Flüchtlinge

Ankommen in neuer Heimat erleichtern

Bei Elena Rempel lernen die Jungs das Boxen.

Bei Elena Rempel lernen die Jungs das Boxen.

Foto: Michael May IKZ

Iserlohn.   Das Iserlohner Jugendamt betreut zurzeit mit Unterstützung verschiedener Träger 73 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Es duftet nach frisch gekochtem Essen. Doch das ist bereits verspeist, auf dem großen Tisch in der Küche haben nun Schulbücher und -hefte ihren Platz gefunden. Sechs Jugendliche sitzen über ihren Hausaufgaben. An sich nichts Außergewöhnliches, wären es nicht unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die beim „Verein Gemeinschaftsdienst Kinder, Jugend und Familie“ im Stübbeken untergebracht sind.

Jugendamtsleiter Kai Maibaum blickt etwa ein Jahr zurück: „Ab November, Dezember haben wir vor der Aufgabe gestanden, die unbegleiteten Flüchtlinge unterzubringen.“ Schnell mussten Strukturen geschaffen werden, da die Zahl der Zuweisungen durch das Land binnen kürzester Zeit gestiegen war. „Ad hoc waren es 15 Jugendliche, so dass wir uns schnell Hilfe beim Gemeinschaftsdienst geholt haben“, so Maibaum weiter. Bereits zum 1. Dezember wurde die so genannte Clearing-Station im Stübbeken eröffnet: Dort werden bis zu acht Jugendliche ab 14 Jahren betreut.

Im Auftrag des Jugendamtes übernimmt der Gemeinschaftsdienst das „Clearing“-Verfahren. Das beinhaltet die Klärung der Situation, der Vormundschaft und der Perspektiven der Jugendlichen, den Erwerb deutscher Sprachkenntnisse, Schulbesuch und vieles mehr. Außerdem muss ein Formular ausgefüllt werden, in dem die Fluchtgeschichte, der Gesundheitszustand und die Familienstruktur erfasst werden. Weiterführende Perspektiven können eine Familienzusammenführung, die Rückkehr ins Heimatland, eine weitere stationäre Unterbringung oder der Wechsel in eine eigene Wohnung sein.

In der idyllischen Anlage im Stübbeken waren bisher 27 Jugendliche untergebracht. Sie sind aus Afghanistan, Syrien, Somalia und dem Irak nach Deutschland gekommen. Bis auf drei Schwestern waren es ausschließlich Jungen, die von Michaela Aubel und ihren Kollegen betreut wurden. Sie kümmern sich übrigens um die einzige stationäre Wohngruppe dieser Art im Märkischen Kreis. „Wir wollten die Jugendlichen nicht in einer Turnhalle unterbringen, hier haben sie Doppelzimmer“, so Michaela Aubel. Sebastian Luck von der eigens eingerichteten Fachstelle „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ beim Jugendamt sagt: „Anfangs hat bei uns das Telefon nicht stillgestanden. Kollegen aus Dortmund und Bochum wollten bei uns Jugendliche unterbringen. Bis Februar hat ein katastrophaler Zustand geherrscht. Innerhalb von drei Monaten sind die Zahlen hier von 20 auf 60 gestiegen.“ Kai Maibaum sagt: „Selbst ich als alter Hase habe eine solche Schnelllebigkeit noch nicht erlebt.“

Die aktuellen Schützlinge im Stübbeken sind beim Pressetermin zwar ordentlich aufgeregt, stehen aber auf, wenn Besuch die Küche betritt, strecken die Hände aus und bieten Getränke an. Sie erzählen, dass sie die Realschule Hemberg, das Berufskolleg des Märkischen Kreises oder das Theodor-Reuter-Berufskolleg besuchen. Und dass sie beim ASSV Letmathe die Möglichkeit bekommen, Fußball zu spielen.

Deutsch-Unterricht und ehrenamtliche Einsätze

Ihr Wochenplan beinhaltet auch den ehrenamtlichen Einsatz bei der evangelischen Kirchengemeinde in Letmathe. Dabei machen sich die Jungs nicht nur nützlich, sie arbeiten zum Teil auch für ihre Zukunft: Denn die Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen, steigen mit dem Engagement und der geglückten Integration. Die steht für Maibaum und alle Beteiligten ganz oben. „Wir wollen, dass sie hier gut ankommen“, sagt der Jugendamtsleiter. Keine Frage, dass die Jungs im Stübbeken auch regelmäßig Deutschunterricht bekommen, der bei einigen schon deutliche Früchte getragen hat. Auf die Frage, wie es ihnen in der Wohngruppe gefällt, strahlen sie: „Gut!“

