Interview

„Auch Biden ist nicht auf Kuschelkurs“

Lesedauer: 15 Minuten
Natürlich ist der Iserlohner Journalist Jan Philipp Burgard heute mit Herz und Seele der digitalen WELT-Welt verbunden, aber die gedruckte Zeitung - gerade auch wie seine Heimatzeitung - hat in seinen Augen eine (fast) unerschütterliche Zukunft. 

Natürlich ist der Iserlohner Journalist Jan Philipp Burgard heute mit Herz und Seele der digitalen WELT-Welt verbunden, aber die gedruckte Zeitung - gerade auch wie seine Heimatzeitung - hat in seinen Augen eine (fast) unerschütterliche Zukunft. 

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Berlin.  Ein Gespräch mit Jan Philipp Burgard über die Tragik des Terrors, die Zukunft Amerikas und die Herausforderungen des Journalismus.

Wer sich für Nachrichten – zuletzt vor allem aus den USA der Trump-Ära – interessiert, hat sein Bild schnell vor Augen, denn der Iserlohner Journalist und Buchautor Jan Phillip Burgard hat lange Jahre als Korrespondent aus Amerika für die ARD berichtet. Nun hat sich im Leben des Mannes, der gern und mit stolzer Leidenschaft erzählt, dass er seine ersten journalistischen Gehversuche bei der Heimatzeitung gemacht hat, einiges getan. Zeit für ein Update und auch einen Hinweis mit tragischer zeitgeschichtlicher wie auch lokaler Bedeutung.

Frage: Hallo, Jan Philipp, wie wahrscheinlich die meisten Nachrichten-Interessierten habe ich noch die Bilder im Kopf, wie Du für die ARD vor dem Weißen Haus in Washington stehst und über das Treiben von Donald Trump und dessen Polit-Wellen berichtest, die durch die USA und die Welt mäandert sind. Und nun sitzt Du an nicht weniger bedeutsamer Stelle in Berlin und bist Chefredakteur des Fernsehsenders WELT. Warum der Sinnes- und Senderwandel?

Jan Philipp Burgard „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in meinem Lieblingsgedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Und nach mehr als vier Jahren in den USA bot sich nun die Chance auf solch einen Neuanfang. WELT ist der Marktführer unter Deutschlands Nachrichtensendern. Uns schalten täglich im Durchschnitt 5,2 Millionen Menschen ein. Von morgens 6 bis abends 20 Uhr sind wir werktags 14 Stunden durchgehend live mit Nachrichten auf Sendung. Und selbstverständlich berichten wir auch am Wochenende. Dieses Programm mitgestalten und verantworten zu dürfen, macht mir als „Nachrichtenjunkie“ sehr viel Freude. Und dann auch noch mit einem wunderbaren Team arbeiten zu können, das jeden neuen Nachrichtentag professionell und leidenschaftlich angeht, war ein einmaliges Angebot.

Man hört, Du arbeitetest in Deiner Position und Funktion verstärkt und mit Leidenschaft auch an der Verzahnung der klassischen Print- und Digitalproduktionen mit der Fernseh-Welt. Auf ein Wort – haben mit Druckerschwärze auf Papier gedruckte Zeitungen aus Deiner Sicht eine tatsächliche Zukunft oder werden wir am Ende nur noch hören und Bewegtbild sehen?

Print und Digital sind bei WELT schon immer exzellent verzahnt. Da ist die Marke absoluter Vorreiter. Ich selbst lese Zeitung immer noch sehr gerne auf gedrucktem Papier und glaube fest an ihre Zukunft. Gleichzeitig zeigt Axel Springer, zu dem der Nachrichtensender WELT gehört, wie digitaler Journalismus funktioniert. Unsere Geschichten sind eben nicht nur in der Zeitung oder auf WELT.de zu lesen, wir setzen viele Recherchen jetzt auch für das Fernsehen um oder als kürzeres Video für WELT.DE. Ein Auslandskorrespondent, der früher „nur“ für Print und WELT.de geschrieben hat, steht plötzlich auch vor der Kamera. Eine Enthüllungs-Story über die Ausbreitung der italienischen Mafia in Deutschland ist jetzt nicht nur in der WELT AM SONNTAG zu lesen, sondern auch im TV zu sehen oder als Podcast zu hören. Diese „Verzahnung“, wie Du es nennst, ist ein wichtiger Teil meiner täglichen Arbeit.

