Tour

Herdeckerin (28) durchquert Kanada mit Freund und Fahrrad

Beeindruckt von den Rocky Mountains: Kira Weißbach und Pascal Simoleit schwärmen von der Bergkulisse in Kanada, auch wenn die Verhältnisse für Radfahrer anstrengend seien.

Beeindruckt von den Rocky Mountains: Kira Weißbach und Pascal Simoleit schwärmen von der Bergkulisse in Kanada, auch wenn die Verhältnisse für Radfahrer anstrengend seien.

Foto: Privat

Herdecke/Vancouver.  Von Ost nach West durch Kanada: Kira Weißbach aus Herdecke und ihr Freund haben 7500 Kilometer zurückgelegt, viele davon mit dem Fahrrad.

Udo Jürgens („Ich war noch niemals in New York“) sang einst: „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.“ Das passt zu Pascal Simoleit und seiner Freundin Kira Weißbach aus Herdecke. Arbeit gekündigt, Fahrräder gekauft und dann ein Jahr von Ost nach West durch Kanada. Ein Abenteuer, das im September 2018 begann und jetzt im nächsten Monat endet. Derzeit ist das Paar auf einer Farm in Vancouver Island, wo die Redaktion die zwei 28-Jährigen per Internet-Telefonat erreicht hat.

Kira Weißbach und Pascal Simoleit kennen sich seit dem Studium (Erziehungswissenschaften) in Erfurt. „Wir hatten danach tolle Jobs, saßen aber auch viel im Büro. Nach drei Jahren Arbeit wollten wir mal raus“, sagt die Herdeckerin. „Und Kanada wollten wir direkt erleben, die Landschaft sollte nicht bei Autofahrten an uns vorbeiziehen. Dabei war ich eigentlich kein Rad-Fan.“

Nach einem Jahr Vorbereitung und der erfolgreichen Visum-Bewerbung saßen die Zwei am 18. September 2018 im Flieger. Im Gepäck auch Gedanken skeptischer Freunde und Familienangehöriger, schließlich will nicht jeder von rechts nach links durch das zweitgrößte Land der Welt radeln. Nach der Ankunft in Halifax kauften sie sich Räder und verstauten darauf ihr ganzes Gepäck. „Der erste Tag fing gleich mit Schlamm und Pfützen an“, erinnert sich die 28-Jährige an den Weg Richtung Quebec. „Wir erlebten dann aber den Indian Summer von seiner schönsten Seite mit leuchtenden Bäumen. Auf dem Rad wurde es nach anfänglichen Schwierigkeiten von Tag zu Tag besser, das Wetter aber zunehmend schlechter“, so ihr Freund.

Der Winter kündigte sich an, für radelnde Camper ist Schnee eher ungünstig. „Wir wurden auch mal blöde angeguckt, dass wir bei dem Wetter noch auf dem Fahrrad saßen.“ In Quebec wollten die Beiden eigentlich länger bleiben und arbeiten, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Das erwies sich aber wegen der französischen Sprache als schwierig, also fuhren die zwei Deutschen mit guten Englisch-Kenntnissen weiter nach Montreal.

Harter Winter in Montreal

Dort blieben sie von November bis Mai und arbeiteten als Telefonisten für ein karitatives Call-Center. Bei bis zu minus 35 Grad waren sie froh, das Zelt vorübergehend durch eine Mietwohnung ersetzt zu haben. „Wir hatten da eine gute Zeit und fanden schnell Anschluss.“ Weihnachten feierten sie mit einer Familie aus ihrem Haus, oft ging es zum Schlittschuhlaufen und in Museen oder zu Spieleabenden mit neuen Bekannten. „Der harte Winter bringt die Leute da zusammen. Es ist kalt, die Menschen aber sind herzlich“, so Simoleit, der aus dem Harz stammt.

Auch wenn das Ziel nie konkret lautetet, einmal durch Kanada zu radeln (Kira Weißbach: „Im ersten Teil unserer Reise dachte ich auch gelegentlich, dass wir das hier jederzeit abbrechen könnten“), drängte es die Beiden dann im Mai wieder auf den Sattel. Schließlich wollten sie noch mehr vom Land entdecken. Bis zu 70 oder 80 Kilometer schafften sie am Tag. „Wir sind nicht die schnellsten Radfahrer, zudem hatten wir fast immer Gegenwind.“ Also ging es nach der mitunter malerischen Strecke bis Toronto dann mit dem Zug weiter nach Jesper. Nach vier spannenden Tagen und drei anstrengenden Nächten mit der Eisenbahn meist durch die Prärie kamen sie in den Rocky Mountains an.

Einen Monat lang waren sie dann auf einem Premium-Radweg unterwegs. „Es geht kaum schöner, Natur pur“, sagt der 28-Jährige. „Unsere Erwartungen wurden in den Rockys sogar noch übertroffen“, erzählt Kira Weißbach. „Die Aussichten, diese Weite – der Wahnsinn.“ All das bei einfachen Lebensverhältnissen mit Plumpsklos auf Campingplätzen und rationierter Nahrung für eine Woche in der dünn besiedelten Gegend. „In dem Nationalpark dürfte es so wie vor 200 Jahren aussehen“, berichtet ihr Freund auch von guten Wetterverhältnissen: Schnee fiel dort wieder kurz nach ihrer Tour.

Der Abschied rückt näher

Nun die Gegend nahe Vancouver, ihre letzte Station im Westen. Im Februar hatten sie nach ihrer Bewerbung die Zusage für „Woofing“ bekommen: Dabei erhalten Freiwillige auf einer Farm Essen und Unterkunft, wenn sie fünf Stunden am Tag dort arbeiten. Kira Weißbach als Veganerin freute sich umso mehr über „ihren“ Bio-Bauernhof, da dieser vor allem Salat und Gemüse anbaut. „Das ist hier schon so eine Art Bilderbuch-Landwirtschaft mit freilaufenden Tieren und einem ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl bezüglich der gegenseitigen Versorgung in der Umgebung“, erzählen die Zwei. Zäune bauen, Holz hacken, nach den Pferden oder Hühnern sehen, ernten, ausliefern – es gibt bis Ende August noch viel zu tun. Wobei die Beiden die letzten Tage vor ihrem Rückflug im September noch als Touristen in der Umgebung (Tofino, Vancouver) verbringen wollen.

3500 Kilometer haben sie bis heute mit dem Rad zurückgelegt, hinzu kommen 4000 Kilometer mit dem Zug. „Es war damals doch ein großer Schritt, den Job zu kündigen. Aber es hat sich so doll gelohnt“, bilanziert die Herdeckerin vorab. Sie habe nun neue Ideen im Kopf und ist stolz, 1000 Höhenmeter an einem Tag geschafft zu haben. „Kanada ist eigentlich ein Land für Autofahrer, die sind für Radler quasi gefährlicher als Bären oder Wölfe“, ergänzt ihr Freund.

Sie überlegten auch noch, an der Westküste der USA entlang zu radeln. „Doch das Gefühl, jetzt bald nach Hause zu kommen, überwiegt“, sagt die Herdeckerin. „Ich kann aber nur jeden unabhängig vom Alter ermutigen, solch eine Reise mal anzugehen“, meint Pascal Simoleit. In Kanada erhielten die Zwei anerkennende Kommentare wie „You’re living the dream“. Und diese Traum-Erfüllung hört sich ja so ähnlich an wie die Zeile von Udo Jürgens „...und aus allen Zwängen flieh’n“.

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