Show-Gedanken

Auch der Martin will ja nur spielen . . .!

Nach vorne: Das ist die Lieblingsrichtung von Martin Rütter.

Nach vorne: Das ist die Lieblingsrichtung von Martin Rütter.

Foto: Wolfgang Meutsch

Iserlohn.  Persönliche Erinnerungen an gemeinsame Wege und ein kleiner Versuch etwas zu erklären, was man eigentlich nicht erklären kann.

„An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit!“ Das singen seit die „Toten Hosen“ schön laut und aus voller Brust und meinen damit eben Tage, die auf ihre Art eben ganz besonders sind. Ob sie beim Komponieren ihres Werkes auch tatsächlich oder wenigstens vielleicht die Besuchstage oder Sprechstunden von Hundeversteher Martin Rütter in Iserlohn meinen oder gemeint haben, soll an dieser Stelle mal dahingestellt bleiben. Kann sein, ist aber vielleicht doch eher unwahrscheinlich. Dass es dennoch ganz besondere Tage sind, darf aber inzwischen wohl als unbestritten gelten. Eigentlich ja einmal eine gute Zeit, etwas zurückzublicken, auch in ein paar ganz persönlichen Erinnerungen zu kramen.

Wir schreiben den 29. März 2003. Ein Montag. Ich hatte ein paar Wochen vorher einen gewissen Martin Rütter in einer Sendung bei Bettina Böttinger gesehen. Er sei Hundetrainer, hieß es zunächst. Dort saß er zusammen mit einer mir ebenfalls unbekannten Pferdefachfrau auf dem Sofa und gab höchst unterhaltsam Auskunft über das jeweilige Seelenleben der durchaus ja in vielerlei Hinsicht unterschiedlichen Vierbeiner. Nun fand ich allerdings schon damals Pferde nicht sonderlich spannend. Außer einigen, wenigen Wellensittichen und drei Goldfischen hatte sich bis dato in meinem Leben auch wenig Tierisches abgespielt. Allerdings hatten dann die 80er-Jahre eine gravierende Wende gebracht, denn ziemlich genau in der Mitte waren nicht nur meine spätere und heutige Frau, sondern dazu eben auch ein überaus fröhlicher und in allen Situationen engagiert agierender Jagdhund namens Justus wie ein Götterblitz in mein Leben getreten. Und hatten auch mich damit ganz schön mit dem Hundeliebe-Virus infiziert. Zwar hatte es anfangs mich nicht ganz so doll erwischt wie meine Frau. Aber immerhin auch schon ganz schön schön doll.

Mit einem Saatkörnchen wurde ein ganzer Acker bestellt

Justus war durch eine unheilbare Erkrankung leider kein wirklich langes Leben vergönnt. Und dessen Platz hatte dann nach einjähriger Abstinenz schließlich der „Mann aus der Mülltonne“, der Freddy eingenommen. Und weil er ja schnell seine eigene Kolumne in der Heimatzeitung hatte und auch sofort einen ziemlichen Fanclub sein eigen nennen durfte, wurde mir schnell klar, dass Hunde durchaus in unserer Gesellschaft ein Mega-Thema sind. Menschlich wie auch journalistisch. Nach Freddy kam dann – wieder nach einer recht kurzen Kunstpause - eben der Don Antonio des Hasta Luego, auch bekannt als Don Toni, in unser Leben. Und dann eben auch noch zur vorläufigen Krönung der Martin.

Womit wir also wieder bei der besagten Böttinger-Sendung sind. Damals stand dieser ziemlich unbekannte Martin Rütter ja sogar noch im Telefonbuch. Ich rief ihn also an, teilte ihm mit, dass ich ihn zwar für durchaus interessant, aber eben (noch) nicht für einen Star halten würde, es also keinen Sinn machen würde, mich an einen Manager zu verweisen (der er damals ohnehin noch nicht hatte) und fragte nach einem Besuchs- und Interviewtermin auf seinem damaligen Übungsgelände. Er stimmte etwas murmelig zu, konnte aber – wie ich fand – überraschenderweise noch nicht einmal einen Hund bieten, der mir bei meinem Besuch als Foto-Model hätte dienen können. Von der Existenz seiner damaligen Herzens-Hundedame Mina erfuhr ich erst Jahre später. Also beschloss ich erstens meine Frau und zweitens unseren Toni zum Treffen mitzunehmen. Dass Toni zu diesem Zeitpunkt – er war ja erst wenige Wochen bei uns – noch nicht gern Auto fuhr und uns beziehungsweise dem Fotografen-Kollegen kurz vor Remscheid fast in den Nacken gekotzt hätte, will ich an dieser Stelle auch nur am Rande erwähnen.