Und noch eine Frage von Journalist zu Journalist: Wird es auch weiterhin Beiträge von tatsächlichen Journalistinnen und Journalisten geben, die länger als 140 Twitter-Zeichen oder fünfminütige Tiktok-Beiträge sind? Und wird es dafür vor allem auch weiterhin einen Markt der Interessierten geben?

Davon bin ich überzeugt. Die WELT AM SONNTAG zum Beispiel erfreut sich weiterhin sehr großer Beliebtheit. Mit ihren langen Texten, ihrer Themenmischung und ihrem modernen Layout wird sie auch in Zukunft Leserinnen und Leser gewinnen. Und auch den Iserlohner Kreisanzeiger, den ich auch in Amerika regelmäßig online gelesen habe, kann ich mir beim besten Willen nicht als reine Twitter- oder Tiktok-Publikation vorstellen. Dafür hast allein Du doch viel zu viele gute Geschichten aus unserer Heimatstadt zu erzählen.

Bleibt Dir selbst den aktuell noch genügend Zeit, neben all den administrativen Tätigkeiten noch journalistisch ins Rad zu greifen?

Tatsächlich nimmt das journalistische Management einen großen Teil meines Tages in Anspruch. Aber trotzdem bin ich auch hin und wieder noch auf dem Bildschirm präsent. Diese Woche zum Beispiel habe ich ein Fernseh-Interview mit Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz geführt, das am Tag darauf auch in der Zeitung zu lesen war. Darüber hinaus habe ich gerade eine lange TV-Reportage zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September produziert.

Kurz noch mal zurück zum Korrespondenten Burgard: Die Politik in Deutschland kommt längst nicht mit so viel Radau daher wie in Amerika. Ist das Leise, aber Klare ohnehin nicht eher die Welt des Jan Philipp Burgard?

Nach den lauten, manchmal schrillen Tönen der Trump-Jahre fühle ich mich wirklich gerade sehr wohl als Beobachter der etwas unspektakuläreren deutschen Debattenkultur. Je länger ich in den USA lebte, desto anstrengender, ermüdender empfand ich das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima. Selbst Familien entzweiten sich im Streit über die Politik.

Kann sich jemand, der in Deutschland oder auch in Europa seinen aktuellen Lebens- und Erfahrungsmittelpunkt hat, das derzeitige Amerika in seiner Zerrissenheit auf der einen Seite, aber mit den scheinbar nach wie vor tatsächlich unbegrenzten Möglichkeiten überhaupt vorstellen?

Die meisten Deutschen verbinden mit Amerika die großen, glänzenden Metropolen wie New York, Miami oder San Francisco, die sie in der Regel aus der Perspektive eines Touristen erleben. Aber wenn man das ländliche Amerika bereist, sieht man viel Armut, Verzweiflung und Wut. Die USA sind in vielerlei Hinsicht eben doch nicht mehr das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, sondern ein Land im emotionalen Ausnahmezustand. Manchmal haben die USA mir sogar Angst gemacht. Darüber habe ich auch mein neues Buch geschrieben, das „Mensch, Amerika!“ heißt und am 30. September erscheint.

Trump hat in seiner Regierungszeit gesagt, Amerika brauche Europa weder wirtschaftlich noch militärisch noch politisch zwingend, Biden scheint das anders zu sehen. Nun gibt es natürlich ja auch nicht „d-e-n“ Amerikaner, wir wissen um die Diversität der beiden politischen Blöcke. Aber gibt es trotzdem so etwas wie eine Volkes-Grundhaltung? Sind wir noch Freunde?

Bei meinen Reisen habe ich bei den Menschen fast immer eine große Sympathie gegenüber Deutschland gespürt. Wenn ich sagte, wo ich herkomme, öffneten sich viele Türen. Viele Amerikaner haben deutsche Vorfahren, waren mal mit dem Militär in Deutschland oder kennen jemanden mit einem deutschen Schäferhund. Dennoch ist auch Präsident Biden nicht gerade auf „Kuschelkurs“ mit der Bundesrepublik. Im Streit um den Beitrag, den Deutschland gemäß der NATO-Verpflichtung für Verteidigung ausgeben soll, ist Biden genauso unnachgiebig wie Trump. Biden hält auch an Trumps Corona-bedingten Einreisebeschränkungen für Deutsche fest. Wir sind immer noch wirtschaftliche und militärische Partner, aber die USA wollen kein „Weltpolizist“ mehr sein und schlagen einen isolationistischen Kurs ein.

