Demenz

In Herdecke sind Menschen mit Demenz nicht allein

Uschi Beyling, Reinhard und Waltraud Haake, Renate Flemming, Susanne Schmidt und Susanne Wulff (von links) freuen sich auf neue Besucher im Café Vergissmeinnicht.  

Uschi Beyling, Reinhard und Waltraud Haake, Renate Flemming, Susanne Schmidt und Susanne Wulff (von links) freuen sich auf neue Besucher im Café Vergissmeinnicht.  

Foto: Yvonne Held

Ende.  Sich aufgrund einer Demenz zurückzuziehen, ist oft der falsche Weg. Im Café Vergissmeinnicht tauschen sich Erkrankte und Angehörige aus.

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Für die meisten Menschen ist die Diagnose ein Schock – Demenz. Viele versuchen die Krankheit so lange wie möglich geheim zu halten, sich nichts anmerken zu lassen. Ein Kraftakt für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Im Café Vergissmeinnicht in Ende wird jedoch offen mit dem Thema umgegangen, denn jeder, der dort hinkommt, ist ein Teil der Gemeinschaft, ob erkrankt oder Angehöriger.

Renate Flemming hat jahrelang ihren dementiell erkrankten Mann gepflegt. Ihn begleitet. Das Café Vergissmeinnicht gab ihr Halt. Doch bis es soweit war, ging ein langer Prozess voraus. „Bereits 2009/2010 bemerkten mein Mann Gerhard und ich, dass irgendwas nicht stimmte. Wir bemerkten Veränderungen in seiner Psyche und im kognitiven Bereich“, schildert sie. 2011 erhielten sie die Bestätigung ihres Verdachts per Diagnose: Beginnende Demenz. „Obwohl schon länger vermutet, traf uns die Diagnose wie ein Hammer und riss uns den Boden unter den Füßen weg. Unsere Lebensplanung war dahin“, beschreibt Flemming das Gefühl von Ohnmacht. „Wir beschlossen, die Diagnose erst einmal für uns zu behalten“, erinnert sie sich. Heute sagt sie, dass das ein Fehler war. „Nun begann eine Art Versteckspiel, eine ewige Verschleierung und immer währendes Vertuschen und Kaschieren der Symptome. All das nahm uns eine Menge Kraft“, gibt sie zu. Das ständige auf der Hut sein, bloß niemanden von dem Schicksal erfahren zu lassen, strengte nicht nur an, sondern hatte weitere Auswirkungen: Freunde, Bekannte und alte Kollegen zogen sich zurück, doch auch das Ehepaar selbst blieb meist unter sich.

Große Schwellenangst

Ein Verhalten, dass das Team vom Café Vergissmeinnicht nur sehr gut kennt. „Viele Menschen haben eine Scham hier hinzukommen“, weiß Reinhard Haake. Für die meisten ist es ein großer Schritt, das Angebot wahrzunehmen, denn das bedeutet auch, zu der Krankheit zu stehen. Sie für sich anzunehmen. Als bei Renate Flemmings Mann eine weitere Erkrankung hinzukam, wurde die Nervendecke immer dünner und irgendwann war klar: „Wir brauchen Hilfe.“ Für das Ehepaar, das im beruflichen Leben immer selbst Hilfe und Unterstützung gegeben hatte, immer unabhängig gewesen war, kein leichtes Eingeständnis. „Mit dem Mut der Verzweiflung fanden wir dann Monate später endlich unseren Weg ins Café Vergissmeinnicht“, erinnert sich Flemming und fügt hinzu: „Wir hatten unser Coming out.“

Akzeptanz und Wertschätzung

Dort angekommen waren sie überwältigt. „Allein die liebevolle, herzliche Begrüßung machte uns sprachlos. Wir wurden wie alte Freunde, wie selbstverständlich mit offenen Armen begrüßt. Während dieses ersten Besuchs kämpfte ich permanent vor Rührung mit den Tränen“, berichtet Flemming und auch heute, Jahre später, glänzen ihre Augen wieder, als sie daran denkt. „Wir haben an diesem Ort Akzeptanz und Wertschätzung erfahren. Wir konnten unseren seit Jahren erbauten Schutzwall Stein für Stein langsam einreißen“, erzählt sie von ihrer Befreiung.

Doch wie verläuft ein Treffen im Café Vergissmeinnicht eigentlich ab? „Wir kommen zusammen, begrüßen uns, bilden einen Kreis, machen Gymnastik, erzählen aus den Erinnerungen und musizieren“, erklärt Uschi Beyling, Initiatorin des Angebots. Gerade die Musik weckt bei vielen Menschen Erinnerungen und löst Gefühle aus. Letzteres ist ganz wichtig, denn auch wenn bei einer Demenz die kognitiven Fähigkeiten leiden und schwinden, so bleiben die Emotionen. „Das Herz wird nicht dement“, bringt es Beyling auf den Punkt. Die Gemeinschaft und die Erfahrungen, die in der Gruppe gemacht werden, gehen oft weit über das Café hinaus. Ein Netzwerk entsteht, bei dem die Betroffenen sich austauschen und gegenseitig helfen. Auch wenn, wie bei Renate Flemming, der Tod des Erkrankten und geliebten Menschen eintritt, bleibt die Verbundenheit. Deshalb kommen viele Angehörige auch später allein noch zu den Treffen und halten den Kontakt.

46,8 Millionen Menschen weltweit sind an Demenz erkrankt. Allein 1,63 Millionen Menschen in Deutschland. Eine Studie aus dem Mai diesen Jahres geht davon aus, dass bis 2060 2,88 Millionen Menschen in Deutschland unter Demenz leiden. Das Café Vergissmeinnicht bietet jeden 2. und 4. Freitag im Monat von 15 bis 17 Uhr im Martin-Luther-Gemeindehaus, Kirch­ender Dorfweg 46a, die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch und miteinander. Der Teilnehmerbeitrag beträgt 2,50 Euro pro Person und Nachmittag. Weitere Informationen zum Angebot sowie Anmeldung bei Uschi Beyling, Tel. 02330/2716.

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