Jedenfalls stiegen wir am Ort des späteren Rütter-Geschehens aus dem Auto und Toni strullte zunächst einmal überaus selbstbewusst an den Zaun des Rütter-Grundstücks. Was der Meister – glaube ich – damals auch nur mäßig fand. Oder eben frech. Oder auch pöbelig. Ein Wort, das mich beziehungsweise uns danach noch lange begleiten sollte.

Es kam dann, wie es ja vielleicht nicht hätte kommen müssen, wie es aber am Ende doch kam: Wir hatten irgendwie relativ schnell einen gewissen Draht zueinander. Schnell war auch die ursächlich geplante Geschichte geschrieben und in mir keimte – vielleicht aus reinem Übermut – die Idee, Theaterdirektor JoJo Jostmann doch mal zu fragen, was er denn wohl sagen würde, wenn ich mal den Martin fragen würde, ob er seine versammelten Bello-Weisheiten nicht einmal vor einer etwas größeren Gruppe von Hundefreunden erzählen würde. Vielleicht auch an einem dafür eher ungewöhnlichen Ort? Zum Beispiel in einem Theater? Genauer gesagt: Im Parktheater?

Jostmann dachte einen Moment nach, fragte vorsichtshalber noch einmal kurz nach meinem aktuellen geistigen Gesundheitszustand, griente dann für eine Sekunde leicht in sich hinein, zuckte schließlich mit den Schultern und sagte: „Warum nicht?! Ist mal was anderes.“ Ziemlich ähnlich war dann ein paar Tage übrigens auch die Rütter-Reaktion. Die Saat war also ausgebracht.

Kann sich noch jemand an die ersten vier Euro erinnern?

Womit wir nun auch endlich wieder am 29. März 2003 angekommen wären. Theaterdirektor Jostmann hatte wohl innerlich – was er heute allerdings vehement bestreitet – der „ganzen Sache mit diesem Hundeversteher, den Du da kennengelernt hast“ doch leicht misstraut, denn er setzte den ersten Eintrittspreis auf ebenso verlockende wie nahezu geschenkte vier Euro fest.

Kleiner Einschub: Dieser Begriff und spätere – sagen wir ruhig mal - Markenname „Hundeversteher“ ist im Gespräch bei uns nur dadurch zustande gekommen, weil wir beide „Hundeflüsterer“ eigentlich übereinstimmend doof fanden.

Der Rest ist aus heutiger Sicht schon fast Geschichte. Die Tickets für den ersten Rütter-Abend gingen bereits im Vorverkauf weg wie warme Hundekuchen, Jostmanns Hoffnung, „es wenigstens unten im Parkett so halbwegs voll zu bekommen“ war bereits nach einer einzigen Ankündigung und wenigen Stunden überholt, der ganze Laden war oben und unten in nur wenigen Stunden ausverkauft. Und am nächsten Tag gleich noch einmal.

Martin Rütter erzählt heute ja noch gerne über die damalige Zeit seiner Anfänge, dass er seine Vorträge in Clubzimmern von Jägerheimen oder auch schon mal in einem VHS-Raum gehalten hatte. „So dreißig bis vierzig Leute“ seien schon gekommen damals. Aber eben nicht 800 Leute auf einen Rutsch. Und er sagt, er sei damals auch ganz schön aufgeregt gewesen, als er zum ersten Mal die mächtige Parktheater-Bühne betreten hätte. Eine gewisse Aufregung an dem ersten Abend will ich ihm auch bis heute wohl noch abnehmen, aber Bühnen-Angst hat dieser Mann nach meinem heutigen Wissenstand nie gehabt. Und auch bis heute nicht. Früher hätte man wohl gesagt, er hat in dieser Beziehung das „Gemüt von einem Fleischerhund“. Das ist aber heute bestimmt nicht mehr politisch korrekt. Also sage ich besser: Er hat das Nervenkostüm von einem Basset unter Baldrian. Selbst in den größten Hallen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ist der Hausmeister vorm Auftritt wahrscheinlich aufgeregter als Martin Rütter. Martin ist – auch wenn er damit nicht zu biologischen Gruppe der Caniden gehört – eine „Rampensau“.

