Kunst

Aus der Zerstörung etwas Neues erschaffen

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Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Der erfolgreiche syrische Künstler Tammam Azzam zeigt seine „Collagen“ in der Villa Wessel

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Aus dem prüfendem Blick wurde gestern Nachmittag ziemlich schnell ein sehr erfreutes Lachen. Tammam Azzam kam vom Stadtbahnhof direkt in die Villa Wessel, um einen ersten Blick auf die Ausstellung mit seinen Werken zu werfen. Und seine Begeisterung war sofort spürbar: Die Räume, die ausgewählten, großformatigen Collagen, die Anordnung, die Atmosphäre – alles gefiel ihm bestens.

Joachim Stracke, der die Ausstellung als Kurator der Villa Wessel gehängt hat, hat Tammam Azzam und seine Arbeiten schon lange verfolgt. Er hat sich darum bemüht, den Syrer zu verpflichten, und schließlich ist es ihm auch gelungen, den international erfolgreichen Künstler nach Iserlohn zu holen. Und auch hier ist er immer noch fasziniert von dieser Kunst. „Er löst das unheimlich gut auf“, sagt er, tritt an ein Bild heran und zeigt, wie aus Schnipseln ein Motiv, eine Szene wird.

Zerrissenes Papieraus der ganzen Welt

Mit „Auflösen“ meint Stracke den Übergang vom Nicht-Gegenständlichen zum Gegenständlichen, an deren Schnittstelle Azzam sich bewegt. Er bedient sich einer sehr ausgefeilten und individuellen Collage-Technik, bei der er hunderte und tausende kleiner Papierschnipsel und -streifen übereinander klebt. Ein Sammelsurium aus ganz unterschiedlichen Papieren, die Azzam in der ganzen Welt gesammelt hat, die er bearbeitet und bemalt, um sie dann zu zerreißen und neu zu einem bunten, unruhigen Gewimmel zusammenzusetzen.

Und dann löst es sich beim Betrachten auf. Gestalten und Menschen treten aus dem Wust heraus. Richtig plastisch kommen sie auf den Betrachter zu, ein Mann im Vordergrund läuft quer durchs Bild, man erkennt düstere Gesichter, eine Menschenmenge auf der Flucht.

Die persönliche Geschichte von Tammam Azzam hebt Bilder wie dieses, das eines der zentralen Punkte der neuen Ausstellung „Collagen“ in der Villa Wessel ist, noch einmal auf eine andere Ebene. 1980 in Damaskus geboren und an der dortigen Universität auch zum klassischen Maler ausgebildet, musste er seine Heimat 2013 wegen des Krieges in Richtung Dubai verlassen. In Ermangelung eines Ateliers wurde aus dem Maler auf der Flucht ein Mann der Fotomontage – für Photoshop brauchte er nur einen Laptop.

Ein Bild aus der damaligen Zeit ging um die Welt und hat ihn berühmt gemacht: „Freedom Graffiti“ – eine raffinierte Foto-Collage, bei der er Gustav Klimts „Der Kuss“ über eine zerbombte und durchlöcherte Häuserwand aus Damaskus legt, ein künstlerischer Geniestreich, bei dem sich die schwarzen, eckigen Elemente aus dem Klimt-Gemälde nahtlos in die Schusslöcher des Gemäuers fügen und das Bild zu einem täuschend echten Graffito mit unendlich starkem Symbolgehalt zwischen Liebe und Krieg machen.

Vom Maler zumCollagenkünstler

Hohen Symbolwert hatte dann auch seine Arbeitsweise. Er bekam eine Einladung und ein Stipendium des Hanse-Wissenschaftskollegs Delmenhorst. Anstatt in seinem dortigen Atelier aber wieder zum Pinsel zu greifen, entwickelte er seine eigene Collage-Technik.

So wie er früher den Pinsel geführt hat, setzt er nun Papierschnipsel: zerrissenes Papier, das er zu etwas Neuem zusammensetzt – eine Analogie zu seiner Heimat, die ebenfalls zerstört wurde und (hoffentlich) in der Zukunft wieder neu aufgebaut wird.

Inzwischen arbeitet und lebt Tammam Azzam mit seiner Familie in Berlin. Und er stellt viel aus – nicht nur in Deutschland, sondern auch in London, in den USA und verstärkt im Nahen Osten. In Iserlohn ist auch „Freedom Graffiti“ aus dem Jahr 2013, dem Jahr seiner Flucht aus Syrien zu sehen. Dazu zwölf weitere Collagen aus der Berliner Galerie Kornfeld, die ihn betreut.

Ausstellung beginnt heute

Die Ausstellung „Collagen“ von Tammam Azzam wird heute um 19 Uhr in der Villa Wessel eröffnet.

Neben dem Künstler wird der Berliner Galerist Alfred Korngeld anwesend sein, um über seine Arbeit mit Azzam zum berichten.

Die künstlerische Einführung übernimmt die Kunstexpertin Karin Adrian von Roques aus Katar.

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