Konflikt

Jugendrichter vom Amtsgericht Wetter spricht über Mobbing

Jugendrichter Janbernd Wessel weiß, dass viele Jugendliche unter Mobbing leiden.

Jugendrichter Janbernd Wessel weiß, dass viele Jugendliche unter Mobbing leiden.

Foto: Sylvia Mönnig / WP

Wetter.  Die Ferien sind für viele Jugendliche die Zeit, in der sie endlich durchatmen können. Nicht vom Lernstress, sondern von den anderen Schülern.

Ausgegrenzt, dem Spott vor aller Augen preisgegeben, verprügelt, abgezogen oder mit intimen Fotos unter Druck gesetzt – Mobbing wird im Zeitalter des Internets und „sozialer“ Medien immer präsenter. Die Redaktion sprach mit dem Wetteraner Jugendrichter Janbernd Wessel über ein Thema, das für viele Kinder und Jugendliche zum alltäglichen Albtraum geworden ist.

Angst beginnt schon morgens

Spätestens morgens auf dem Schulweg ist es da. Dieses fiese Gefühl im Bauch: Was passiert heute? Was tun sie heute? Wie überstehe ich den Tag? Wem kann ich mich anvertrauen? Wem kann ich überhaupt noch vertrauen? Wer hilft mir? Bohrende Fragen, quälende Angst und vielleicht auch Scham. Janbernd Wessel (42), seit rund zehn Jahren Jugendrichter am Amtsgericht in Wetter, bringt es mit seiner Mobbing-Definition auf den Punkt: „Es bedeutet, sich auf einen Schwächeren zu stürzen. Wiederholt. Ich würde sagen, das macht es aus, dass es immer wieder passiert.“

In der Gruppe stark

Gemobbt werde nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. „Man macht dem anderen das Leben auf irgendeine Weise zur Hölle.“ Meistens seien es mehrere, die sich dafür zusammentäten. „In der Gruppe fühlt man sich stark.“ An sich sei Mobbing erst einmal nicht strafbar – ausgenommen körperliche Angriffe, Beleidigungen und „Abzocke“. Durch das Internet, so ist Wessel überzeugt, habe das Thema natürlich eine ganz neue Qualität bekommen. „Es ist viel einfacher, jemanden lächerlich zu machen, ihn an den Pranger zu stellen. Das Internet vergisst nicht und man findet natürlich viel schneller eine Öffentlichkeit.“

Kinder erkennen die Tragweite nicht

So sei er zum Beispiel im Eildienst einmal mit einem Fall konfrontiert worden, bei dem ein Mädchen seinem Freund ein Nacktbild von sich geschickt hatte und der nun ankündigte, das zu verbreiten. Um das zu verhindern, sollte das Handy des Jugendlichen so schnell wie möglich sichergestellt werden. Der erfahrene Jugendrichter ist überzeugt: „Die Kinder können die Tragweite wahrscheinlich gar nicht erkennen.“ Solche Fotos würden sich schnell verbreiten – wie eine Lawine. „Das kann man nicht mehr rückgängig machen.“

Abzocke ebenfalls ein Thema

Jedoch müsse nicht nur das Bewusstsein der Täter, sondern auch das der betroffenen Mädchen und Jungen geschärft werden. Ein weiteres, schwerwiegendes Thema ist für Janbernd Wessel die „Abzocke“. Hier würden sich die Täter immer wieder Schwächere rauspicken und sie abziehen. Die müssten dann ihr Taschengeld, Zigaretten oder Ähnliches rausgeben. „Das sind dann schon richtig schwere Straftaten“, betont Wessel. Das könne dann eine räuberische Erpressung sein, die bei Erwachsenen mit nicht unter einem Jahr Freiheitsstrafe enden würden – auch bei 3,50 Euro Taschengeld. „Das ist ein Verbrechen.“

Ausgrenzung ist auch Mobbing

Doch nicht minder schlimm empfindet der Jurist die Form von Mobbing, bei der das Opfer permanent ausgegrenzt oder lächerlich gemacht wird und zumindest auf gesetzlicher Ebene nichts dagegen getan werden kann, weil es eben nicht strafbar ist und es somit auch keine rechtliche Handhabe gibt. Betroffenen Kindern und Jugendlichen rät er: „Da hilft nur Offenheit. Das Falsche wäre, nichts zu sagen, nichts zu machen.“

Selbstbewusst auftreten

Sie sollten sich an ihre Eltern und Lehrer wenden. Und, wenn es nicht zu körperlichen Übergriffen komme, sollten sie versuchen, den Tätern gegenüber selbstbewusst aufzutreten. „Ich glaube, es wäre das Optimum, denen zu zeigen: Du kannst mir nichts.“ Allerdings sei ihm auch völlig klar, wie schwer das sei. Eltern empfehle er generell, ihren Kindern zu signalisieren, dass sie ihnen vertrauen und alles erzählen könnten. Würden Kinder zu Mobbing-Opfern, sollte auf jeden Fall der Weg zu Lehrern gesucht werden, vielleicht auch der zu den Eltern der Täter. Natürlich gehe das nur, solange es sich um Schulhof-Mobbing handle, die Kinder also in dem entsprechenden Alter seien.

Strafrechtlich ist auch für die Polizei von Interesse

Wenn das Ganze allerdings strafrechtliche Formen annehme, dürften sich auch Eltern nicht einschüchtern lassen: „Auf jeden Fall zur Polizei gehen.“ Wenn gar nichts helfe, sei es eine auch Variante, über einen Schulwechsel nachzudenken – aber nur, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft seien. Das sei sicherlich nicht das Ziel, aber manchmal die einzige Möglichkeit. Wessel ist selbst Vater. Er hofft und wünscht natürlich, dass seinen Kindern so eine Erfahrung erspart bleibt. Deshalb empfindet er es als wichtig, im Vorfeld über das Thema Mobbing zu reden und das Selbstbewusstsein zu stärken. „Mir ist das Wichtigste, zu zeigen, wir sind immer für Dich da, Du kannst immer mit uns reden.“ Denn: „Eltern müssen immer die ersten Ansprechpartner sein.“

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