabei haben wir aber nie den Gründungsimpuls aus den Augen verloren. Auch bis heute gilt für Ärzte, Pflegende und Therapeuten: Bei uns können sie ihr Berufsideal verwirklichen, auch wenn wir hier nicht auf der Insel der Glückseligen leben. Trotz bürokratischer Hürden steht weiter der Mensch im Mittelpunkt. Unsere integrative Medizin und Haltung orientiert sich daran, was individuell für den Patienten am besten ist.

Bringen wir es mal auf den Punkt: Kann das GKH grundsätzlich auf eine 50-jährige Erfolgsgeschichte blicken?

Eindeutig ja! Ich erinnere nur an den 2008 vollzogenen Strukturwechsel, als aus dem Trägerverein eine gemeinnützige GmbH wurde. Zudem gehört zum Erfolgsmodell GKH ja auch die Gründung der Universität Witten/Herdecke 1982. Auch wenn sich in einer Mutter-Kind-Beziehung die Tochter verständlicherweise freistrampeln will, gibt es seit längerer Zeit viele gemeinsame Entwicklungen. Gab es vor einiger Zeit drei Medizin-Lehrstühle, kooperieren wir jetzt mit vieren. Und in der Krisenzeit der Uni 2008/09 konnten wir als Mitgesellschafterin dank unserer frisch gegründeten GmbH sogar helfen. Allgemein lässt sich festhalten, dass die aus Herdecke kommenden Impulse sich auch andernorts entfalten können bzw. konnten, wenn ich beispielsweise an das anthroposophische Krankenhaus Havelhöhe in Berlin denke.

Ein Ausblick: Worauf kommt es zukünftig an?

Vorerst geht es um unsere etwas abgespeckten Umbau-Pläne, die weiterhin eine große Herausforderung darstellen. Medizinisch sollten wir unser gutes Profil weiter schärfen, zudem setze ich auf personelle Kontinuität. Ich bin optimistisch, dass wir viele junge Menschen finden, die sich mit den GKH-Ideen identifizieren, auch wenn die Fachärzte-Suche nicht leichter wird. Wer hier unseren besonderen Ansatz erlebt hat, bleibt meist in irgendeiner Form mit dem Haus verbunden und trägt es weiter.

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