Spekulationsfrage: Kommt Trump noch einmal zurück?

Ein Comeback Trumps halte ich für möglich. Seine Unterstützerbasis ist immer noch gewaltig groß. Und das Afghanistan-Desaster hat Joe Biden schwer geschadet. Solche Schwächen wird Trump versuchen, für sich zu nutzen. Ich würde ihn auf keinen Fall abschreiben. Totgesagte leben länger.

Das Denken in Amerika ist mit großer Sicherheit auch geprägt von den ungeheuerlichen Ereignissen des 11. September 2001, als al-Quaida-Terroristen mit zuvor entführten Passagierflugzeugen die Türme des World Trade Center anflogen, deren Fassaden durchschlugen, die brennenden Türme so zum Einsturz brachten und letztlich den Tod von 2753 Menschen herbeiführten. Plötzlich war der Terror in der Weltmitte angekommen. Du hast Dich jetzt ganz aktuell in einer Dokumentation mit diesem Thema auseinandergesetzt. Menschen neigen in immer schneller werdenden Zeiten zum Verdrängen und absichtlichen Vergessen. Wie lebt der Amerikaner nach zwanzig Jahren mit der Tragödie?

Der 11. September ist und bleibt ein nationales Trauma für Amerika. Die Bilder haben sich für immer ins kollektive Gedächtnis des Landes eingebrannt. Die Weltmacht wurde vor 20 Jahren so schwer wie vielleicht nie zuvor verletzt und in ihrem Selbstverständnis einer vermeintlich unbesiegbaren Nation erschüttert. Die Auswirkungen des 11. September, die Folgen der Kriege in Afghanistan und im Irak, sind ja auch heute noch spürbar.

Ich kann mich an den Tag des Verbrechens und die Stunden danach noch genau erinnern. Und zwar auch deshalb, weil schon relativ schnell das Gerücht die Runde machte, dass – auch wenn die ganze Dimension des Katastrophe noch gar nicht annähernd feststand – auch ein Iserlohner unter den Betroffenen und Opfern sein könnte. Ein Gerücht, das dann schließlich auch ziemlich schnell und unwiderruflich zur tragischen Gewissheit wurde. Der Iserlohner Mitbürger und Bankangestellte Sebastian Gorki konnte am Ende identifiziert und auf die Opferliste gesetzt werden, weil er zu einem Termin in eben jenem WTC seinen Bankausweis mitgenommen hatte. Und genau diesem Schicksal bist Du – neben anderen – in Deiner Recherche und Produktion auch gefolgt. Ich denke und vermute, dass es von allen Seiten zunächst einmal nicht unerhebliche Vertrauenshürden zu überwinden galt. Worauf hast Du Dich bei den Recherchen und Gesprächen konzentriert?

Mir ging es darum, Sebastian Gorki in besonderer Form zu gedenken. Ich hatte gelesen, dass sein Vater Manfred Gorki sich vergeblich um ein Denkmal für die deutschen Terroropfer bemühte. Deshalb entstand in meinem Kopf die Idee, Sebastian zumindest ein filmisches Denkmal zu setzen. Außerdem kannten meine Eltern Manfred und Marlis Gorki, sodass ich eine zusätzliche Verbundenheit spürte und mich fragte, wie die Eltern mit diesem schweren Verlust fertig wurden. Außerdem habe ich mich immer gefragt, wie es Sebastian Gorkis Sohn wohl geht, der seinen Vater nie kennenlernen konnte. Ich selbst hatte im Juni 2001 plötzlich und unerwartet meinen Papa verloren, den ich sehr liebte. Als ich im September live im Fernsehen die Zwillingstürme einstürzen sah, dachte ich sofort an die vielen Kinder, die in diesem Moment auch ihre Väter verloren. Als ich später von Sebastians Sohn Nico erfuhr, spürte ich das Bedürfnis, ihn kennenzulernen. Genau das schrieb ich ihm in einer Email. Wenige Stunden später antwortete er und wir verabredeten uns zu einem langen und sehr intensiven Videotelefonat.

