Kirche

Abschied nur vom Amt, nicht von der Haltung

Abschied mit Abstand: Helga Dietz nahm nach dem Gottesdienst die persönlichen Wünsche ihrer Freunde und Weggefährten entgegen.

Abschied mit Abstand: Helga Dietz nahm nach dem Gottesdienst die persönlichen Wünsche ihrer Freunde und Weggefährten entgegen.

Foto: Ralf Tiemann / IKZ

Iserlohn.  Pfarrerin Helga Dietz geht nach 32 Jahren in den Ruhestand, bleibt ihrem Stadtteil aber ehrenamtlich erhalten.

So viel ändert sich für Helga Dietz gar nicht, wenn sie jetzt in den Ruhestand geht. Natürlich wird sie künftig mehr Zeit haben – vor allem für ihren Wohnwagen, mit dem sie mit ihrem Mann auf Tour gehen will, wenn Corona das wieder zulässt. Aber das, was sie bewegt, was sie antreibt und was ihr Handeln bestimmt, verschwindet nicht mit der Rente. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dieser Satz aus dem Matthäus-Evangelium war und ist ihr Leitgedanke. „Ich habe das immer sehr ernst genommen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Diesen Satz wirklich leben und Jesus als Vorbild nachfolgen – dafür gibt es keinen Ruhestand.

Verabschiedet wurde Helga Dietz trotzdem. Nach 32 Jahren als Pfarrerin am Hombruch hat Superintendentin Martina Espelöer sie gestern entpflichtet – coronabedingt natürlich ohne die eigentlich geplante und nun auf das nächste Jahr verschobene Feier. Nun musste sie sich gestern mit einem reinen Gottesdienst im vergleichsweise kleinen Kreis im Martin-Luther-King-Haus begnügen.

Aber auch dabei wurde es sehr emotional und trotz Corona machte sich ein Gefühl von Wärme und Nähe breit. Vor allem am Ende, als sich Helga Dietz, der es wichtig ist, dass man alles, was man tut, mit Spaß und einem Lachen macht, in bester Heinz-Erhardt-Manier mit einem kleinen Vortrag verabschiedete, in dem jedes Wort mit ihren Initialen, also mit H oder D, anfing.

Das ist offensichtlich ihr Markenzeichen, das sie bei vielen Geburtstagsbesuchen in ihrer Gemeinde kultiviert hat. Nun münzte sie das auf ihren eigenen Namen und erntete minutenlangen Applaus im Stehen – auch ohne Umarmungen und Küsschen war das ein bewegender Abschied. Zumal da ja nicht irgendwer geht.

Eine Institution sei sie gewesen, erklärte Pfarrerin Gabriele Watermann als Vorsitzende des Presbyteriums. Und auch Martina Espelöer fragte: „Wie soll es weitergehen ohne die Helga?“

Von einstmals drei Pfarrern sind noch eineinhalb übrig

Für die evangelische Maria-Magdalena-Gemeinde geht in der Tat eine Ära zu Ende. Über Jahrzehnte wurde die zweigeteilte Gemeinde in Heide-Hombruch und Sümmern von dem Trio Paul-Gerhard Zywitz, Peter Phillips und Helga Dietz geprägt. Helga Dietz ist nun die letzte von ihnen, die geht. Gemeindepfarrerin war sie jedoch nie, ihr ganzes Berufsleben hat sie im sogenannten Entsendungsdienst der Landeskirche verbracht. Dass sie nun geht, ist besonders bitter für die Gemeinde, weil ihre Stelle nicht wieder besetzt wird. Nun bleiben in der Gemeinde von den einstmals drei Pfarrern nur noch 1,5 Pfarrstellen übrig – 0,75 von Pfarrerin Watermann in Sümmern und 0,75 von Pfarrer Christian Mayer in Heide-Hombruch. Der Gürtel in der Kirche wird weiter enger geschnallt.

Vor allem die Seelsorge war ihr in ihrer Arbeit wichtig, Hausbesuche bei Alten und Kranken. „Alten Menschen einfach zuzuhören und ihre Lebensgeschichte zu erfahren, das ist einfach wunderschön.“ Und das passt wieder zu ihrem Credo von der Nachfolge Jesu und auch zu ihrer christlichen Sozialisation. Denn Helga Dietz wurde nicht – wie so viele ihrer Kollegen – in ein Pfarrhaus oder eine christliche Familie hineingeboren, in der Glaube und Gebet selbstverständlich waren. „Ich habe eher aus politischen Gründen zur Kirche gefunden. Ich war immer schon links eingestellt“, sagt sie. Das Eintreten für Schwache und Arme war ihr schon von klein auf wichtig. Und Jesus sei dabei von Anfang an ein wichtiges Vorbild gewesen. Gott habe sie sich erst langsam genähert, erst nach und nach zum Glauben gefunden. Noch am Anfang ihres Studiums ist sie zweigleisig mit Sozialwissenschaften neben der Theologie gefahren. Als sie dann merkte, dass die Theologie das Richtige für sie ist, sei aber klar gewesen, dass sie Pfarrerin werden will.

Der Weg führte sie 1988 nach dem Vikariat in Hohenlimburg direkt in den Hombruch, wo sie an der Bremsheide eine Wohnung über dem damaligen Gemeindehaus bezog – eine schöne Zeit, wie sie sagt, in der sie eine sehr lebendige und junge Gemeinschaft in ihrem Revier erlebt habe. Nach 17 Jahren wurde das Gemeindehaus geschlossen, Helga Dietz führte ihre Arbeit zunächst in enger ökumenischer Bindung in den Räumen der katholischen St.-Josef-Kirche fort und zog schließlich ins Martin-Luther-King-Haus in der Heide, in deren Nähe sie auch ein Haus kaufte und künftig auch wohnen bleiben wird.

Namensgeberin für die Maria-Magdalena-Gemeinde

Als überzeugte Feministin setzte sie sich vor 25 Jahren, als die Iserlohner Gesamtgemeinde in fünf Gemeinden aufgeteilt wurde, dafür ein, dass ihre Gemeinde einen weiblichen Namen bekommt. „Wer macht denn alles in der Kirche? Das sind doch die Frauen. Das ist doch einfach so.“ Und außerdem sei Maria Magdalena die erste gewesen, die die Auferstehung Jesu bezeugt habe – wieder die Nähe zu ihrem Vorbild Jesus.

Durch die Flüchtlingskrise vor fünf Jahren wurde ihre Haltung aktueller denn je. Sie war an vorderster Front mit dabei, als an der Friedrich-Kayser-Straße das Flüchtlingsheim eröffnet wurde und viele Akteure aus dem Stadtteil bemüht waren, unter anderem über das „Café International“ eine christliche Willkommenskultur am Hombruch zu etablieren. „Wenn ich Christsein wirklich ernst nehme, dann gibt es da keine zwei Meinungen und auch keine Diskussionen. Dann muss ich helfen“, sagt sie. „Und da muss man sich auch mal radikal für einsetzen.“ Sie selbst sei mit ihrer kompromisslosen Haltung auch durchaus mal angeeckt.

Damit macht sie nun auch weiter – ehrenamtlich im Stadtteil und in der Flüchtlingshilfe, vor allem mit dem NesT-Projekt. „Das ist glaube ich eine sehr gute Aufgabe“, sagt sie. Und Jesus als Vorbild nachfolgen – da gibt es schließlich keinen Ruhestand.

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