Kultur

Atemlose Stille, wenn der Weltstar der Harfe losrauscht

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Xavier de Maistre sorgte im Parktheater für atemlose Stille.

Xavier de Maistre sorgte im Parktheater für atemlose Stille.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Der vielfach preisgekrönte Virtuose Xavier de Maistre verzaubert mit dem Orchester l’arte del Mondo das Publikum im Parktheater.

Bei den Namen Anne-Sophie Mutter oder Lang Lang geraten Liebhaber klassischer Musik schnell ins Schwärmen und überschlagen sich vor Begeisterung, während der Name Xavier de Maistre auch bei Insidern der Musikszene meist nur unwissendes Kopfschütteln hervorruft. Dabei spielen sie alle drei in der gleichen Liga, auf der gleichen musikalisch qualitativ erhabenen Höchststufe des Konzertbetriebs und sind die Weltstars ihrer jeweiligen Instrumentengattung.

Auch Männer haben so viel Feingefühl

Die Erklärung ist einfach: Anne-Sophie Mutter und Lang Lang haben mit der Violine und dem Flügel einfach wesentlich populärere Instrumente gewählt als Xavier de Maistre mit der Konzertharfe. Eigentlich überraschend, ist doch die Harfe eines der ältesten Instrumente überhaupt. Licht in die Geschichte dieses Instruments brachte Dr. Walter Ossenkop bei seiner traditionell vorgeschalteten Einführung im überfüllten Löbbecke-Saal. Unterstützt wurde er in diesem Fall von Ivana Melem, die nicht nur die Entwicklung der Harfe des Barocks bis hin zur Doppelpedalharfe, der heutigen Konzertharfe, erläuterte, sondern dies auch mit praktischen Beispielen erlebbar machte.

Oftmals wird die Harfe als Domäne von Frauen betrachtet. Kann ein Mann eigentlich ein so zart besaitetes Instrument adäquat sensibel, gefühlvoll und gleichzeitig virtuos einsetzen? Und ob er kann! Xavier de Maistre bewies dies äußerst eindrucksvoll im Parktheater, wo er am Donnerstag mit dem Orchester l’arte del Mondo ein Gastspiel gab.

Der 1973 in Toulon geborene Xavier de Maistre verliebte sich nach eigenen Angaben, im Alter von neun Jahren in seine Lehrerin, die Harfe spielte. Und seitdem ließ ihn dieses Instrument nicht mehr los. Bereits mit 20 Jahren bekam er die Stelle als Soloharfenist bei den Wiener Philharmonikern, ein Orchester, von dem sicher viele Musiker dieser Welt nur träumen – er aber gab diese Stelle auf, weil sie ihn nicht ausfüllte. Seitdem ist der vielfach preisgekrönte Xavier de Maistre rund um den Globus in den berühmtesten Konzerthäusern unterwegs, seine Harfen stehen in verschiedenen Ländern für ihn bereit, damit der aufwendige Transport dieses nicht eben kleinen Instruments einfacher gestaltet werden kann.

Konzentration auf Werke der Barockmusik

Bevor der Maestro die Bühne betrat wurde jedoch zunächst das Orchester l’arte del Mondo aus dem Orchestergraben in ein sehr beeindruckendes Bühnenbild mit herbstlich gefärbten und in Nebel eingehüllten Birken gefahren. Bereits hier, aber insbesondere im beeindruckend abgestimmten Zusammenspiel mit dem Solisten, überzeugte das Ensemble um Werner Erhardt mit großer Spielfreude bei gleichzeitig ungemein hoher Präzision und hoher Werktreue. Obwohl Xavier de Maistre dafür bekannt ist, auch die gesamte Breite der Musikepochen und –stile zu beherrschen und diese in seinen Konzerten zu berücksichtigen, konzentrierte er sich im Parktheater auf Werke des Barock, insbesondere von Antonio Vivaldi. Dabei waren es natürlich auch die virtuosen, rauschenden Arpeggien, die mit viel Feingefühl zelebrierten dahinfließenden Klangströme und die Tonkaskaden der schnellen Sätze Vivaldis, die Aufmerksamkeit erregten. In erster Linie waren es jedoch die, für barocke Werke, sehr intensiv gestalteten dynamischen und agogischen Kontraste, die fließend ins absolute Pianissimo führen konnten und die das Publikum verzauberten, in Spannung hielten und zeitweise eine atemlose Stille hervorriefen.

Etwas abseits rein musikalischer Kriterien zog eine begeisterte Zuhörerin augenzwinkernd in der Pause bereits ein Fazit: „Der Mann kann ja nicht nur toll spielen, der ist ja auch eine reine Augenweide…und dann noch Franzose!“ Dass Xavier de Maistre nicht nur durch die hier angedeuteten Qualitäten und natürlich seine musikalische Genialität besticht, sondern auch sehr viel Humor besitzt, bewies er in einer seiner solistischen Zugaben, einer sehr ausgelassenen und ausgesprochen witzigen Variation über ein bereits von Paganini verarbeitetes Thema, bei uns besser bekannt als „Mein Hut der hat drei Ecken“.

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