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Trotz Rollstuhl selbstständig in Wetter einkaufen

Verena Engler ist mit einem offenen Rücken zur Welt gekommen. Egal ob im Job, beim Sport oder beim Einkaufen – die 32-Jährige möchte es alleine schaffen und ein eigenständiges Leben führen. 

Verena Engler ist mit einem offenen Rücken zur Welt gekommen. Egal ob im Job, beim Sport oder beim Einkaufen – die 32-Jährige möchte es alleine schaffen und ein eigenständiges Leben führen. 

Foto: Ramona Richter

Wetter.  Es sind nicht die Barrieren im öffentlichen Raum, die Verena Engler stören, sondern die in den Köpfen einiger Mitbürger.

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Es ist 14 Uhr – Mittagszeit. Während die Schlangen in dem Supermarkt im Ruhrtal Center in Wetter immer länger und die Kunden immer unruhiger werden, sitzt Verena Engler gemütlich bei einer Tasse Tee im Bäckerei-Café. Seit 14 Jahren lebt die 32-jährige, gebürtige Osnabrückerin mit ihrem Hund Felix bereits im Ruhrgebiet und spielt seit einigen Jahren in Wengern im Badminton-Verein. Zurück nach Osnabrück möchte Verena Engler nicht mehr, denn im Ruhrgebiet hat sie eine neue Heimat gefunden. Eine Heimat, in der sie selbstbestimmt leben kann – ohne von anderen Menschen bemuttert zu werden. „Ich wollte einfach unabhängig sein. Es selber schaffen.“

Verena Engler kam mit einem offenen Rücken zur Welt – auch Spina Bifida genannt. Doch egal ob mit Rollstuhl oder mit Unterarmstützen – die 32-Jährige macht all das, was ihr Spaß macht. Egal ob beim Sport, Einkaufen oder beim Feiern gehen – die Blicke ihrer Mitmenschen stören die 32-Jährige nicht. „Ich merke das gar nicht mehr. Und ehrlich gesagt ist es ja auch normal, dass Menschen schauen, das würde ich selbst wahrscheinlich auch. Aber ich habe es auch schon erlebt, dass eine Mutter zu ihrem Sohn meinte: ‘Schau da nicht so hin! Das gehört sich nicht!’ Aber warum sollte er denn nicht schauen? Es ist doch etwas völlig Normales.“

Barrieren im Kopf abbauen

Es seien nicht die Barrieren im Alltag, die sie störten, sondern eher die in den Köpfen einiger Mitmenschen. „Ich weiß noch, als ich einmal mit der Bahn unterwegs war und das Gleis wechseln musste. Ich wollte gerade in den Fahrstuhl einsteigen, da meinte ebenfalls eine Mutter zu ihrem Kind: ‘Mach mal Platz für den Rollstuhl.’“ Verena traute ihren Ohren nicht. „Dann sagte sie es nochmal: ‘Mach bitte einmal Platz für den Rollstuhl.’ Da habe ich dann auch nur noch gefragt: Nur der Rollstuhl? Oder darf ich auch mit? Es stört mich, wenn ich auf den Rollstuhl reduziert werde. Immerhin geht es um den Menschen!“

Es sei wichtig, dass dies die Kinder von Beginn an auch lernen, so die 32-Jährige. Es sei für sie kein Problem, wenn andere sie anschauen oder ihr Fragen stellen. Doch das war nicht immer so. „Natürlich hatte ich auch Phasen, in denen es mir unangenehm war. So wollte ich mit 14 nicht vor meinen Mitschülern mit den Unterarmstützen zu laufen.“ Dennoch ist es für Verena kein Grund, zu Hause zu bleiben. „Ich bin gerne mit meinen Freunden unterwegs.“ So auch auf Shoppingtour, bei der ihr ab und zu auch Skurriles begegnete. „Ich war in meiner Heimatstadt shoppen und wollte im C&A zum Aufzug. Plötzlich stand ich vor einer Stufe, die man hinauf gehen musste, um überhaupt zum Aufzug zu kommen. Da frage ich mich schon, was sich der Architekt dabei gedacht hatte.“

Und auch in Wetter sei ihr etwas aufgefallen: „Es ist noch nicht lange her, dass in der Innenstadt ein Geschäft – mir ist leider der Name entfallen – umgebaut wurde. Jetzt sind da plötzlich Stufen. Natürlich ist es möglich, um Hilfe zu bitten, aber es sollte die Möglichkeit bestehen, das Geschäft selbstständig betreten zu können“, sagt sie. Hilfe annehmen und nach Hilfe fragen: für die 32-Jährige an sich kein Problem. „Ich mache es dennoch ungern. Lieber versuche ich, ob ich es selber schaffen kann.“

Ein Nein akzeptieren

So auch beim Einkaufen. „Ich mache eh eher kleinere Einkäufe. Für mich alleine brauche ich nicht so viel. Und wenn doch mal ein größerer Einkauf ansteht, dann frage ich halt einen Freund, der ein Auto hat. Ich habe ja einen Führerschein, nur eben kein Auto.“

Und auch beim Einkaufen selbst gibt es Situationen, die Verena auf die Nerven gehen. Eine Situation an der Kasse: Sie ist an der Reihe und plötzlich greift jemand zu ihren Sachen und möchte sie in ihre Tasche legen. „Es ist ja nett, wenn jemand seine Hilfe anbietet, aber er sollte auch die Antwort abwarten und nicht direkt die Sachen in die Tasche packen“, sagt sie.

„Ich glaube, dass es auch anderen Menschen so geht, dass sie es gut finden, wenn sie gefragt werden. Und es ist ja auch höflich, wenn derjenige die Antwort abwartet und nicht über den Kopf eines anderen Menschen hinweg entscheidet oder ihm zuvorkommt. Und noch viel höflicher finde ich es, wenn man auch ein Nein akzeptiert und es nicht persönlich nimmt. Egal ob beim Einkaufen oder in anderen Situationen. Wenn einer Frau mit Kinderwagen oder einer älteren Frau etwas runter fällt, helfen nur wenige. Aber wenn einem im Rollstuhl etwas hinunterfällt dann stehen plötzlich gefühlt 20 Menschen um einen herum.“

Aber das sei nicht der Alltag. „Natürlich gibt es auch Menschen, die es verstehen, wenn man ihre Hilfe ablehnt. Aber es gibt auch leider einige, die sich angegriffen fühlen.“ Dabei möchte Verena Engler nur eins: Unabhängig sein und eigenständig ihr Leben führen – denn darauf haben alle Menschen ein Anrecht, egal ob dünn, dick, alt, jung, mit oder ohne Behinderung.

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