Journalisten gelten in der gängigen Volksmeinung nicht selten als abgehärtete bis seelenlose Kreaturen, die nur die gute, die spektakuläre, also die in diesen Zeiten nachgefragte Geschichte im Blick haben. Wie sehr musstest Du Dich selbst überwinden, den Kontakt zur Familie Gorki aufzubauen und so zunächst einmal eine Gesprächsbasis zu finden?

Schon vor einigen Jahren habe ich einfach zum Telefon gegriffen und Frau Gorki von meinen Gedanken erzählt. Wir wollten uns eigentlich schon vor einiger Zeit mal in New York treffen, aber dann kamen logistische Gründe und Corona dazwischen. Jetzt, zum 20. Jahrestag der Anschläge, hat es dann endlich geklappt. Ich bin Marlis und Manfred Gorki sehr dankbar für die Offenheit und das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht haben. Und am Ende ist sogar Bewegung in die Denkmal-Frage gekommen. Denn wir haben gemeinsam den Kontakt zu Paul Ziemiak gesucht, der versprochen hat, sich politisch für ein Mahnmal für die deutschen Terroropfer zu engagieren.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es oftmals dennoch immer wieder passiert, dass Gefühle die eigene Abschottung durchbrechen und man versucht ist, die Berichterstatter-Ebene zu verlassen und zum Anteil-Nehmer zu werden. Gehört nicht zu jeder ehrlichen journalistischen Arbeit auch ein gutes Stück Emotionalität?

Grundsätzlich sollten Journalisten natürlich objektiv sein und ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle haben, um professionell berichten zu können. Gleichzeitig ist Einfühlungsvermögen und eine gesunde Herzensbildung eine wichtige Voraussetzung, um diesen Beruf auszuüben. Schließlich hat man es jeden Tag mit unterschiedlichen Menschen und Schicksalen zu tun. Im Falle meiner Reportage über die Tragödie der Familie Gorki, konnte und wollte ich meine eigenen Gefühle aber nicht unterdrücken. Schon während unseres Gespräches bei den Eltern zu Hause in Iserlohn und auf dem Friedhof kamen mir manchmal die Tränen. Besonders beim Anblick eines Fotos von Sebastian, auf dem er aus jeder Pore große Lebensfreude ausstrahlte.

Deine Reportage wurde vor einer Woche schon einmal ausgestrahlt, kommt aber zum 20. Jahrestag der Tragödie noch einmal auf den WELT-Sendeplan. Die Tonprobleme, die es bei der Erstausstrahlung gab, wurden inzwischen beseitigt. Ist Dein Film aber – ohne es damit künstlich überhöhen zu wollen – nicht letztlich auch ein mahnendes Zeitdokument für die Ewigkeit? Zumal der Terror nicht zuletzt durch die Afghanistan-Krise ja offenbar wieder neuen Nährboden gefunden hat?

Es freut mich, dass Du den Film als mahnendes Zeitdokument wahrnimmst. Es war mir ein großes Anliegen, das Leben von Sebastian in den Vordergrund zu stellen. Seine damalige Lebensgefährtin Paula hat mir zum Beispiel von seinem Humor erzählt und von ihrem ersten Kuss. Sie ist für den Film zum ersten Mal seit den Anschlägen zu der Wohnung zurückgekehrt, in der sie damals lebten. Durch ihre Erzählungen wurde Sebastian in diesem Film wieder ein bisschen lebendig. Es bleibt etwas von ihm. Gleichzeitig zeigt uns sein Tod, wohin islamistischer Fanatismus führen kann und dass wir das als Gesellschaft nicht tolerieren dürfen. Marlis Gorki hat mir gesagt, dass sie den Film sehr gelungen fand. Das hat mir viel bedeutet.

Die Reportage „Leben und Sterben am 11. September – eine Familiengeschichte“ von Dr. Jan Philipp Burgard ist nach der bereits erfolgten Ausstrahlung beim Fernsehsender WELT weiterhin auf YouTube zu finden: https://youtu.be/OZPKk3qAwp0

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