Wenn der Hund großen Spaß an Käsefüßen hat

Aber noch einmal zurück zum ersten Abend in Iserlohn. Wir hatten vereinbart, dass er was Grundsätzliches und gern auch Unterhaltsames erzählt zu Hundeerziehung allgemein und dann auch Fragen aus dem Publikum zulässt. Das war der Plan. Das ging aber nicht, weil sich jedes Mal achthundert Fragesteller gleichzeitig meldeten. Also haben wir angefangen, in der Pause Fragen zu sammeln, die ich dem Meister dann auf der Bühne vortragen sollte. Ein System was wir übrigens bis heute beibehalten haben.

Eigentlich sind die Fragen auch neben den Versatz-Stücken aus den Bühnen-Programmen die heimlichen Höhepunkte. Natürlich geht es immer wieder um Hunde, die das Autofahren nicht vertragen, die den unermüdlichen Postboten gern schreddern möchten, die beim Spaziergang keiner Klopperei mit Schwächeren und Stärkeren aus Weg gehen, die zehn Mal am Tag in den Wald wollen und am Ende doch lieber an die Garderobe pieseln. Aber da sind eben die Fälle und Schicksale, in denen der Hund deutlich mehr zu sagen hat als der Ehemann, in denen es schon seit Jahren keinen Besuch mehr gibt, in denen der Hund zwar ins Auto einsteigt, anschließend aber den Fahrer nicht mehr zusteigen lässt, in denen es um die Frage geht, wie man Lumpi im Laufe des Neujahrstages nach dem nächtlichen Feuerwerk wieder aus dem Wäscheschrank herausbekommt. Und es gibt auch schon mal überraschende Informationen, wie zum Beispiel die, dass Hunde, die „ihrem Menschen“ gern und ununterbrochen die Füße lecken, einfach großen Spaß an Käse haben.

Aber da ist noch etwas, was JoJo Jostmann und auch mich in der Tat stark verwundert. Am Anfang steht oft die Frage, wer im Saal denn überhaupt einen Hund hat. Es melden sich meistens noch nicht einmal 50 Prozent. Okay, es gibt auch noch ein paar Katzen-Freaks, die sich verschämt aufzeigen, aber der Rest kommt offensichtlich einfach so. Aus Spaß und Lust auf gute Laune.

So kann man am Ende auch zu einem neuen Sohn kommen

Diese Lust verspüren ja offensichtlich auch die vielen, vielen Menschen, die inzwischen bei den immer ebenfalls schon Wochen vorher ausverkauften Rütter-Auftritten im Hemeraner Grohe-Forum waren und sind. Bei einer dieser Veranstaltungen bekam unsere persönliche Verbindung übrigens noch einen ganz anderen Dreh. Meine Frau und ich waren zu einer Vor-Premiere eingeladen, hatten reservierte Plätze und wurden in der Pause durch eine Seitentür in den Backstage-Bereich geführt. Im Vorbeigehe hörte eine Frau zu einer anderen sagen: „Die beiden kenne ich. Das sind Martins Eltern.“

Ich habe mir oft die Frage gestellt, was den Mann, der nach wie vor bei so ziemlich jedem Anlass – ob Haus- und Kundenbesuch, Bühnenshow, Bambi-Verleihung oder Staatsakt – in einem Kleidungsstil rumläuft, in dem andere nicht mal den Keller aufräumen würden, der vor nichts und niemandem Angst zu haben scheint, was ihn so hat zum Abräumer in der Unterhaltungsbranche werden lassen. Wie er es schafft, dass eigentlich oftmals ja gar nicht ganz so lustige Metier des Vierbeiner-und Zweibeiner-Psychologen, Benimm-Coaches und Marotten-Kurierers mit der Kunst der Auslösung von wahren Fan-Hysterien und endlosen Warteschlangen an Eintrittskarten-Häuschen zu verbinden. Einzige Antwort zum jetzigen Zeitpunkt: Es ist so, weil er so ist, wie er ist. Punkt!

Fest steht aber in jedem Fall, dass der Weg von Hinterzimmern der kleinen Jagdgrüppchen in die Top-Einschalt-Listen mehrerer deutscher Fernsehsender auf jeden Fall über Iserlohn, Alexanderhöhe, geführt hat.

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