Medizin

Apotheken im Ausnahmezustand

Nur das vordere Ende der Schlange – mit dem Aushang „Das Internet hat keinen Notdienst“machte die Apothekerin auf Probleme aufmerksam.

Foto: Thomas Reunert

Nur das vordere Ende der Schlange – mit dem Aushang „Das Internet hat keinen Notdienst“machte die Apothekerin auf Probleme aufmerksam. Foto: Thomas Reunert

Sümmern/Iserlohn.  Ungewöhnlich viele Patienten haben über die Weihnachtsfeiertage die medizinischen Notdienste gestürmt.

Zweihundertfünfundachtzig. Das ist die Zahl der Patienten, die am ersten Weihnachtsfeiertag an der Burgapotheke in Sümmern Schlange standen. Inhaberin Britta Gößling versah am Montag den Notdienst für den Raum Iserlohn, Hemer und Menden – „allein auf weiter Flur“, wie sie berichtet. In der Menschentraube an der Laventiestraße standen Waldstädter zusammen mit Nachbarn aus weitem Umkreis. Kein Wunder: Die nächste Gelegenheit, über Weihnachten an Medikamente zu kommen, lag 23 Kilometer entfernt in Altena, davon abgesehen konnten Betroffene nur nach Dortmund oder Arnsberg fahren.

„Invasionsartiger“ Andrang in Sümmern und Wermingsen

Normalerweise bewältigt Britta Gößling den Notdienst im Alleingang. Ihre Kunden bedient sie dann durch eine Sicherheitsschleuse an der Außentür – eine Maßnahme, mit der auch andere Apotheker sich vor Kriminalität schützen. Konfrontiert mit dem unablässigen Andrang setzte sie am Montag alle Hebel in Bewegung, um der Lage Herr zu werden. „Ich hatte mit großer Nachfrage gerechnet und das Lager entsprechend vollgestopft. Aber was sich da abgespielt hat, das war invasionsartig. Ich habe von 9 bis 17 Uhr Kunden bedient und es ist mir zu keinem Zeitpunkt gelungen, die Schlange abzuarbeiten.“ Zur Verstärkung forderte sie drei Mitarbeiter aus dem Weihnachtsurlaub an und öffnete die Türen, sobald diese eingetroffen waren, zum Vollbetrieb.

Ähnlich erging es am Dienstag der Schwanen-Apotheke in Wermingsen, die 300 Kunden zählte. Auch hier mussten zusätzliche Kollegen einspringen, um den Ansturm zu bewältigen, teilte eine Mitarbeiterin auf Anfrage mit.

Auch beim hausärztlichen Notdienst, für den das Elisabeth Hospital Räume zur Verfügung stellt, herrschte über die Feiertage Hochbetrieb. Zwei bis drei Stunden Wartezeit waren an der Tagesordnung, berichteten genervte Patienten. Auch in der Notaufnahme der Klinik war Geduld vonnöten – Krankenhaussprecher Christian Bers wirbt um Verständnis: „Wir müssen nach Dringlichkeit vorgehen. Jeder Fall wird in eine von fünf Kategorien eingestuft, die zumutbare Wartezeit reicht dabei von null bis 120 Minuten.“ Gute Erfahrungen habe die Klinik damit gemacht, die Wartenden regelmäßig über die Lage zu informieren. „Wir lassen keinen Patienten unversorgt gehen. Dass man unter Schmerzen eine andere Zeitwahrnehmung hat, ist uns bewusst“, betonte Bers.

Begrenztes Verständnis äußerten Mediziner und Apotheker im Gespräch mit unserer Zeitung über Bürger, die den ärztlichen Notdienst wegen Beschwerden aufsuchen, die seit Wochen bestehen und für die man werktags einen Termin beim Hausarzt machen sollte. Es müsse möglich sein, mit dem Arbeitgeber auszumachen, an solchen Tagen später zu kommen, findet Christian Bers. Manche kämen gar gezielt in die Notaufnahme, um den Wartezeiten der Praxis zu entgehen.

Unisono mahnen die Fachleute, alltägliche Medikamente auf Vorrat im Haus zu haben. „Einfache Schmerzmittel, Durchfallpräparate, Pflaster und dergleichen gehören genau so in den Haushalt wie in jede Reiseapotheke“, erklärt Britta Gößling. Den Notdienst übernehme sie gern, und die Lage der Familien mit kleinen Kindern, die in den Notdiensten stark vertreten sind, könne sie gut nachfühlen, zumal die Versorgung mit Ärzten und Apotheken sich vor allem in ländlichen Regionen verschlechtere. Sie beobachtet aber auch wachsende Sorglosigkeit und inkonsequentes Verhalten: „Es gibt Leute, die lassen sich von mir beraten und kaufen die Produkte dann online. Hinterher beschweren die sich, wenn Apotheken schließen und Notdienste eingeschränkt werden.“

Ein Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe kommentierte, der Andrang sei über die Feiertage in der Tat außergewöhnlich hoch gewesen, liege aber noch im Rahmen der tolerierbaren Schwankungen. Die Kammer legt die Notdienste in Absprache mit den Apotheken fest. Bei der letzten Reform im Jahr 2012 ist das Angebot deutlich gestutzt worden. „Entscheidend ist, dass alle Patienten versorgt werden, wenn auch nach längerer Wartezeit“, sagte der Sprecher und betonte den Notfall-Charakter des Angebots.

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