Die Teenager würden natürlich noch lieber in eine eigene Wohnung ziehen, doch so weit ist es noch nicht. Nach dem Clearing-Verfahren wechseln einige in ebenfalls vom Gemeinschaftsdienst betreute Wohngruppen. Eine davon ist an der Langerfeldstraße am Nußberg beheimatet. Über drei Etagen verteilt leben hier deutsche Jugendliche mit Flüchtlingen zusammen. „Sie lernen voneinander, helfen sich auch gegenseitig“, sagt Michaela Aubel. Eine der Bewohnerinnen ist die 17-jährige Dilreen, die mit einer acht- und einer 14-jährigen Schwester aus Kurdistan nach Deutschland gekommen ist. Zwei weitere Schwestern, bereits volljährig, waren in Schwelm angekommen. Der Gemeinschaftsdienst und das Jugendamt hatten sich um die Zusammenführung der Mädchen bemüht – mit Erfolg. Nun leben vier der Mädchen in einer eigenen Wohnung, schräg gegenüber von Dilreen, die sich für den Verbleib in der betreuten Gruppe entschieden hat.

Wie bei allen unbegleiteten Flüchtlingen übernehmen Mitarbeiter des Jugendamtes und des Diakonischen Vereins Iserlohn-Schwerte die Vormundschaft. Selbst wenn, wie bei den Mädchen aus Kurdistan, Verwandte in Deutschland leben, wird dies so geregelt, weil für die Erwachsenen die sprachlichen Hürden oft zu hoch sind. „Wir alle treffen uns regelmäßig, arbeiten auf Augenhöhe und mit kurzen Wegen. Sehr gut ist die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde“, lobt Michaela Aubel.

Partylärm oder Schmutz gibt es bei den Jungs nicht

Wer sich in der betreuten Gruppe bewährt, kann nach einer gewissen Zeit in eine Wohngemeinschaft ziehen. „Deutsche Jugendliche würden wir mit 16, 17 Jahren noch nicht so wohnen lassen, weil sie nicht reif genug sind“, erzählt Sebastian Luck, der zusammen mit Stephanie Wodaege und Nicole Pattio für alle 73 Flüchtlings-Teenager, die zurzeit in Iserlohn leben, zuständig ist. Was er meint, wird beim Besuch an der Schlesischen Straße deutlich. Dort leben seit Juli ein 17-jähriger Marokkaner und ein 16-jähriger Syrer, die dreimal wöchentlich Besuch von ihrem Betreuer bekommen. Und natürlich dann, wenn etwas anliegt. Für sie ist der Träger „Kompass Pädagogische Orientierungshilfe“ zuständig. Die Wohnung ist nicht nur blitzeblank, wenn die Presse angekündigt ist, sondern zu jeder Zeit. „Das klappt nicht nur mit diesen beiden Jungs sehr gut“, sagt Kai Brünen. Anders, als vielleicht bei deutschen Jugendlichen, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr bei ihren Familien leben können, gebe es mit Partys in den Flüchtlings-WGs keine Probleme. „Die Nachbarn sind nett, kommen selbst nicht alle von hier, und eine Frau versorgt die Jungs sogar manchmal mit Essen“, so Brünen.

Ihm bereitet die Zukunft des 17-jährigen Marokkaners Kopfzerbrechen. Denn seine Chancen auf Asyl sehen nicht rosig aus. Umso wichtiger sei es, dass Teenager wie er möglichst schnell Deutsch lernen, die Schule besuchen und sich integrieren. So wie der Marokkaner und der Syrer leben insgesamt elf junge Leute in sieben Kompass-Wohngemeinschaften. Ihnen werden die Wohnungen untervermietet, mit Erreichen der Volljährigkeit können sie sie übernehmen.

90 Prozent der unbegleiteten Flüchtlinge, die mit Onkels, Tanten, Großeltern oder Geschwistern nach Iserlohn gekommen sind und in eigenen Wohnungen leben, werden von Kompass betreut. Der Träger hat jetzt auch einen Schwimmkurs organisiert, der erste Unterricht ist am Donnerstag gelaufen. Ziel ist es auch, den Jugendlichen die Infrastruktur und das Vereinsleben näher zu bringen, damit sie auch Möglichkeiten finden, ihre Freizeit zu gestalten. Dies gelingt unter anderem durch ein Projekt in den alten Räumen der Letmather Rock und Pop Fabrik, wo die ehemalige Profiboxerin Elena Rempel mit acht bis zwölf Jugendlichen eineinhalb Stunden wöchentlich trainiert. Dabei stehen deutsche Jugendliche, die von Kompass betreut werden, neben Flüchtlingen an den Sandsäcken. Und auch da werden die kulturellen Unterschiede wieder deutlich: Ein afghanisches Brüderpaar betritt den Saal mit einem strahlenden Lächeln, beide begrüßen ihre Gegenüber mit einem Handschlag, während andere grußlos vorbeischlurfen.

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