Iserlohn. Die Energiekrise ist in Iserlohn weiter spürbar. Thomas Stoltmann, Vertriebsleiter Stadtwerke, ordnete die Lage bei der Winteruniversität ein.

Welche Auswirkungen haben politische Krisen auf die weltweiten Strom- und Gasmärkte und was hat das mit den Endverbrauchern in Iserlohn zu tun? Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung zur Vermeidung einer Gasmangellage getroffen und was hat man getan, um die Bürger bei den Energiekosten zu entlasten? Fragen, die Thomas Stoltmann, Vertriebsleiter Individualkunden Stadtwerke Iserlohn, am Mittwoch im Rahmen der Winteruniversität beantwortete.

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„Als Energieversorger kaufen wir Strom und Gas an der European Energy Exchange-Börse, der EEX, in Leipzig ein“, erklärte Stoltmann. Da es sich um einen Terminmarkt handle, könne man dort schon heute den Strom fürs Jahr 2026 einkaufen, was gerade im Hinblick auf Energiepreis-Entwicklungen von Vorteil sein könne.

Enormen Energie-Preissteigerungen waren nicht zu erwarten

Der Vertriebsleiter zeichnete den kontinuierlichen Anstieg der Gaspreise nach. Dieser habe bereits vor dem Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 begonnen. „Nach dem ersten Schuss ist der Preis dann von 5 Cent pro Kilowattstunde (kWh) auf 7,5 Cent/kWh gestiegen“, erklärte er. Das sei eine bis dahin einzigartige Erhöhung gewesen – dass es noch schlimmer kommen solle, habe damals niemand vorhersehen können. Doch es kam schlimmer: Als im Juli 2022 bekannt wurde, dass Gazprom ab sofort die Gaslieferungen drosselt und diese im September 2022 ganz einstellte, sei das „wie ein Hurrikan“ gewesen, so Stoltmann.

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Damals sei man bei einem Preis von 30 Cent/kWh gewesen. „Hätten wir zu diesem Zeitpunkt unser Gas gekauft, hätten Sie als Kunden 40 Cent/kWh mehr bezahlt, weil auf den Kaufpreis noch diverse Steuern, Umlagen und Konzessionen aufgeschlagen werden“, so Stoltmann. Der Preissprung an der Börse habe im Sommer innerhalb eines Monats 50 Prozent betragen „Da hängen Existenzen dran – denken Sie zum Beispiel an einen Bäcker, der genau zu diesem Zeitpunkt seinen neuen Vertrag abgeschlossen hat – das wird eng.“

Stabile Strompreise in den USA

Die Preissteigerung sei auch in Asien deutlich spürbar gewesen. Eine Ausnahme seien die USA, hier seien die Strompreise bislang stabil geblieben. „Das ist ein großer Standortnachteil für deutsche Firmen, die mit Amerikanern konkurrieren“, so Stoltmann. Derzeit beziehe Deutschland sein Gas größtenteils aus Norwegen, Frankreich sowie den Niederlanden.

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Dem Horrorgespenst einer Gasmangellage im derzeitigen oder dem kommenden Winter erteilte Stoltmann eine Absage. Die Gründe: „Die Deutschen haben ihren Verbrauch um 20 Prozent gesenkt, der Winter war bislang mild und die Speicher sind relativ gut gefüllt.“

Steigende Gaspreise haben höhere Strompreise zur Folge

Die Preisentwicklung habe eine weitere Folge: Steigt der Gaspreis, zieht der Strompreis nach, denn die Kosten für Strom seien durch die sogenannte Merit-Order eng an den Gaspreis gekoppelt. Diese beschreibt die Veränderung der Preise auf dem Strommarkt unter Einbeziehung von Strom aus Kohle, Atomkraftwerken und Erneuerbaren Energien, wobei deren Anteil noch ausbaufähig sei. „Aber würden Sie gerne ein Windrad in Iserlohn stehen haben?“, fragte Stoltmann – und man spürte, dass das einhellige und laute „Ja“ der Besucher den Stromexperten erstaunte.

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Der Vertriebsleiter versprach: Als Stadtwerke in der Daseinsgrundversorgung tue man alles, um die Preise stabil zu halten. Stoltmann sparte – neben der Kritik an Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck – nicht an Schelte für „Discount-Versorger“, die Kunden mit kurzfristigen Billigpreisen gelockt hätten, dann aber habe die Preiserhöhung nicht lange auf sich warten lassen. Das habe auch Folgen für die Kunden der Stadtwerke gehabt: „Viele Kunden von Fremdversorgern haben nach den Preiserhöhungen ihre Verträge gekündigt und sind dann zurück in die Grundversorgung der Stadtwerke gefallen“, so Stoltmann.

Bemühungen der Regierung zur Entlastung der Bürger

Diese hätten mit der plötzlichen Kundenflut durch die „Wechsler“ nicht gerechnet und hätten Strom – zu höheren Preisen – nachkaufen müssen. Das habe dazu geführt, dass die Stadtwerke die bisherigen Preise nicht mehr hätten halten können, Preiserhöhungen seien die Folge gewesen – und die träfen über kurz oder lange alle Kunden, auch die jene, die dem Grundversorger schon lange die Treue hielten.

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Im Folgenden schilderte Stoltmann die oft auch extrem kurzfristigen Versuche der Bundesregierung, durch gesetzliche Regelungen und Hilfspakete von der Strompreisbremse über die Dezember-Soforthilfe bis zur Abschaffung der EEG-Umlage, die Belastungen für die Bürger zu verringern. Das habe den Mitarbeitern der Stadtwerke viel Arbeit beschert, weil die IT-Systeme immer wieder hätten umgestellt werden müssen.