Leitungsbau

Gutachten: Amprion-Stromtrasse durch Südwestfalen unnötig

Amprion will eine Stromtrasse durch das Sauer- und Siegerland bauen, doch ein Gutachter behauptet nun, dass die Leitung unnötig sei.

Amprion will eine Stromtrasse durch das Sauer- und Siegerland bauen, doch ein Gutachter behauptet nun, dass die Leitung unnötig sei.

Foto: Wolfgang Runge / dpa

Herdecke.  Die Amprion-Leitung, die über Herdecke, Hagen, den Kreis Olpe und das Siegerland führen soll, wird nicht gebraucht. Das sagt ein Gutachter.

Erfreut blicken die Prozessgemeinschaft Herdecke unter Strom, die Bürgerinitiative (BI) Semberg und die Bürgermeisterin auf ein Gutachten. „Wir haben nun den wissenschaftlichen Beleg, dass wir auch wegen des von der Bundesregierung beschlossenen Kohleausstiegs die Amprion-Stromleitung hier nicht brauchen und wir berechtigte Zweifel daran haben“, sagt Katja Strauss-Köster und blickt auf 38 Seiten, die der Fachmann Professor Lorenz Jarass zusammen gestellt hat.

Die Prozessgemeinschaft und die BI hatten für das Gutachten des „anerkannten Wissenschaftlers“ erfolgreich um Spenden geworben. Die benötigten 8500 Euro stifteten Privatpersonen (darunter sogar ein kleines Mädchen mit ihrem Taschengeld) und auch Gruppierungen, die von der geplanten 380-Kilovolt-Stromtrasse von Dortmund-Kruckel über Herdecke bis Dauersberg in Rheinland-Pfalz ebenfalls betroffen sein könnten. Dazu zählen etwa die Bürgerinitiativen aus Junkernhees im Kreis Siegen-Wittgenstein und Hohenlimburg unter Hochspannung. Letztere überwies 1000 Euro.

Unterstützung aus Hohenlimburg

Aus der Nachbarschaft kam Klaus Kwiatkowski zur Übergabe der Abhandlung an die Bürgermeisterin. „Bei uns in Hohenlimburg steht bald die Entscheidung zum Bau der Amprion-Trasse an, daher blicken wir sehr interessiert nach Herdecke.“

Hier hatte bekanntlich Katja Strauss-Köster im April ein Moratorium und einen Baustopp gefordert, da sich mit dem Kohlebeschluss der Bundesregierung Veränderungen zur Notwendigkeit der genehmigten Trasse ergeben hätten. „Für dieses Engagement, das uns betroffenen Bürgern zugute kommt, möchten wir uns einerseits bedanken. Und andererseits können wir nun im Gutachten von Professor Jarass nachlesen, dass Sie mit dieser Einschätzung Recht haben“, sagen Gisela und Wolfgang Heuer von der Prozessgemeinschaft, die im Schulterschluss mit der BI Semberg agiert.

In der wissenschaftlichen Analyse geht es sowohl um Herdecker als auch um übergeordnete Belange beim Bau von Stromtrassen. „Man erhält in dem Text auch einen Blick hinter die Kulissen“, berichtet Wolfgang Heuer und bilanziert: „Die geplante Leitung macht laut Jarass sowohl hier als auch im gesamten Verlauf keinen Sinn.“

Politik soll Trassenausbau verhindern

Lars Strodmeyer von der Prozessgemeinschaft ergänzt: „Nach der Vorlage des von Bürgern finanzierten Gutachtens erwarte ich von der Politik, dass sie sich nun endlich geschlossen hinter die Bürgermeisterin stellt und jetzt mit all ihren Möglichkeiten daran arbeitet, diesen höchst fraglichen Trassenausbau durch unsere Stadt zu verhindern.“

Zusammenfassend kommt Professor Jarass zu dem Schluss, dass die Genehmigung der Bezirksregierung, wonach die Amprion-Leitung „für die langfristige Sicherstellung der Stromversorgung im Versorgungsgebiet Großraum Dortmund Hagen erforderlich“ sei, für ihn „unplausibel und unbelegt ist“. Beim Blick auf den Kohleausstieg, wonach es 2035 in Nordrhein-Westfalen nur noch drei große Braunkohle- und vier große Steinkohlekraftwerke mit entsprechenden Veränderungen bei der Versorgung geben soll, schreibt der Wissenschaftlicher: „Die 380-kV-Leitung Kruckel-Dauersberg wurde von der Bundesnetzagentur im aktuellen Prüfungsbericht für keines der Szenarien … bezüglich Wirksamkeit und Erforderlichkeit geprüft.“

Öffentliche Vorstellung am 1. Oktober

Wie geht es weiter? „Ich hoffe, dass durch das Gutachten frischer Wind in die Debatte kommt, zumal nur wenige Verantwortliche bisher hinterfragt haben, ob wir die neue Leitung wirklich brauchen“, so Bürgermeisterin Strauss-Köster. Sie wird diese Analyse als Grundlage für ihre Stellungnahme an die Bundesnetzagentur nutzen, damit diese die kritischen Anmerkungen bei den Trassen-Planungen berücksichtigt (das hatte auch Bundeswirtschaftsminister Altmaier in Aussicht gestellt).

Der Professor will sein Gutachten in der Ratssitzung am Dienstag, 1. Oktober, öffentlich vorstellen. Anschließend planen die Prozessgemeinschaft und BI Semberg an einem anderen Ort eine Veranstaltung, während der Bürger Fragen an den Professor stellen können. Für die Herdecker steht zudem fest, dass die Analyse auch für den Termin am 12. Dezember vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig relevant ist.

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