Luther-Schauspiel

Abrechnung mit Kapitalismus und Kirche

Martin Luther (re.) diskutiert mit Karlstadt und Thomas Münzer über den richtigen Weg.

Foto: Meutsch

Martin Luther (re.) diskutiert mit Karlstadt und Thomas Münzer über den richtigen Weg. Foto: Meutsch

Iserlohn.  „Martin Luther & Thomas Münzer – oder die Einführung der Buchhaltung“ wurde auf die Bühne des Parktheaters gebracht. Eine Hommage an den großen Reformator?

500 Jahre Reformation – da muss Martin Luther doch auch Platz finden in der Parktheater-Spielzeit! Am Mittwochabend war es soweit, „Martin Luther & Thomas Münzer – oder die Einführung der Buchhaltung“ stand auf dem Spielplan. Eine Hommage an den großen Reformator? Nicht einmal ansatzweise! Luther wird zunächst als Marionette dargestellt, als willfähriges Werkzeug des Kurfürsten Friedrich von Sachsen, der glaubt, dass er beim Ablasshandel und auch bei sonstigen Geschäften zu kurz kommt. Er sucht nach einer Möglichkeit, dem Papst in die Suppe zu spucken. Sind Luthers Streitthesen gewissermaßen eine Auftragsarbeit für den Fürsten?

Mit Religion lässt sichjedes Ziel rechtfertigen

Aber damit nicht genug. Luther wird nicht nur als Marionette dargestellt, sondern später auch als bestechlicher Opportunist, der für Geld und Güter brav predigt, es brauche eine Obrigkeit, der das gemeine Volk doch bitteschön zu gehorchen habe. Und andernorts wird festgestellt, dass es ja das Praktische an der Theologie und der Religion sei, dass man damit ja im Prinzip jedes Ziel irgendwie begründen und rechtfertigen könne. Und schließlich arbeitet er auch noch zu, dass mit Karlstadt und Thomas Münzer einstige Weggefährten aus dem Weg geräumt werden.

Nun, wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. Und die gab es ganz bestimmt auch bei Martin Luther – und sie werden ja auch nicht mehr unter den Teppich gekehrt. Aber ein bestechlicher Opportunist? Das Stück „Martin Luther & Thomas Münzer – oder die Einführung der Buchhaltung“ erinnert irgendwie an George Orwells „Animal Farm“. Letztere ist ja bekanntlich eine fabelartige Abrechnung mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Und besagtes Luther-Stück ist eben eine Abrechnung mit Kapitalismus und Kirche. Es zeigt, wie die Kirche jahrhundertelang ganz vorne mitgemischt hat, wenn es um die Verteilung von Geld, Gold, Gütern und Macht ging. Wie weltliche und geistliche Macht teils eins war. Das Stück erzählt von Gier, Skrupellosigkeit und Menschenverachtung. All das ist ja nicht erfunden! Und da muss dann der Augsburger Kaufmann Jakob Fugger als Symbol für den ungezügelten Kapitalisten herhalten, der sein Geld auch mit Krieg verdient. Autor Dieter Forte hatte wohl auch Parallelen zur Gegenwart des Jahres 1970 im Blick, als er „Martin Luther & Thomas Münzer“ auf die Bühne brachte.

Zur Aufführung im Parktheater: Als Kulisse praktisch aller Handlungsorte – von Rom bis Brüssel oder Augsburg, Worms und natürlich Wittenberg – dient ein mächtiges Eichengebälk als Kulisse. Das Euro-Studio Landgraf bringt eine solide und schauspielerisch ansprechende Produktion auf die Bühne.

Im Publikum sitzt auch Albert Henz, theologischer Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen. Nun, in der Pause zeigt er sich keinesfalls zerknirscht darüber, was da mit seinem Martin Luther auf der Bühne veranstaltet wird. „Martin Luther & Thomas Münzer – oder die Einführung der Buchhaltung“ ist ja schließlich keine Luther-Biografie, sondern ein Schauspiel, was sich eben seine Freiheiten nimmt, um eine Geschichte zu erzählen, die man nicht zwangsläufig im 16. Jahrhundert verorten muss.

Der Kurfürst dreht sich eine Zigarette

Eine schöne Szene am Rande: In der Pause tritt der Kürfürst von Sachsen in vollem Ornat auf die Bühnenrampe, um sich dort eine Zigarette zu drehen. So war er mit ein paar Schritten in der Gegenwart angekommen.

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