Musikschule

Andreas Hering – Virtuose und Entdecker

ndreas Hering hat in der Obersten Stadtkirche erstmals Werke von

Foto: IKZ

ndreas Hering hat in der Obersten Stadtkirche erstmals Werke von Foto: IKZ

Iserlohn.   Der Iserlohner Konzertpianist und Musikschullehrer ist als großer Klavierkünstler bekannt. Nun hat er einen bis dato vollkommen unbekannten Komponisten ausgegraben und spielt dessen Werke auf CD ein.

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Wer nachmittags eine Musikschule betritt, kann schon im Treppenhaus alle möglichen Instrumente hören. Aus allen Räumen dringt Musik – ein Sammelsurium unterschiedlichster Klänge, die sich zu einem wüsten Konzert verbinden. Morgens hingegen hüllt sich eine Musikschule normalerweise in Stille.

Normalerweise. In Iserlohn ist das anders. Dort hält Andreas Hering seine Finger in den Morgenstunden geschmeidig. Seit drei Jahren lebt der 32-Jährige in Iserlohn und unterrichtet an der Gartenstraße. Zusätzlich ist er einen Tag in der Woche als Dozent an der Leipziger Musikhochschule beschäftigt. Trotz seiner umfangreichen Lehrtätigkeit schafft es Andreas Hering aber, als Konzertpianist im Geschäft zu bleiben und als Virtuose voll im Saft zu bleiben. Bis zu 30 Konzerte gibt er jährlich im ganzen deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus – zuletzt zwischen Iserlohn, Berlin und Amsterdam. Er ist in der Klassikwelt bestens vernetzt und ein gefragter Kammermusikpartner.

Toller Solo-Abendin der Obersten Stadtkirche

„Das funktioniert aber nur, wenn ich permanent weiter an mit arbeite und mein pianistisches Niveau halte,“ sagt er, was auf gut Deutsch „üben, üben, üben“ bedeutet. Und so kommt es, dass Andreas Hering bis zu sechs Stunden am Tag pianistische Schwergewichte zwischen Beethoven und Liszt durchs Treppenhaus der Iserlohner Musikschule donnern lässt – ein gewaltiges Klangerlebnis, das einen unbedarften morgendlichen Besucher vor Ehrfurcht erstarren lässt.

In Iserlohn hat der Ausnahme-Pianist zuletzt in der Obersten Stadtkirche sein enormes Können in einem Solo-Abend am Flügel gezeigt. Auf Einladung des Evangelischen Kantorats hat er dem Publikum einen wunderbaren Abend geschenkt mit Humoresken von Reger und der von Brahms allein für die linke Hand bearbeitete Chaconne d-moll von Bach (eigentlich für Violine solo) – alles brillant gespielt und am Ende vom Publikum begeistert gefeiert. Als ganz besondere Punkte hatte er vier Kompositionen des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein im Programm. Er hat diese Stücke in der Obersten Stadtkirche zum ersten Mal öffentlich gespielt, und vermutlich sind sie dort auch erstmals seit rund 100 Jahren erklungen. Denn dieser Großherzog ist als Komponist komplett unbekannt. In musikalischer Hinsicht ist er eine Exklusiv-Entdeckung von Andreas Hering. Und das eine ziemlich außergewöhnliche Geschichte für sich.

Großherzog Ernst Ludwig (1868 bis 1937) ist als letzter Großherzog von Hessen-Darmstadt und Enkel der englischen Königin Victoria als Staatslenker alles andere als ein Unbekannter. Weniger bekannt ist allerdings, dass seine Mutter, Prinzessin Alice Maud Mary von Großbritannien und Irland, eine große Musikliebhaberin war und persönlich mit Brahms befreundet war. Es ist überliefert, dass der Großherzog als kleines Kind von den Besuchen des „Mannes mit Bart“ sehr beeindruckt war und dabei auch Zeuge war, wie Brahms neue Kompositionen im kleinen Kreis präsentierte.

Der Großherzog wurde so selbst zu einem sehr „kunstsinnigen Menschen“, der sich auch als Komponist versuchte. Ein Klavierzyklus ist vor 100 Jahren sogar verlegt worden, dennoch ist diese Seite des Großherzogs komplett in Vergessenheit geraten. Bis der Großherzog jetzt Thema beim Wetzlarer Kulturring war und ein findiger Historiker drei Handschriften von Klavierstücken des Adligen in die Hände bekam. Zur Illustration des dazugehörigen Vortrags wurde Andreas Hering engagiert, der die drei Stücke vortrug.

Kein Kassenrenner aber inder Fachwelt wahrgenommen

„Das bewegt sich nicht auf Höhe von Brahms, ist aber durchaus wert, mal gespielt zu werden“, urteilt der Iserlohner, der nach dem Gastspiel in Wetzlar auch sofort Feuer fing. „Es gibt Berge von Musik für Pianisten. Ein riesiges Standard-Repertoire, das im Grunde kein Mensch in seinem Leben spielen. Da eine eigene Nische zu finden, etwas neues auszugraben, das noch niemand gespielt und gehört hat, ist schon toll.“ Und genau das hat Andreas Hering gemacht. Er ist in die Archive gestiegen und hat weitere Handschriften gefunden – unter anderem auch die „8 Kompositionen für Klavier“, die er in der Obersten Stadtkirche zum Leben erweckt hat.

Gedruckte Noten gibt es nicht. Andreas Hering spielt den Großherzog ausschließlich nach Kopien der Handschriften, was schon ziemlich ungewöhnlich ist. Dafür wird es diese Kompositionen bald auf CD geben. Für März 2016 hat Hering die Aufnahmen im Barocksaal in Rostock terminiert, wo er einst studiert hat und wohin er noch gute Kontakte auch zu Tontechnikern und dergleichen hat. „Ein Kassenrenner wird das mit Sicherheit nicht“, sagt Andreas Hering lachend. Eine eigene CD aufzunehmen sei aber immer gut. Und eine mit so außergewöhnlicher Musik werde in der Fachwelt auch auf jeden Fall sehr stark wahrgenommen. Dort wird sich Andreas Hering dann nicht nur einen Namen als erstklassiger Pianist, sondern auch als Wiederentdecker verschollener Musik machen.

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